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| 15:17 Uhr

Handwerksbetriebe an der Belastungsgrenze
Das lange Warten auf den Handwerker

Malermeister Roger Pause aus Lauta muss Kunden immer öfter auf längere Wartezeiten vertrösten oder sogar absagen. Seine Firma arbeitet wie viele Handwerksbetriebe in der Region absolut an der Belastungsgrenze.
Malermeister Roger Pause aus Lauta muss Kunden immer öfter auf längere Wartezeiten vertrösten oder sogar absagen. Seine Firma arbeitet wie viele Handwerksbetriebe in der Region absolut an der Belastungsgrenze. FOTO: LR / Catrin Würz
Senftenberg/Hoyerswerda/Weißwasser. Viele Handwerksbetriebe in der Lausitz arbeiten an der Belastungsgrenze. Kunden müssen sich heute oft länger gedulden. Von Catrin Würz

Auch in der Lausitz müssen Kunden heute immer länger auf den Handwerker warten. „Viele Betriebe in der Region arbeiten an der Belastungsgrenze. Mancher Auftrag muss abgelehnt werden, wenn er nicht von Stammkunden kommt“, so schätzt die Handwerkskammer (HWK) Cottbus derzeit die Lage auch für die Grenzregion zwischen Südbrandenburg und Sachsen ein. Und das Problem werde sich in der nahen Zukunft noch verschärfen, vermutet Handwerkskammerpräsident Peter Dreißig. „Wir haben eine extrem hohe Nachfrage nach handwerklichen Dienstleistungen. Niedrige Zinssätze beflügeln die Baukonjunktur“, ergänzt er. Die Auftragsbücher sind in allen Gewerken prall gefüllt. Doch es fehlen Fachkräfte. Denn über viele Jahre haben sich zu wenige Jugendliche für eine Lehre im Handwerk entschieden.

Malermeister  Roger Pause aus Lauta, der den väterlichen Handwerksbetrieb in zweiter Generation führt, kann die so skizzierte Situation 1:1 bestätigen. Der Malerbetrieb kann für seine Kundschaft derzeit frühestens im Herbst oder gar erst im Winter freie Termine für Renovierungen und Malerarbeiten anbieten. Wichtiges Standbein des Betriebes sind auch Langzeitaufträge von Wohnungsunternehmen, wo Fassadenarbeiten und Wohnungsinstandsetzungen Monate im Voraus vereinbart sind. „Heute ist es längst so, dass wir private Aufträge auch mal ablehnen müssen, wenn sie keinen Aufschub dulden. Denn alles schaffen wir nicht – obwohl wir schon bis über das Limit arbeiten“, berichtet Roger Pause. Vor zehn Jahren und länger zurück sei dies undenkbar gewesen. „Da war es ein Kampf um die Aufträge, um als Betrieb über die Runden zu kommen.“

Der einstmals bis zu zehn Mitarbeiter große Betrieb hat heute jedoch nur noch halb so viele Beschäftigte wie früher. Einige gingen in Rente oder orientierten sich aus verschiedenen Gründen um. Liebend gern würde der 47-jährige Firmenchef noch weitere Fachkräfte einstellen - doch das ist nicht so einfach. Nach längerer Pause hat Roger Pause nun ab Herbst zumindest wieder einen jungen Mann im Blick, den er ausbilden möchte.

Hände ringend nach neuen qualifizierten Mitarbeitern sucht auch Dachdeckermeister Reiner Förster aus Hosena. Der kleine Dreimann-Handwerksbetrieb, der ebenfalls Leistungen in Bauklempnerei anbietet, verzeichnet seit Monaten weitaus mehr Anfragen und Aufträge als er überhaupt leisten kann. „Wir würden liebend gern jemanden einstellen, aber es gibt niemanden mehr“, berichtet Unternehmenschef Reiner Förster. Für die kommenden drei Monate ist das Auftragsbuch proppenvoll. Nur im Notfall könne da noch etwas dazwischen gequetscht werden, bestätigt Ehefrau Simone Förster, die ihren Mann im Büro unterstützt. „Und wir kennen auch Dachdeckerfirmen, die sind schon bis zum Jahresende ausgebucht.“ Auch bei Försters sind jetzt immer häufiger Kunden am Telefon, die schon den fünften Handwerksbetrieb ansprechen.

Ähnliches kann Maik Marotzke, Geschäftsführer der ElBa Elektroinstallation und Bauelemente GmbH Großräschen berichten. Sein Unternehmen kann insbesondere im Elektrobereich nur noch Stammkunden bedienen. „Die Kundschaft muss sich darauf einstellen, dass nichts mehr von jetzt auf gleich realisiert werden kann. Viele wollen alles möglichst in den nächsten zwei bis vier Wochen erledigt haben. Das geht schon lange nicht mehr“, erklärt er. ElBa sucht schon länger Elektriker und Tischler - bislang aussichtslos. „Unsere Region steckt mittendrin in einem enormen Fachkräfteproblem.“

Dass sich die Situation für die Kunden zuspitzt, kann auch Bernard Stefan, Inhaber der gleichnamigen Heizung-Sanitär GmbH in Weißwasser, bestätigen. Schon seit zwei Jahren nimmt seine Firma keine Neukunden mehr bei Wartungsverträgen und Stördienst auf. Nur die Stammkunden können in diesem Zweig noch bedient werden. „Damit sind wir absolut an der Belastungsgrenze“, erklärt er. Auch bei Reparaturen müssen die Kunden heute inzwischen umdenken. „Wer wegen einer kleinen Installation vielleicht sogar noch Kostenvoranschläge verschiedener Firmen vergleichen will, wird wohl meistens abblitzen. Auch wir machen keine Kostenvoranschläge mehr für Kleinreparaturen, eher sagen wir solchen Kunden mal ab“, erklärt der Chef des Heizung-Sanitär-Unternehmens mit zehn Mitarbeitern.

Bernard Stefan glaubt, dass sich im Handwerk jetzt rächt, was Jahrzehnte lang nicht gut gelaufen ist. „Wir hatten jahrelang überhaupt keine Chance, einen guten Lehrling zu bekommen. Die Industrie hat alles aufgesogen. Heute sollten sich Jugendliche aber sehr genau überlegen, wo sie ihre Zukunft sehen“, sagt der Firmenchef mit Blick auf Kohleausstieg und Strukturwandel. Stefan hofft, dass in den kommenden Jahren das Ost-West-Gefälle beim Lohn und bei den Handwerker-Preisen verringert werden kann und die Abwanderung von Fachleuten gestoppt wird. „Wir müssen die richtigen Dinge anpacken: Damit wir wieder dahin kommen, dass Handwerk goldenen Boden hat.“

Bei den Wartezeiten im Handwerk glaubt die Handwerkskammer Cottbus indes das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. „Das Problem wird sich, insbesondere im Bau- und Ausbauhandwerk, noch verschärfen. Denn wo kein Lehrling, da kein Meister oder Unternehmer“, lässt sie verlauten. Allein in Südbrandenburg stehen in den nächsten fünf Jahren 2500 Betriebe mit rund 10 000 Mitarbeitern vor einem Generationswechsel. Nachfolger werden gesucht und immer schwerer gefunden. Die Folge: Das Angebot an handwerklichen Dienstleistungen wird in der Region zurückgehen, der Preis bei hoher Nachfrage hingegen steigen. Auch darauf müssen sich die Kunden einstellen.