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| 02:40 Uhr

Hoch hinauf gestiegen und tief gestürzt

Forst. Heinrich von Brühl (1700 -1763) war zu seiner Zeit einer der mächtigsten Politiker Europas. Sein 250. Todestag wird in diesem Jahr groß gefeiert. Sein Aufstieg bis zum mächtigen Gegenspieler des Preußenkönigs Friedrich II. erinnert in manchen Punkten an den amerikanische Traum vom Tellerwäscher, der zum Millionär wurde. Bodo Baumert

Geboren wird Heinrich von Brühl am 13. August 1700 im heute thüringischen Gangloffsömmern als Sohn des Gutsherren Hans Moritz von Brühl. Auf ein Erbe darf er als fünftes Kind kaum hoffen, so bleibt dem Spross des Provinzadels nur eine höfische Karriere. Mit 13 Jahren kommt Brühl als Page an den Hof des Herzogtums Sachsen-Weißenfels, wo sein Vater arbeitet. Im Gefolge der Herzogin Friederike Elisabeth gelangt der junge Brühl später e nach Leipzig und schließlich an den Hof August des Starken in Dresden.

Stotternder Start

Dort allerdings ist von einem raschen Aufstieg des jungen Silberpagen zunächst nichts zu sehen. "Was immer er sich ausgerechnet haben mag, nach einer steilen Karriere schaut es schwerlich aus", schreibt der Historiker Walter Fellmann in seiner Brühl-Biografie. Erst nach 14 Jahren als Page schafft es Brühl 1727 endlich zum Kammerjunker, was allerdings verglichen mit seinen Altersgenossen immer noch ein mickriger Posten ist - allerdings einer, den Brühl für sich zu nutzen weiß. Bereits zwei Jahre später gehen alle Berichte an den Kurfürsten durch Brühls Hände, trägt er August dem Starken vor, was dieser aus den endlosen Akten wissen muss.

Über den Weg, wie Brühl an diese zentrale Stelle kam, gibt es unterschiedliche Legenden, je nachdem, wie wohlgesonnen der jeweilige Autor Brühl ist. Das Abfassen kurzer Vermerke über den Inhalt der Akten obliegt eigentlich Kabinettsekretär Carl Pauli. Als der aufgrund zu starken Alkoholgenusses einmal nicht in der Lage ist, springt Brühl ein. Und seine kurze Zusammenfassung begeistert den wenig an Details interessierten Kurfürsten. Fortan darf Brühl die Akten aufarbeiten. Böse Zungen behaupten, Brühl habe Pauli absichtlich betrunken gemacht. Andere verweisen darauf, Pauli sei Alkoholiker gewesen. Fest steht: Brühl ist im Zentrum der Macht angekommen - und liefert mit dem Zeithainer Lustlager 1730 sein Meisterstück ab.

Der Meister des Lustlagers

Das Lustlager zwischen Riesa und Großenhain ist eine grandiose Truppenschau Augusts des Starken, der seine militärische und Pracht vor den Augen der europäischen Mächte zur Schau stellen will. 30 000 frisch ausgerüstete Soldaten sollen Sachsens Macht demonstrieren. Das vierwöchige Lager ist aber nicht nur die größte Truppenschau seiner Zeit, es ist auch ein barockes Fest, das seines gleichen sucht. Für die "Lustbarkeiten", die bleibenden Eindruck bei den Herrschern der Zeit hinterlassen, zeichnet Brühl verantwortlich. Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. verleiht ihm dafür noch vor Ort den Adlerorden. August der Starke lässt eine Reihe von Auszeichnungen folgen: 1731 Chef des Steuerwesens, Geheimrat, Leiter des Departments Inneres, 1732 Vizesteuerdirektor und Inspektor sämtlicher Schlösser, 1733 Leiter des Kammerwesens. Mit Anfang 30 ist Brühl plötzlich der Star und einer der jüngsten Geheimräte und Minister.

Mühsam hat sich Brühl hochgearbeitet, das Zeithainer Lustlager, das er mit viel Verschwendungssucht inszeniert hat, hat ihn dann auf einen Schlag reich und berühmt gemacht. "Wie Politik gemacht wird, das meint er in Zeithain begriffen zu haben", schätzt Walter Fellmann ein.

