ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 05:59 Uhr

IG Metall greift hart an
Heftiger Tarifstreit bei Maja Möbel in Wittichenau

     Auf der grünen Wiese bei Wittichenau entstanden und ausgebaut: das Maja-Möbelwerk. Der Name geht auf den Firmengründer Manfred Jarosch zurück.
Auf der grünen Wiese bei Wittichenau entstanden und ausgebaut: das Maja-Möbelwerk. Der Name geht auf den Firmengründer Manfred Jarosch zurück. FOTO: Maja - Möbelwerk GmbH
Wittichenau. Im Tarifstreit bei Maja-Möbel Wittichenau, einer Hochleistungsfabrik für Leichtbauplatten aus Holzfaserrahmen für Ikea-Produkte, wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Industriegewerkschaft Metall Ostsachsen zeigt sich im Billiglohn-Gebiet Lausitz so angriffslustig wie nie zuvor. Die Maja-Unternehmensführung ringt um einen wirtschaftlich tragfähigen Tarifabschluss. Von Kathleen Weser

Im Maja-Möbelwerk Wittichenau (Landkreis Bautzen), einer Hochleistungsfabrik für Leichtbauplatten aus Holzfaserrahmen mit stabilisierenden Innen-Papierwaben, werden hoch automatisiert Regale, Schubladen-Elemente und Lack-Kommoden für den schwedischen Möbel-Riesen Ikea gefertigt. Zum Billigpreis für den selbst aufbauwilligen Endverbraucher. Das gehört zur Firmenphilosophie im Weltkonzern des Sparens und bedeutet aber auch: Mitarbeiter arbeiten hier zum Niedriglohn.

In der niedrigsten Entgeltgruppe haben Hilfskräfte bis zu 600 Euro weniger in der Lohntüte als Kollegen an vergleichbaren Arbeitsplätzen in tarifgebundenen Unternehmen der Holz- und Kunststoffbranche. Das erklärt Jan Otto, der Erste Bevollmächtigte der Industriegewerkschaft (IG) Metall in Ostsachsen. Die Leute arbeiteten im Maja-Möbelwerk zum Mindestlohn und nähmen das zu Recht nicht mehr kampflos hin.

Um die Tarifbindung wird derzeit hart gestritten. „Die faire Entlohnung der Mitarbeiter durch Einführen des Flächentarifs würde die hier hergestellten Möbel für den Endverbraucher nur um einen bis 1,30 Euro teurer machen“, rechnet der Gewerkschafter vor. Und damit bliebe Ikea noch immer locker der Sparfuchs im Möbelgeschäft.

 Im Maja-Möbelwerk wird hoch automatisiert produziert. 36 Millionen Bauteile für Ikea-Möbel werden jährlich gefertigt, zehn Millionen Quadratmeter Oberflächen lackiert. Die Kommoden- und Regalteile werden fast vollautomatisch hergestellt und in aufwändiger Handarbeit verpackt.
Im Maja-Möbelwerk wird hoch automatisiert produziert. 36 Millionen Bauteile für Ikea-Möbel werden jährlich gefertigt, zehn Millionen Quadratmeter Oberflächen lackiert. Die Kommoden- und Regalteile werden fast vollautomatisch hergestellt und in aufwändiger Handarbeit verpackt. FOTO: Steffen Rasche

Diese Rechnung geht für Maja-Möbel-Geschäftsführer Uwe Gottschlich nicht auf. Der Bautzener ist in der Oberlausitz verwurzelt, kennt und versteht die Menschen, die hier arbeiten und gern mehr in der Lohntüte sähen. Der gelernte Tischler und Diplom-Ingenieur, der das Werk seit vielen Jahren führt, kennt aber auch den schweren Wettlauf gegen Konkurrenten aus Osteuropa, Asien und aus Übersee. Der werde am Standort Wittichenau bislang nur mit Investitionen in die Automatisierung und mit maßvollen Lohnkosten gewonnen, die die Wettbewerbssituation im Blick behielten.

In dem Hallen-Komplex, der Anfang der 90er-Jahre auf der grünen Wiese bei Wittichenau neu errichtet und vor nunmehr fünf Jahren auf eine Größe von gut 15 Fußballfeldern erweitert wurde, stehen etwa 700 Menschen in Lohn und Brot. Zu sehen sind im eigentlichen Produktionsprozess allerdings nur wenige. Automatisch und im Zeitraffer werden die Möbelteile maschinell hergestellt, weitertransportiert und auch in der Qualität über Kameras und Monitore weitestgehend ohne menschliches Zutun kontrolliert. Die Maschinenführer überwachen die komplexen Abläufe der prozessgesteuerten Anlagen.

