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Herberge für Ross und Reiter

Wittichenau.. Insgesamt 468 Kreuzreiter aus Wittichenau und den sorbischen Dörfern des Kirchspiels machten sich am Ostersonntag auf den Weg in den Nachbarort Ralbitz, um dort hoch zu Ross die frohe Osterbotschaft zu verkünden: „Christus ist auferstanden.“ Es war die insgesamt 465. Kreuzreiterprozession von Wittichenau aus. Während die Männer zur Ehre Gottes die Strapazen des Rittes auf sich nehmen, bieten viele Wittichenauer Familien den Reitern der Gegenprozession aus Ralbitz ihre Gastfreundschaft an. In den Mittagsstunden rasten hunderte Osterreiter in der Stadt. Von Uwe Menschner

Wittichenau in den Mittagsstunden des Ostersonntags. Die Szenerie hat schon etwas Mystisches: In der Ferne ist ein Murmeln zu vernehmen, das nach und nach anschwillt. Aus dem Nebel tauchen Schemen auf, die sich langsam zu Konturen verfestigen. Pferde und Reiter sind zu erkennen. Das Murmeln wird deutlicher, bald erkennt man, dass es Gebete in sorbischer Sprache sind, die aus mehreren hundert Kehlen gesprochen werden. Schon hat die erste Reihe der Osterreiter aus dem benachbarten Kirchspiel Ralbitz die Wittichenauer Stadtgrenze erreicht, da befinden sich die hintersten Teilnehmer noch weit draußen auf der Straße nach Saalau. Wäre das Wetter klar, dann könnte man die gewaltigen Ausmaße der Prozession, die sich in diesem Jahr aus Ralbitz nach Wittichenau ergießt, erkennen. Doch bei dem ostersonntäglichen Nebel erhält man nur einen begrenzten Eindruck davon.
Anders dann im Zentrum von Wittichenau: Die Reiter schreiten eine Runde durch die Gassen am Marktplatz ab, umrunden die Kirche. Unmittelbar hinter den letzten Reitern taucht schon wieder die Spitze des Zuges auf. Drei Mal ziehen die Osterreiter ihre Runde, dabei in sorbischer Sprache die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi verkündend. Hunderte Menschen säumen den Weg der Prozession, einige mit Fotoapparaten und Camcordern, andere mit gefalteten Händen. Ein Gebet beendet das uralte Zeremoniell, mit dem sich die benachbarten Kirchgemeinden gegenseitig vom Wunder des Ostertages berichten. Zur gleichen Zeit beendet auch die etwa gleich starke Prozession der Wittichenauer Osterreiter ihre Mission in Ralbitz.
Nach vier Stunden ununterbrochenen Rittes sind Mensch und Tier erschöpft. Der Zug zerfällt in mehrere kleinere Gruppen, die ihren Quartieren zustreben. Auf dem Schlegelschen Hof an der Hoyerswerdaer Straße sind die Vorbereitungen für das Eintreffen der Osterreiter längst abgeschlossen. Hofherr Stefan Schlegel und seine Helfer haben die Pferdeboxen mit frischem Stroh ausgekleidet, Heu steht für die Fütterung, Wasser zur Tränkung der Rösser bereit.
„Wir beherbergen in diesem Jahr 26 Reiter aus Ralbitz“ , berichtet Stefan Schlegel. Seitdem seine Familie im Jahr 1990 den Pferdehof im Norden von Wittichenau kaufte, fanden hier stets Reiter nach dem Verkünden der frohen Botschaft herzliche Aufnahme. Die Schlegels haben auch Pferde aus ihrem eigenen Bestand an Osterreiter ausgeliehen.
Für die Reiter steht Stärkung in Form eines kräftigen Mittagessens bereit. Eine Vorsuppe, Schweine- und Rinderfleisch, dazu Kartoffeln oder Knödel sorgen dafür, dass die Kräfte rasch wieder hergestellt sind. Doch bevor sich die Menschen an den Tisch setzen, müssen die Pferde versorgt werden - dies verlangt eine der wichtigsten Regeln der Osterreiter. Schließlich sind es die Tiere, die den größten Teil der Anstrengung auf sich genommen haben. „Nach dem Essen begeben sich die Reiter zur Andacht in die Stadtkirche“ , berichtet Stefan Schlegel über den weiteren Verlauf des Nachmittages. Danach ist noch Zeit für eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen. Am Nachmittag schließlich brechen Ross und Reiter wieder auf, um in ihre Heimatgemeinde zurückzukehren.