In der Folge beschleunigt sich Brühls Karriere. Er übernimmt die Aufgaben des Finanzministers, des Außenministers, wird von Kabinettssitzungen freigestellt, um August auch auf Reisen begleiten zu können. 1733 stirbt August der Starke in Warschau. Brühl regelt den Nachlass, ist aber abhängig von der Gunst des Nachfolgers, Kurfürst Friedrich August II. Der betraut Brühl zunächst mit der Vorbereitung seiner Königswahl in Polen. Die ist dem jungen Kurfürsten Herzensangelegenheit, um den Fortbestand der Personalunion Sachsen-Polen zu sichern. Allerdings gibt es einen Alternativkandidaten: den von Frankreich geförderten früheren polnischen König Stanislaus I. Leszczynski. Eine große Konföderation polnischer Adeliger wählt diesen tatsächlich zum König. Doch Sachsen schlägt zurück. Mithilfe russischer Truppen wird Friedrich August II. als August III. auf den polnischen Thron gebracht. Brühl besorgt das nötige Geld und leitet zusammen mit Alexander Sulkowski die Außenpolitik, die letztlich zum Erfolg führt.

Der Diplomat Europas

Nachdem Friedrich August II. seinen Thron hat, bleibt nur noch die Frage, welcher der starken Minister sich nun durchsetzt. Das Rennen macht Brühl. 1738 konzentriert er auf Wunsch des Königs alle Departements auf sich. "Er hatte eine ganz ungewöhnliche Fülle von Ämtern inne, und war faktisch seit 1738, als erster Minister für die gesamte Außen- und Innenpolitik verantwortlich. Das geht soweit, dass gelegentlich der König-Kurfürst umgekehrt als Marionette seines Ministers dargestellt wird", schätzt Jan Klußmann, Stadtarchivar in Forst, ein. "Heinrich von Brühl war damit einer der wichtigsten und zugleich umstrittensten Personen im augusteischen Sachsen", ergänzt Simone Neuhäuser, Kuratorin der Verbundausstellung zu Brühl und Friedrich II. Mit dem Preußenkönig liefert sich Brühl in den Folgejahren einen großen Schlagabtausch, zunächst auf diplomatischem Parkett, später auch auf dem Schlachtfeld. "Brühl setzte auf Verbündete und galt zeitweilig als einer der fähigsten europäischen Diplomaten", so Historiker Fellmann. 1746 wird Brühl folgerichtig Premierminister. Er ist der starke Mann Sachsens, schmiedet Bündnisse, die den Preußen Kopfzerbrechen bereiten.

Gegen den auf diplomatische Regeln pfeifenden Risikospieler Friedrich II. zieht Brühl aber schließlich den Kürzeren. Im Siebenjährigen Krieg wird Sachsen von der preußischen Armee besetzt und muss den Großteil der anfallenden Kriegskosten bezahlen. August III. und Brühl flüchten nach der Kapitulation der sächsischen Armee mit einem Teil des Hofstaates nach Polen, wo sie bis zum Kriegsende bleiben. Friedrich II. lässt Brühls Schlösser plündern und zerstören. Nichts soll an seinen Gegenspieler erinnern.

Brühl ist an allem Schuld

Erst nach dem Ende des Krieges kehren August III. und der gesundheitlich bereits stark angeschlagene Brühl ins bankrotte und stark zerstörte Sachsen zurück. "Brühl hatte seinen Einfluss auf die europäische Politik verloren", schätzt Fellmann ein. August stirbt 1763, Brühl hat seinen Gönner verloren und dankt ab. Nur wenige Tage später erliegt auch er einem Asthmaleiden und stirbt am 28. Oktober.

Für Brühls zahlreiche Gegner schlägt jetzt die Stunde. Sie machen den mächtigen Minister zum Alleinschuldigen für die Finanzmisere Sachsens. Ein Prozess wird angestrengt, der Brühls Schuld vor aller Welt beweisen soll. "Man hat Brühl vorgeworfen, er habe bei seinem Tod rund vier Millionen Reichstaler Schulden bei der Staatskasse gehabt. Nur war sein Handeln stets durch den Landesherrn, den Kurfürsten, gedeckt, der mit seinen Erlassen und Reskripten Brühls Aktionen Legitimität verlieh", so Klußmann.

Der angestrebte prozess kommt allerdings nie zustande. Zu ungewiss scheint dem neuen Kurfürsten xaver der Ausgang. Das Urteil über Brühl scheint dennoch für lange Zeit gefällt. Der Historiker Aladar von Boroviczeny stellt in seiner Biografie fest: "Brühl wurde zum Sündenbock für die Verbrechen anderer ausersehen."