     Geschäftsführer Uwe Gottschlich (l.) erklärt bei einer Betriebsführung, wie das Maja-Möbelwerk produziert.
Geschäftsführer Uwe Gottschlich (l.) erklärt bei einer Betriebsführung, wie das Maja-Möbelwerk produziert. FOTO: Rasche Fotografie / Erwin Pottgiesser / Steffen Rasche

Nicht automatisiert ist praktisch nur das Endverpacken der leichten Platten einschließlich des Aufbau-Zubehörs. Maja-Möbel braucht nur dafür noch Personal in Größenordnungen. Das sind Helfer-Jobs, die ohne eine branchenspezifische Berufsausbildung leistbar und gering bezahlt sind. Leicht über dem Mindestlohn-Niveau, in der Sozialversicherung den anderen Berufen im Werk gleichgestellt.

Maja-Möbel in Wittichenau fertigt ausschließlich für Ikea. Die Preisverhandlungen mit dem Billiganbieter von immer hochwertigeren Möbeln sind knallhart. Abnahmegarantien von extrem hohen Stückzahlen und die Produktion in der Nähe der europäischen Hauptabsatzgebiete sowie die direkte Belieferung der Möbelhäuser haben den Produktionsstandort in Ostsachsen bisher gut gesichert. Deutschland ist ein Wachstumsmarkt für Ikea. Und trotz gewaltiger Lagerkapazitäten von 20 000 Quadratmetern Fläche, die wegen knappster Lieferzeiten vorgehalten werden müssen, sind geringe Logistikkosten der große Vorteil für die Wittichenauer.

„Die Ware darf in den Ikea-Möbelhäusern nie ausgehen. Denn die Kunden wollen die Möbel hier sofort mit nach Hause nehmen“, erinnert Uwe Gottschlich an das Konzept. Zwischen der Anlieferung der Holzspanplatten für die Produktion bis um Abtransport der zerlegten Möbelprogramme aus dem Werk liegen nur ein bis zwei Tage. Der Lagerbestand von Massenwaren an sofort aufbaufähigen Ikea-Möbeln liegt stets bei etwa 600 000 Stück. Maja-Möbel muss mit gleichmäßigen Maschinenlaufzeiten produzieren und flexibel liefern können – direkt an 53 Möbelhäuser ohne Zwischenlager. Das ist eine gute Marktposition, die allerdings auch stets neu behauptet werden muss.

Gewerkschafter Jan Otto sieht sie durch den Tarifstreit nicht gefährdet. Denn: Deutsche Betriebsstandorte seien längst nicht mehr einfach nach Polen und Tschechien zu verlagern. Im Fall der Maja-Möbel ließe das die Logistikkosten explodieren, denn die Waren wären weiter zu transportieren. Und: „Der Arbeitskampf ist dort nicht anders als hier, der Fachkräftemangel längst angekommen“, behauptet Otto.

 Das Kommodenprogramm ist ein Renner im Ikea-Sortiment.
Das Kommodenprogramm ist ein Renner im Ikea-Sortiment. FOTO: Rasche Fotografie / Erwin Pottgiesser / Steffen Rasche

Die meisten Maja-Mitarbeiter stammen aus der Region. Beschäftigt werden inzwischen Menschen aus sieben Nationen. Je nach Anlage und Bedarf wird in Wittichenau in verschiedenen Schichtmodellen produziert. 12-Stunden-Schichten, die mehr freie Tage und damit mehr Zeit am Stück bei der entfernt lebenden Familie daheim ermöglichen, sind bei den polnischen Mitarbeitern beliebt. Darauf stellt sich Maja Möbel auch ein.

Der Automatisierungsgrad ist hoch und steigt weiter. Maja-Möbel muss in Teilbereichen weiter zulegen, um mithalten zu können im weltweiten Wettbewerb der Ikea-Lieferanten. Neben den Massenprodukten aus den Regal- und Kommodenprogrammen, die teilweise in Wittichenau entwickelt worden sind, liefern die Lausitzer auch Nischenprodukte in geringeren Stückzahlen und besonderen Ausführungen bis nach Übersee.

