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| 18:50 Uhr

Bürgerbündnis
„Herzliche Arbeit“ mit Höhen und Tiefen

Bevor die Kriegsdoku aus der Heimat lief, luden die Frauen zum Probieren ihrer Süßspeisen ein. Birgit Radeck (5.v.l.) war von Baklava und Co. äußerst begeistert.
Bevor die Kriegsdoku aus der Heimat lief, luden die Frauen zum Probieren ihrer Süßspeisen ein. Birgit Radeck (5.v.l.) war von Baklava und Co. äußerst begeistert. FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Einer wird abgeschoben, der andere bekommt Arbeit: Die Flüchtlingshilfe in Hoyerswerda ist extrem emotional. Von Anja Hummel

Auf der Leinwand ist Krieg. Blutende und schreiende Kinder rennen orientierungslos zwischen eingestürzten Häusern und zerbombten Straßen umher, eine weinende Frau hüllt voller Panik ihr Neugeborenes in dreckige Stofffetzen. Bürgerkrieg in Syrien. Szenen, die plötzlich in Hoyerswerda stattfinden. Im sonst so gemütlichen Café der Kulturfabrik. Für das Gros der Zuschauer sind die Bilder keine bloßen Videoaufnahmen aus der Ferne. Die Szenen der Waffengefechte und Panikattacken mussten die meisten von ihnen am eigenen Leib erfahren.

Es laufen Tränen über die Wangen, Hände halten einander, Köpfe senken sich. Auch der von Birgit Radeck. Die Koordinatorin des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“ ist tief ergriffen. „Die Frau dort musste ihr Kind in Syrien zurücklassen“, sagt sie und blickt zu einer Mutter, deren Hände gefaltet auf dem Tisch liegen.

Regelmäßig treffen sich die Geflüchteten aus Hoyerswerda zum „Begegnungscafé“ – um sich auszutauschen, gemeinsam zu essen, zu lachen, um Bürger der Stadt kennenzulernen. So auch dieses Mal. Mit einem Programm, das schmerzt. „Es tut mir leid für die grausamen Bilder. Aber es ist so“, sagt Mahdi Faour ganz rational. Der Syrer hat den Film geschnitten, bis 2014 in Damaskus und Aleppo als Regisseur gearbeitet. Heute hat der zweifache Familienvater eine Festanstellung als Sozialarbeiter bei der Arbeiterwohlfahrt in Hoyerswerda. Mittlerweile ist er auch Mitorganisator der Begegnungscafés.

Ins Leben gerufen hat die multikulturellen Zusammenkünfte das Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“. Seit Ende 2013 existiert die Initiative, noch nicht allzu lange dabei ist Birgit Radeck. Als Koordinatorin hat sie vor knapp einem Jahr die Leitung übernommen. Sie gibt zu: „Es ist manchmal anstrengend, aber die Arbeit ist sehr erfüllend.“

Anstrengend sei es vor allem, „weil man nicht immer helfen kann“, sagt die Hoyerswerdaerin. Die Bürokratie sei schuld. „An den Gesetzlichkeiten könnte ich verzweifeln“, so Radeck. Seit Beginn ihrer Arbeit für das Bündnis hat sie zahlreiche Abschiebungen erlebt. Eine ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben – als ihr „schlimmster Fall“: Ein Marokkaner, seit zwei Jahren in Duldung in Deutschland, musste plötzlich zurück nach Afrika. „Er hat in Hoyerswerda seine Altenpflegerhelferausbildung abgeschlossen. Er wurde wirklich gebraucht und alle mochten ihn“, erinnert sich Birgit Radeck. Während sie das dramatische Schicksal hautnah miterlebte, blieben die Gesetze unantastbar.

Derzeit leben im Landkreis Bautzen etwa 1500 Asylbewerber, 620 davon im Raum Hoyerswerda. Vor genau einem Jahr waren es nur eine Handvoll weniger. Die Menschen aus den fernen Ländern im Alltag zu unterstützen, ihnen beim Lernen der deutschen Sprache und dem Finden von Arbeit zu helfen, das sind Aufgaben des Bündnisses. Diese Ziele tatsächlich zu erreichen, ist das Schönste an ihrem Job, sagt Radeck. Größte Glücksgefühle hatte sie, als Mahdi Faour seinen Arbeitsvertrag bei der Arbeiterwohlfahrt unterschrieb.

Seit Februar 2015 lebt Mahdi Faour in Hoyerswerda, fünf Monate zuvor kam der Syrer in die Bundesrepublik. Mittlerweile werden Treffen wie die in der Kulturfabrik von ihm mitgestaltet. Seine zwei Söhne sind auch da, toben mit anderen Kindern. Wo die beiden gerade sind? „Gute Frage“, sagt der Vater schmunzelnd. Das Begegnungscafé ist wie immer gut besucht, es herrscht Gewusel.

Der 37-Jährige ist glücklich. „Die Festanstellung ist eine große Sicherheit für mich und meine Familie.“ Seine Frau Yousra macht einen Sprachkurs, möchte gerne als Erzieherin oder Friseurin arbeiten. Backen kann sie auch, wie die 32-Jährige mit ihrer mitgebrachten Süßigkeit beweist. Hingehen und original syrisches Baklava essen, miteinander ins Gespräch kommen oder die eigene Kultur präsentieren kann jeder, der Lust darauf hat. Immer dabei sind Birgit Radeck und ihr engagiertes Team. „Wenn es Probleme gibt, ist sie immer für uns da“, betont Mahdi Faour. „Und Birgit Radeck macht ihre Arbeit wirklich von ganzem Herzen“, ergänzt er.

Ebendiese „herzliche Arbeit“ bleibt den Geflüchteten weiterhin erhalten. Auch in den nächsten Monaten wird Birgit Radeck freudige Momente mit ihnen feiern, genauso wie sie die Tränen der Kinder und Frauen weiterhin trocknet. Gewiss wird sie dabei auch wieder die ein oder andere eigene vergießen.

Die Familie Faour aus Syrien: Vater Mahdi Faour und Mutter Yousra mit ihren Söhnen Ahmad (10) und Abdulkader (7).
Die Familie Faour aus Syrien: Vater Mahdi Faour und Mutter Yousra mit ihren Söhnen Ahmad (10) und Abdulkader (7). FOTO: Anja Hummel / LR