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| 01:55 Uhr

Hoyerswerda 2050: Mehr als die Hälfte sind alt

Als Käthe Barth vor 80 Jahren in Hoyerswerda geboren wurde, lebten auf dem heutigen Stadtterritorium 11 000 Menschen. Als Kornelia Schäfer vor 30 Jahren hier zur Welt kam, begann die gewachsene Stadt, zu schrumpfen. Ihr Sohn Kurt ist vier Wochen alt und einer aktuellen Projektion zufolge werden Kurts Mitbürger, falls er mit 40 noch hier ist, in der Mehrzahl Menschen im Alter von Käthe Barth sein. Foto: Gernot Menzel
Als Käthe Barth vor 80 Jahren in Hoyerswerda geboren wurde, lebten auf dem heutigen Stadtterritorium 11 000 Menschen. Als Kornelia Schäfer vor 30 Jahren hier zur Welt kam, begann die gewachsene Stadt, zu schrumpfen. Ihr Sohn Kurt ist vier Wochen alt und einer aktuellen Projektion zufolge werden Kurts Mitbürger, falls er mit 40 noch hier ist, in der Mehrzahl Menschen im Alter von Käthe Barth sein. Foto: Gernot Menzel FOTO: Gernot Menzel
Hoyerswerda. Natürlich, sagt Dorit Baumeister, müsse man über die Entwicklung von Hoyerswerda in den kommenden 40 Jahren nachdenken: „Es geht ja um grundlegende Funktionen der Stadt, um ihre sinnvolle Ausdehnung etwa und auch darum, dass Investitionen nicht fehlgeleitet werden.“ Von Mirko Kolodziej

Die Situation ist ein wenig kurios. Das Dresdener Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung hat im Auftrag der Stadtverwaltung getan, was Dorit Baumeister so lobt. Man muss dazu die über die Jahre mit Schrumpfung stark befasste Architektin (Superumbau, Hier bin ich geboren, Dritte Stadt) und andere Außenstehende befragen.

Baudezernent Dietmar Wolf hatte schließlich schon im Juni wissen lassen, dass die Studie "Hoyerswerda 2050" vorerst unter Verschluss bleiben werde; das Institut in Dresden verweist an den Auftraggeber, also die Stadt Hoyerswerda .

Die Zahlen, die seit im Juni bei einem Arbeitstreffen zur Studie unter anderem im Raum stehen, haben es in sich. Bisher gab es Bevölkerungs-Prognosen bis 2025. Von 24 000 Hoyerswerdaern ging das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in diesem Jahr aus. Die Leibnitz-Experten haben nun in drei Varianten weitere Projektionen für 2035 und 2050 errechnet.

Demnach prognostizieren sie für 2035 rund 28 000 Einwohner - aber nur, falls bis dahin keiner mehr wegziehen würde. Ansonsten sollten wohl so zwischen 17 000 und 19 000 Menschen "übrig bleiben". Für 2050 gehen die Wissenschaftler auf Grundlage der gegenwärtigen Zahl an Geburten und Todesfällen von 21 500 Einwohnern aus - mögliche Weg- und Zuzüge eingerechnet, könnten es aber auch nur noch 9000 bis 11 000 sein. In diesem Fall wäre die komplette Neustadt mit ihren jetzigen Bauten zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich überflüssig, denn allein in der Altstadt ist Platz für 9000 Menschen, für weitere 5000 in den Ortsteilen.

Aber ob das wirklich so kommt? Dorit Baumeister glaubt das aufgrund der natürlichen Dynamik des Lebens eher nicht. Der Berliner Architektur-Kritiker Wolfgang Kil sagt trotzdem, er sei "erschüttert". Die Zahlen der Studie seien "deprimierend". Allerdings meint er damit weniger die Anzahl der Einwohner, denn: "Die Zahlen lassen natürlich außen vor, dass unvorhergesehene Dinge passieren können - etwa ein ,Kupfer-Rausch' in Spremberg." Davon ließe sich vielleicht profitieren, meint er. Das stark schrumpfende Köthen biete schließlich auch Wohnraum für Leute, die am boomenden Chemie-Standort Bitterfeld arbeiten.

Was Wolfgang Kil aber so alarmiert, ist das Alter der künftigen Hoyerswerdaer. Im Bundesschnitt werden 2050 rund 30 Prozent der Bevölkerung älter als 65 sein. Für Hoyerswerda liegt die Zahl laut Leibnitz-Projektion dann bei 60 Prozent - bei nicht einmal zehn Prozent Kindern und Jugendlichen. Kil sagt, das werde die zentrale Herausforderung für Hoyerswerda sein: "Darin, wie man eine Stadt kleiner macht, haben wir inzwischen Erfahrungen. Die Frage ist nun: Wie macht man sie altersgerecht?"

Der Anthropologe Felix Ringel, der die schrumpfende Stadt erforscht hat, fasst das Ergebnis der Studie lakonisch zusammen: "Hoy wird weniger und älter. Das wiederum haben wir auch vorher schon gewusst." Und: Wie sähe denn eine Stadt mit 9000 Leuten aus? Es werde also nichts anderes bleiben, als munter weiterzuleben. Dann könne man 2050 sagen, ob die Wissenschaft recht gehabt habe oder nicht, so Ringel.

Zum Thema:

Zahlen1632: 800 Einwohner1861: 4061 Einwohner*1910: 8231 Einwohner1957: 18 783 Einwohner1960: 29 431 Einwohner1970: 62 908 Einwohner1980: 74 481 Einwohner1989: 71 484 Einwohner1995: 60 595 Einwohner2000: 50 203 Einwohner2005: 42607 Einwohner2011: 36 338 Einwohner*ab hier jeweils mit den heutigen ländlichen Ortsteilen(Die Angaben sind verschiedenen Statistiken der Stadtverwaltung entnommen)