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| 16:48 Uhr

Vermisst
Happy End dank Hoyerswerda

 Diese Fotografie von 1940 ist alles, was Jürgen Maßow von seinem Vater hat.
Diese Fotografie von 1940 ist alles, was Jürgen Maßow von seinem Vater hat. FOTO: Archiv / Jürgen Maßow
Hamburg/Hoyerswerda. Die Suche nach seinem längst verstorbenen Vater führte Jürgen Massow aus Hamburg nach Hoyerswerda. Hier hoffte der verlorene Sohn auf Antworten von seiner Halbschwester - und wurde fündig in Kalifornien. Von Rita Seyfert

Am Ende ging alles ganz schnell. Inzwischen ist Jürgen Maßow (69) aus Hamburg überglücklich. „Anke und ich haben gestern noch über vier Stunden gechattet.“ Eben wie Geschwister, sagt er, die sich schon immer kennen. Dabei sah einen Tag vorher noch alles ganz düster aus.

Es ist eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt. Jürgen Maßow hat seinen Vater nie kennengelernt. Nur eine gelb-bräunliche Sepia-Fotografie besitzt er von ihm. Sie zeigt seine Eltern auf der Couch, beide frisch verlobt, sie 19, er 18, im Hintergrund steht der Volksempfänger.

 Jürgen Maßow (69) aus Hamburg möchte wissen, wer sein Vater war. Die Spur führte ihn über Hoyerswerda nach Kalifornien zu seiner Halbschwester.
Jürgen Maßow (69) aus Hamburg möchte wissen, wer sein Vater war. Die Spur führte ihn über Hoyerswerda nach Kalifornien zu seiner Halbschwester. FOTO: Archiv / Jürgen Maßow

Jürgen Maßow, Jahrgang 1950, ist aus der Generation, die keine Fragen stellt. „Ich weiß nichts“, sagt er. Ein bisschen weiß er aber doch. Denn als er älter wurde, sprachen sie von früher. Da war zum Beispiel jene Erinnerung von diesem Mann in dem VW-Käfer, der ihn hupen ließ. „Ja, das war Euer Vater“, hatte seine Mutter gesagt.

„Mein Vater war Soldat“, erzählt er. Zuhause war er immer nur kurz. Das Paar hatte vier Kinder. Marlies, Bernd-Udo, Jürgen war der dritte, und dann kam noch Manfred. Gemeinsam lebten sie in einer Villa, die den Engländern gehörte.

Als sich die Mutter scheiden ließ, konnte Jürgen Maßow mit seinen eineinhalb Jahren gerade laufen. Die Familie zog in die Zwei-Raum-Wohnung der Großeltern in Hamburg. Fortan lebten die vier Kinder und drei Erwachsenen gemeinsam unter einem Dach.

„Schön war das“, sagt er, nicht asozial, wie man heute glauben würde. Immer sei jemand für sie dagewesen. Sonntags kam ein Braten auf den Tisch. Und im Alter von 15 Jahren mussten sie noch um 17 Uhr ins Bett gehen. „Unsere Großeltern wollten ja auch mal ihre Ruhe haben.“ Es habe funktioniert. Sie kannten es nicht anders.

Die Klamotten holten sie aus der Kleiderkammer im ehemaligen Biber-Haus am Hamburger Hauptbahnhof. An seinen Fischgräten-Mantel könne er sich erinnern. Auch die Deutsch-Stunden am Montag sind ihm im Gedächtnis geblieben. „Da mussten wir immer einen Aufsatz schreiben, was wir am Wochenende mit unserem Vater gemacht haben“, erzählt er. Und das habe weg getan. Denn er hatte ja keinen Vater. Also dachte er sich Geschichten aus.

Zuhause wurde sein Vater tot geschwiegen. Nur einmal, als sie schon bei den Großeltern lebten, soll er die Mutter nochmal besucht haben. Offenbar hat er sich auf der Straße von ihr verabschiedet. In den 1950er-Jahren soll das gewesen sein. Danach flüchtete Wilhelm Maßow in die ehemalige DDR, über Schwerin nach Hoyerswerda.

Ob politische Gründe dahinter steckten, kann er nur spekulieren. Später lenkte er sich mit Arbeit ab. Als Medizinprodukte-Berater richtete Jürgen Maßow Arztpraxen ein, 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Da kam man nicht zum nachdenken“, sagt er.

Doch jetzt, mit 69 Jahren, wollte er sein Leben klären. Die Sendung „vermisst“ schaute er sich unterdessen regelmäßig im Fernsehen an. Der Zettel „Hoyerswerda“ lag seit Wochen auf seinem Schreibtisch.

Immerhin hatte er schon herausgefunden, dass sein Vater in Hoyerswerda eine Tochter hatte. Diese Halbschwester wollte er finden. Sein größter Wunsch war es, mehr vom Vater zu erfahren und Bilder zu sehen. Eine Odyssee begann.

Das Standesamt der Zuse-Stadt hatte den verlorenen Sohn nach Aachen geschickt. Dort wurde Wilhelm Maßow 1921 geboren. Aus Datenschutz-Gründen gab das Amt aber keine Informationen heraus. Also fasste sich Jürgen Maßow ein Herz und schrieb einen Brief. Den teilte er vor wenigen Tagen über die soziale Internet-Plattform „Facebook“.

Die Antworten folgten prompt. Ein Nachbar schrieb, dass sein Vater bis 1993 in der Straße des Friedens 23 gewohnt habe. Jemand anderes will eine Klassenkameradin seiner möglichen Tochter kennen. Doch erst der entscheidende Hinweis aus der Gruppe „Hoyerswerda lebt“ ließ Jürgen Maßow am ganzen Körper zittern.

Die Informationen über seine Halbschwester saugte er auf wie ein ausgetrockneter Schwamm. Sie heißt Anke, ging im Konrad-Zuse-Gymnasium in Hoyerswerda zur Schule, studierte an der TU Dresden und lebt inzwischen in Sunnyvale in Kalifornien. „Wir werden am Dienstag telefonieren.“ Das wird schön sein, sagt Jürgen Maßow, „denn wir sind uns sehr nah.“