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| 10:21 Uhr

Heimerziehung in der DDR
Geraubte Kindheit

 Ralf Weber (64) musste in seiner Jugend neun Heimeinrichtungen durchlaufen, darunter auch Torgau. Vorm ehemaligen Jugendklub Hoyerswerda, heute "Ossi", wurde er im Juli 1973 wegen angeblicher Staatsverleumdung verhaftet.
Ralf Weber (64) musste in seiner Jugend neun Heimeinrichtungen durchlaufen, darunter auch Torgau. Vorm ehemaligen Jugendklub Hoyerswerda, heute "Ossi", wurde er im Juli 1973 wegen angeblicher Staatsverleumdung verhaftet. FOTO: LR / Rita Seyfert
Hoyerswerda. Zeitzeuge Ralf Weber ließ die Schulstunde zum Lebensunterricht werden. „Jugend in der DDR“, so lautete das Motto vom 17. DDR-Projekt „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“. Von Rita Seyfert

Als Ralf Weber (64) aus Laubusch vom Jugendklub „Ossi“ zum Parkplatz läuft, kommen plötzlich die Erinnerungen zurück. „Genau hier war es, wo sie mich am 14. Juli 1973 festgenommen haben“, erinnert er sich. Damals, als das Ossi noch „Jugendklub Hoyerswerda“ hieß, kam Ralf Weber gerade mit Kumpels von einer Tanzveranstaltung.

Jetzt, 46 Jahre später, verlässt er das Gebäude als Zeitzeuge. Neun Heimeinrichtungen hat er als Kind und Jugendlicher durchlaufen, die meisten davon waren vergittert. In Torgau haben ihm die Wärter fast die Seele aus dem Leib geprügelt. In mehreren Büchern hat Ralf Weber über seine Jugend in der ehemaligen DDR berichtet. Nun will er den Schülern der Klasse 10d vom Léon-Foucault-Gymnasium von seinem Schicksal berichten.

Unsere „Sahnehäubchen“, so hatte Klaus Haupt (76, FDP), MdB a.D. und Initiator vom DDR-Projekt „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“, die Zeitzeugen in seiner Rede bezeichnet. Unbezahlbar sei es, was sie leisten. Kein Film könne ihre Arbeit ersetzen. Den Zehntklässlern der drei Hoyerswerdaer Gymnasien bringen sie eine Gesellschaft nahe, die sie aus dem eigenen Erleben nicht mehr kennen.

 Die Zeitzeugen Roland Brauckmann (60, v.li.), Dr. Edmund Käbich (75), Ralf Weber (64), Michael Schlosser (76) und Max Fischer (79) erzählen den Zehntklässlern der drei Hoyerswerdaer Gymnasien beim Projekt "Zur Zukunft gehört die Erinnerung" von ihren Erfahrungen in der ehemaligen DDR.
Die Zeitzeugen Roland Brauckmann (60, v.li.), Dr. Edmund Käbich (75), Ralf Weber (64), Michael Schlosser (76) und Max Fischer (79) erzählen den Zehntklässlern der drei Hoyerswerdaer Gymnasien beim Projekt "Zur Zukunft gehört die Erinnerung" von ihren Erfahrungen in der ehemaligen DDR. FOTO: LR / Rita Seyfert

Mucksmäuschenstill ist es jetzt in der Klasse 10d vom Léon-Foucault-Gymnasium. Längst schrillte die Pausenglocke, doch niemand steht auf. Wie angenagelt sitzen die Mädchen und Jungen auf ihren Plätzen und lauschen den Worten von Michael Weber. Sein Schicksal war schon besiegelt, bevor er geboren wurde. Mit nur 17 Jahren brachte seine Mutter ihn auf die Welt, um aus ihrem eigenen engen Korsett auszubrechen. „Das ging schief.“

Alkohol und Gewaltexzesse des Vaters standen auf der Tagesordnung. Doch erst, als dieser sich in den Westen entzog, griffen die Familiengerichte ein. Damit der Jungen neben der Zwölf-Stunden-Schicht seiner Mutter versorgt ist, wurde er mit fünf Jahren eingeschult.

