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| 19:13 Uhr

Landtagswahl 2019
Die AfD triumphiert in Hoyerswerda

 Doreen Schwietzer ist erst seit 2018 Mitglied der AfD.
Doreen Schwietzer ist erst seit 2018 Mitglied der AfD. FOTO: Katrin Demczenko
Hoyerswerda. Die Lausitz nach der Landtagswahl: Die AfD stellt in den beiden Wahlkreisen im Norden des Kreises Bautzen den Direktkandidaten. CDU, SPD und Linke müssen teils heftige Einbußen hinnehmen. Von Sascha Klein

Tag 1 nach der Sachsen-Wahl. Für einige ist es Tag 1, um Wunden zu lecken. Einer von denjenigen ist Frank Hirche. Der CDU-Landtagsabgeordnete aus Hoyerswerda hat am Sonntag eine bittere Niederlage einstecken müssen – wenige Tage nach seinem 58. Geburtstag. Gegen die kommunal- und landespolitisch unerfahrene AfD-Kandidatin Doreen Schwietzer hat er seinen Wahlkreis verloren. Am Ende hat die Hoyerswerdaerin 624 Stimmen vor Hirche gelegen, ein Unterschied von 2,3 Prozentpunkten. Das Zünglein an der Waage ist dabei die Stadt Hoyerswerda selbst gewesen. Auch in seiner Heimatstadt hat die AfD-Frau, die erst 2018 in die Partei eingetreten ist, ihn bezwungen.

Hirche sagt Danke für zehn Jahre Parlamentsarbeit

Am Tag danach ist Hirche eher wortkarg. Auf seiner Facebook-Seite sagt er Danke für zehn Jahre Parlamentsarbeit. „Ich habe versucht, für unsere Stadt und Region Zeichen zu setzen“, schreibt er. Die meisten, die auf diesen Post reagieren, stimmen ihm zu. Die RUNDSCHAU erreicht ihn am Vormittag. „Jetzt gilt es erst einmal, Luft zu holen und zu schauen, wie es weitergeht“, sagt er.

 Frank Hirche war von 2009 bis jetzt im Landtag.
Frank Hirche war von 2009 bis jetzt im Landtag. FOTO: LR / Sascha Klein

„Ich habe gewusst, dass es schwer wird“, betont Hirche. Erst recht, nachdem die AfD in Hoyerswerda noch am Wochenende vielfach Flyer gesteckt und Stimmung gegen eine vermeintliche Privatisierung des Klinikums gemacht hat. Am Sonntagabend bestätigte sich Hirches Verdacht schließlich: Hoyerswerda geht an die AfD – und mit der Stadt der Wahlkreis. Hirche ist nach zehn Jahren im Landtag raus.

Hirche mit Plan B

Das bedeutet: Offiziell ist der CDU-Mann demnächst arbeitslos. Hat er einen Plan B? „Ich habe immer einen Plan B“, sagt er. Er will in den nächsten Tagen und Wochen ausloten, was möglich ist. Näher dazu äußern will er sich so kurz nach den Wahlen nicht. Er sagt nur: „Verloren ist verloren. Das war eine demokratische Wahl.“

Für die AfD bedeutet dieses Ergebnis den bislang größten Erfolg in der Oberlausitz. Via Facebook hat die AfD-Regionalgruppe Hoyerswerda bereits am Sonntagabend gefeiert. Auf blauem Untergrund heißt es dort: „Wir danken Euch. AfD stärkste Kraft im Kreis. Wir haben das Direktmandat und den gesamten Wahlkreis Bautzen gewonnen.“

Schwietzer will Politik von unten machen

„Ich freue mich sehr“, sagt Wahlsiegerin Doreen Schwietzer, als sie die RUNDSCHAU am Montagnachmittag erreicht. Sie hatte den Wahlabend erst als Wahlbeobachterin begleitet, anschließend mit den Mitstreitern in der Regionalgruppe verbracht. Wann sie realisiert hat, dass sie gewinnt: bei der Auszählung des letzten Briefwahlbezirks in Hoyerswerda. „Da konnte man sich das ausrechnen“, sagt sie. Welche Stärken sie im Landtag einbringen will: Wirtschaft, Soziales, Finanzen. Die 46-Jährige freut sich auf die neue Aufgabe: „Ich möchte Politik von unten gestalten.“ Dazu will sie als Landtagsabgeordnete auch mit den Verantwortlichen in der Region viel kommunizieren.