Das Unternehmen investiert kontinuierlich in die Fertigung, aber auch ganz gezielt in Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeiter. das betont Uwe Gottschlich. Doch mehr spezialisierte Arbeitskräfte werden gebraucht. Elektroniker, Maschinenführer, Mechatroniker. Seit 1993 bildet das Unternehmen selbst aus. Holzmechaniker sind gefragt. Nachwuchs des Hauses qualifiziert sich in Dresden weiter zum Holzingenieur. Das Personal zu binden und neue Mitarbeiter zu gewinnen, ist eine große Herausforderung in der Region, die keine klassische Gegend der Möbelindustrie ist. „Wir wollen und müssen die Arbeitsplätze hier dauerhaft sichern“, sagt Gottschlich. Dabei hat er auch immer die Helferjobs im Blick, die in der Lausitz rar geworden sind – aber für Geringqualifizierte auch dringend gebraucht werden. Maja-Möbel ist mit den Mitarbeitern groß geworden, betont der Werkleiter, und will, dass sie gut leben können von ihrer Arbeit.

Das ist aus Sicht des Gewerkschafters Jan Otto aber derzeit nicht der Fall und in der Zukunft in der Lausitz nicht sicher. Auch mit dem milliardenschwer unterstützten Kohleausstieg nicht. „Es ist kein Ansturm von freigesetzten Beschäftigten aus der Energiewirtschaft auf die Unternehmen auf dem Lande zu erwarten“, sagt Otto. Nur ein deutlich höheres Lohnniveau mache Betriebe wie das Maja Möbelwerk zukunftsfähig. Denn auch propagierte niedrige Lebenshaltungskosten sind eine Mogelpackung, kritisiert Jan Otto. Die Sachsen-Familien seien beispielsweise extrem stark belastet bei Gebühren für die Kinderbetreuung. „Die aktuellen Niedriglöhne haben die Lausitzer und Ostsachsen nicht verdient“, erklärt der Gewerkschafter. „Wir sind bereit, angesichts der besonderen Situation mit Augenmaß zu verhandeln. Aber wir sind auch bereit, in den Konflikt zu gehen“, betont er.

Gute Löhne seien ein Standortfaktor. Die äußerst magere Rückkehrerquote in die Oberlausitz – die zweitniedrigste in Sachsen – zeige, dass die Entgelte zu schlecht seien. Das müssten die Unternehmen ändern. Bei Maja-Möbel und dem Batteriehersteller Accumotiv in Kamenz, einer hundertprozentigen Tochter der Daimler Aktiengesellschaft, zeigt sich die IG Metall deshalb jetzt angriffslustiger denn je im aktuellen Tarifstreit.

Als positives Beispiel verweist Jan Otto indes auf das Unternehmen Sick, einen führenden Hersteller von intelligenten Sensoren und Sensorlösungen für die Fabrik-, Logistik- und Prozessautomation in Ottendorf-Okrilla, ebenfalls im Landkreis Bautzen: Hier sei es gelungen, mit einem „maßvollen Einstieg“ den Metalltarif Südbaden zu installieren. „Seitdem hat sich die Lage hier massiv entspannt“, konstatiert der Sachsen-Gewerkschafter.

Maja-Möbel setzt bisher indes auf soziale Faktoren, beispielsweise die individuelle Unterstützung bei der Suche nach einem Kita-Platz und der Wohnung. Dafür ist eine Kooperation mit der Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda geschlossen worden.

Höhere Preise für die Ikea-Möbel aushandeln zu können, um die Lohntüten besser zu füllen, hält Uwe Gottschlich für illusorisch. Der Spielraum sei durch die besondere Situation gering und deshalb eine wirtschaftlich tragfähige Lösung notwendig.

Weitere Abläufe in der Produktion zu optimieren, sei ein ständiger Prozess bei Maja-Möbel. Deutlich höhere Stückzahlen sind nur durch noch stärkere Automatisierung der Fabrik und reduzierte Kosten durch verschlankte Prozesse zu erreichen. Doch einfache manuelle Tätigkeiten abzuschaffen, sei nicht um jeden Preis möglich und stelle vor allem Helferjobs in Frage. Und ein großer neuer Unsicherheitsfaktor komme schon auf die Lausitz zu: weiter steigende Kosten für Energie. Deshalb besteht für Uwe Gottschlich kein Zweifel daran, „dass es einer gemeinsamen Anstrengung bedarf, um die Arbeitsplätze am Standort Wittichenau langfristig zu sichern“.

Die Tarifverhandlungen werden am Dienstag fortgesetzt. Konkret geht es jetzt um die Löhne der Mitarbeiter, bestätigt Gewerkschafter Jan Otto.