Sein Tag begann morgens um vier Uhr. Während seine Mutter die Wohnung heizte, musste er den Eimer entleeren, auf den sie nachts urinierten, da das WC damals noch draußen auf dem Hof lag. Mittags konnte er dem Unterricht nicht mehr folgen und nickte vor Müdigkeit ein. „Nicht schultauglich“, attestierte der Jugendhilfemitarbeiter.

Nach der Vorstellung der DDR war er asozial und milieugeschädigt. „Der Staat baute ein Monstrum auf, das ich zu keinem Zeitpunkt gewesen bin“, sagt er. Ralf Weber wurde in die geschlossene Heimerziehung übergeben. Nur im „Schreiben“ habe er sich hervortun können, das zweite Fach hieß „Nadelarbeit“. Naturwissenschaftliche Fächer wurden nicht unterrichtet. Eine richtige Schule besuchte er nie. Stattdessen wurde er zum Arbeiten verheizt.

Als Zehnjähriger musste er Kartoffeln für die ganze Heimbelegung schälen, Malerarbeiten übernehmen oder Dachziegel auswechseln. Es kam noch schlimmer. Ohne medizinische Indikation sei er medikamentös gegen latente Epilepsie behandelt worden. In den Speisesälen hätten sich Dramen abgespielt, wenn die Kinder ihre Tabletten wieder ausspuckten oder mit Schaum vorm Mund vom Stuhl fielen, erzählt er. Doch niemand wisse etwas über den Verbleib der insgesamt 3000 Kinder. Diese Akte sei bis heute zu.

Dann im Jugendwerkhof musste er täglich zehn Stunden schuften, unter anderem zur Beschäftigungstherapie den Wald fegen. Mit 16 Jahren bekam er plötzlich Angst. „Ich dachte, ich komme hier nie wieder raus“, sagt er. Noch zwei Jahre bis zum 18. Geburtstags erschienen ihm plötzlich so unglaublich lang. Er floh. Am nächsten Tag wurde er geschnappt. Das Wort „Torgau“ fiel.

Nach den sechs Monaten in Margot Honeckers Einrichtung wurde aus dem unbedarften Kind ein X-Men, wie er sagt. Mit einem Gummistock wurde er in die Zelle geprügelt. Der „Torgauer Dreier“ mit je 550 Liegestützen, Strecksprüngen und Kniebeugen stand täglich auf dem Programm, danach 20 Kilometer Dauerlauf. Wer nicht spurte, bekam Schläge, bevorzugt in die Geschlechtsteile.

„Abends schnitten sich die Jugendlichen die Pulsadern auf, weil sie Angst vorm nächsten Durchgang hatten“, erzählt er. Essensentzug und Dunkelkammerarrest zählten zu den Sanktionen. Und was in Torgau „Fuchsbau“ hieß, nannte man in der Untersuchungshaftanstalt Cottbus „Tigerkäfig“. „Meine Narben sind bis heute sichtbar“, sagt Ralf Weber. Er reibt sich die Handgelenke.

Luft anhalten und ohnmächtig werden, nur so habe er all die Torturen ertragen können. Nur das Aufwachen war am schlimmsten. 1972 bricht er all seine sozialen Kontakte ab. Die DDR, die ihn sozialisieren wollte, hatte ihn asozial gemacht.

Inzwischen lebt Ralf Weber mit seiner dritten Frau in Laubusch. „Sie erzieht mich um und macht mich wieder zum normalen Menschen.“ Nächstes Jahr feiert das Paar seinen 30 Hochzeitstag. Mindestens genauso lange arbeitet Ralf Weber nun daran, seine Posttraumatische Belastungsstörung abzubauen.

Geschichtslehrerin Ute Hoffmann schaut auf die Uhr. Die Zeit drängt. In der nächsten Stunde möchte sie das Thema nochmal aufgreifen, damit die Schüler ihre Fragen loswerden können. „Das kann ich jetzt nicht so stehen lassen“, sagt sie. Und vielleicht gibt es ja zum Projekttag zur friedlichen Revolution am 12. November ein Wiedersehen. „Da möchte ich Ralf Weber gerne wieder einladen.“