Büchner ohne Chance auf Direktmandat

Ein gutes Ergebnis erreicht – und doch verloren: So geht es Ralph Büchner nach der Sachsen-Wahl. Seine Linken haben im Freistaat massiv Stimmen eingebüßt. Er hat aufgrund des Zweikampfs zwischen Doreen Schwietzer und Frank Hirche keine Chance auf das Direktmandat im Wahlkreis Bautzen 4 gehabt. Trotzdem sind 12,6 Prozent dafür ein gutes Ergebnis. In Hoyerswerda kam Büchner, der in einem Elfgeschosser in der Neustadt lebt, sogar auf 16,3 Prozent.

Für ihn persönlich bedeutet das Abschneiden seiner Linken den Verlust des Arbeitsplatzes. Büchner war rund zehn Jahre lang wissenschaftlicher Mitarbeiter der Landtagsabgeordneten Marion Junge (Linke) in Kamenz. Die hatte bei diesem Wahlausgang mit Listenplatz 21 jedoch keine Chance auf den erneuten Einzug in den Landtag. „Ab 1. Oktober bin ich arbeitslos“, sagt Büchner am Montag. Jetzt gelte es, die Linken-Büros in Kamenz und Radeberg auszuräumen. Danach muss sich der 57-Jährige nach einem neuen Arbeitsplatz umsehen.

Trotzdem ist Büchner nicht gram. Es werde irgendwie weitergehen, sagt er. „Die ersten 20 Jahre in der Kommunalpolitik habe ich auch komplett im Ehrenamt gemacht und war arbeiten – teils sogar im Drei-Schicht-System.“

Hirche befürchtet Schwierigkeiten für Hoyerswerda

Was sich für Hoyerswerda und den Norden des Kreises Bautzen ändern wird: Zum ersten Mal seit 29 Jahren hat die Stadt per Landtagsmitglied keinen direkten Draht zur Staatsregierung. Bisher ist es Hirche gewesen, der in Dresden immer wieder den Blick auf Hoyerswerda gelenkt und etliche Förder-Millionen für die Region beschafft hat. „Ich habe die Befürchtung, dass es für Hoyerswerda jetzt schwieriger wird“, sagt der 58-Jährige, der weiterhin CDU-Fraktionschef im Stadtrat ist. „Jetzt können sich andere beweisen, dass sie etwas können“, bemerkt er süffisant. Von fünf Wahlkreisen im Kreis Bautzen hat die CDU mit Aloysius Mikwauschk und Marko Schiemann nur zwei gewinnen können.

Auch für die Linken bedeutet der Wahlausgang eine Zäsur. Die Büros in Kamenz und Radeberg fallen weg. Es bleiben alleine die Kreisgeschäftsstelle in Bautzen sowie das Büro der Bundestagsabgeordneten Caren Lay in Hoyerswerda.

Die Zweitstimmenverteilung im Wahlkreis Bautzen 4 (siehe Grafik) ist jedoch zweigeteilt. Fünf von acht Städten und Gemeinden hat die AfD gewonnen. Am Deutlichsten ist das Votum in Neschwitz ausgefallen. Dort hat die AfD 44,6 Prozent der Zweitstimmen errungen, das sind 539 der 1209 gültigen Stimmen. Auch in Spreetal (41,1 Prozentpunkte), Königswartha (40,5) und Puschwitz (43,8) ist die AfD über 40 Prozent gekommen. In Hoyerswerda, in der Elsterheide und in Radibor war die CDU stärkste Kraft bei den Zweitstimmen.

Knappe Entscheidung um das Direktmandat

Ganz knapp ist die Entscheidung um das Direktmandat im Wahlkreis Bautzen 3 ausgefallen, zu dem auch die Städte Wittichenau, Bernsdorf und Lauta gehören. Dabei ist es CDU-Kandidat Mathias Kockert nicht gelungen, das vakante Mandat zu erringen. Zum Hintergrund: Bautzen 3 war zuvor der Wahlkreis von Ex-Ministerpräsident Stanislaw Tillich. Kockert bekam von den Wählerinnen und Wählern 11 605 Stimmen (31,5 Prozent), sein AfD-Widersacher Timo Schreyer 158 mehr (11 762; 31,9 Prozent). Dahinter folgt mit weitem Abstand Sachsens FDP-Chef Holger Zastrow mit 13,5 Prozentpunkten. Chancenlos waren auch die anderen Direktkandidaten mit Werten zwischen 4,6 Prozent (André Dubiel-Umlauft von der SPD) bis 8,5 Prozent (Silvio Lang von den Linken).

Timo Schreyer hatte bei den Erststimmen bis auf Wittichenau und Radeberg überall die Nase vorn. Dafür holte sich Mathias Kockert in seiner Heimatstadt Wittichenau 55,2 Prozent der Erststimmen – was jedoch mit Blick auf den gesamten Wahlkreis nicht für ihn gereicht hat. Der Königsbrücker Timo Schreyer hatte in Oßling mit 41,8 Prozentpunkten sein bestes Erststimmenergebnis.

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