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| 16:01 Uhr

Hoyerswerdas Dirigentin Eva Meitner
„Ich fühle mich manchmal wie eine Zauberin“

 „Dirigieren ist die unmittelbarste Form der Kommunikation“. So beschreibt es Eva Meitner, seit 2015 Chefdirigentin der Hoyerswerdaer Sinfoniker.
„Dirigieren ist die unmittelbarste Form der Kommunikation“. So beschreibt es Eva Meitner, seit 2015 Chefdirigentin der Hoyerswerdaer Sinfoniker. FOTO: Rainer Könen
Hoyerswerda. Die Erweckung kam bei ihr während des Schulmusikstudiums: Eva Meitner ist die Dirigentin des Sinfonischen Orchesters Hoyerswerda. Von Rainer Könen

Ein Dienstagnachmittag in der Hoyerswerdaer Musikschule. Dort werde man ja sicher einen Raum finden, wo man sich in Ruhe unterhalten könne, meint Eva Meitner, als man sie kontaktiert.

Im Raum 206 erinnert so wenig an das Abschlusskonzert der diesjährigen Hoyerswerdaer Musiktage, wo das Sinfonische Orchester Hoyerswerda unter ihrer Leitung vor wenigen Wochen für mächtige Beifallsstürme sorgte und sie mit ihrer konzentriert-dynamischen Leitung die Musiker förmlich mitgerissen hatte. Jetzt gelingt es nicht in dieser teenagerhaften zugewandten dunkelhaarigen Frau von 36 Jahren, die in Shirt und Hose vor einem sitzt, die Dirigentin dieses furiosen Abschlusskonzertes wiederzufinden. Haften geblieben sind noch ihre eleganten Gesten, mit denen sie jeden der Takte ausdirigierte, diese sanfte aber bestimmende Ausstrahlung.

     Das Sinfonische Orchester spielt unter Eva Meitner zum Abschluss der Hoyerswerdaer Musikfesttage 2019.
Das Sinfonische Orchester spielt unter Eva Meitner zum Abschluss der Hoyerswerdaer Musikfesttage 2019. FOTO: Katrin Demczenko

Frau Meitner, wie viel besser als männliche Mitbewerber muss man eigentlich sein, damit frau ans Dirigentenpult darf? Die Antwort kommt schnell: „Mindestens doppelt so gut.“ Damit ist man auch schon beim eigentlichen Thema dieses Gesprächs. Wieso gibt es so wenige Dirigentinnen? In Deutschland gebe es bei den 113 Berufsorchestern nur drei Dirigentinnen, weiß sie. Sie schüttelt den Kopf, schwer zu verstehen. Aber „die Position Dirigent ist nach wie vor in vielen Köpfen immer noch männlich besetzt“, meint die Leipzigerin. Von Frauenquote hält sie jedoch wenig. „Ich möchte nicht der Quote wegen vorne stehen“. Tut sie auch nicht. Sondern, weil sie das, was sie am Dirigentenpult vorführt, kann. Ziemlich gut sogar. Hört man von Kollegen, von den Musikern des Sinfonischen Orchester Hoyerswerda.

Als vor vier Jahren die Dirigentenstelle in der Zuse-Stadt ausgeschrieben war, hatte sie sich beworben, war sogleich genommen worden. Man brauche normalerweise immer eine ganze Weile, bis man mit einem Orchester harmoniere, Vertrauen aufgebaut werden könne. Aber, sie lächelt wieder, „hier hat das überraschend schnell geklappt.“ Vom musikalischen Leistungsvermögen der Musiker in Hoyerswerda war sie ohnedies sofort angetan. „Dabei ist das hier ein Laienorchester“. Es ist ein dankbares Orchester, das sie da leitet, dorthin führt, wo man gemeinsam hin möchte und auch hinkommt. „Wir sind bisher bei den Konzerten jedes Mal über uns hinausgewachsen“, erzählt sie. Sie betont dabei das „wir“ und schaut zufrieden und glücklich.

Das ist sie auch mit ihrem Leben. Sie ist Freiberuflerin, „nicht immer einfach, aber ich wollte es ja so“, so die Chefdirigentin der Hoyerswerdaer Sinfoniker. Seit einem Jahr leitet sie auch das Freie Orchester Leipzig. „Alles Frauen, wir spielen Stücke von Komponistinnen“.  Dazu kommen noch Gastdirigate, in Erfurt, in Dresden, arbeitet sie als Lehrbeauftragte im Fach Dirigieren an der Erfurter Universität.

Manchmal schaut sie noch an ihre Anfänge zurück. Als sie während ihres Schulmusikstudiums erstmals einen Taktstock in den Händen hielt. Eine Art Erweckungserlebnis sei das gewesen, „ich merkte sofort, das ist es, was ich machen will“. Sie erzählt davon, wie überrascht sie gewesen sei, als man sie in der Dirigentenschmiede Deutschlands, in der Weimarer Hochschule für Musik, aufnahm. „Hätte ich nie mit gerechnet.“ Sie, die gar nicht aus einer musikalisch-geprägten Familie kommt. Die in Niederbayern aufgewachsene Frau, beschreibt, wie es sich anfühlt, wenn sie vorne steht. „Ich bin dann in einer anderen Welt“, die Konzentration auf das Werk, auf die Musiker, alles koste so immens viel Energie, die zahlreichen Entscheidungen, die man während eines Konzerts millisekundenschnell treffen müsse.

Spürt sie, dass sich ihre Vorstellungen verwirklichen, sei das ein unbeschreiblich erfüllendes Gefühl. Kurz nach einem Konzert schwebe sie meist, nun ja, „wie im Himmel“. Am folgenden Tag „bin ich aber körperlich platt“.  Sie brauche dann die Stille, die Natur. Bei Spaziergängen erholt sie sich, schöpft kreative Kraft, neue Ideen.

Dienstags freut sie sich, wenn sie sich auf den Weg nach Hoyerswerda macht.  Um sich vorzubereiten, auf das nächste große Konzert in der Stadt, wo sie am Dirigentenpult stehen wird, vor sich die Musiker, hinter sich das Publikum in der Lausitzhalle. Und sich dabei „wie eine Art Zauberin“ fühlen wird. Darauf hoffend, dass es danach wieder heißt: Maestra, das war ein wunderbares Konzert.