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| 18:25 Uhr

Hoyerswerda
Großes Zusammenrücken in der Altstadt

Gemütliche Begutachtung der Stadtplaner und Wirtschaftsförderer: Zum Austausch über die Zukunft der Innenstädte kamen unter anderem Bautzens Citymanagerin Gunhild Mimuß (v.l.) und Gunnar Hoffmann vom Dresdner Lüning Ladenbau (v.), der über die Trends der Zukunft referierte.
Gemütliche Begutachtung der Stadtplaner und Wirtschaftsförderer: Zum Austausch über die Zukunft der Innenstädte kamen unter anderem Bautzens Citymanagerin Gunhild Mimuß (v.l.) und Gunnar Hoffmann vom Dresdner Lüning Ladenbau (v.), der über die Trends der Zukunft referierte. FOTO: LR / Anja Hummel
Hoyerswerda. Das Hoyerswerda-Projekt „Boulevard Kirchstraße“ feiert Halbzeit. Sachsens Handelsexperten haben sich die „Wiederbelebung“ angeschaut. Von Anja Hummel

Viel besser drauf seien sie alle. Viel bessere Laune, viel weniger Tristheit, viel mehr Leben überall. So lautet das Zwischenfazit von Einzelhändler Thomas Böhm. Der Optiker sagt: „Der Boulevard ist eine feine Sache.“ Sein Geschäft ist am Anfang der Kirchstraße gelegen. Natürlich sei „das alles“ ein größerer Aufwand, aber „von nichts kommt nichts“, so der Brillenstudioinhaber. Richtige „Macher“ brauche man dafür. Jemanden, der die Händler an die Hand nimmt, motiviert, antreibt. „Dorit Baumeister ist so eine. Das ist gut“, lobt Böhme die Citymangerin der Stadt. Seit Anfang des Jahres ist sie in ihrem Amt unterwegs. Der Boulevard Kirchstraße: ihr erstes Großprojekt dieser Art.

Anfang Juni fiel der Startschuss für diesen „Testlauf“ in der Altstadt. Die Kirchstraße wurde zum Boulevard, die Händler dekorierten ihre Schaufenster, die Gastronomen stellten die Bänke in die Sonne. Und die stehen dort immer noch. Knapp zwei weitere Wochen läuft das Experiment noch, das aus der Straße in der Altstadt einen lebendigen Aufenthalts- und Erlebnisort machen soll. Nach dem Modell „Shared Spaces“, auf deutsch „gemeinsamer Raum“, teilen sich Autofahrer, Radler und Fußgänger die Straße. In verkehrsberuhigter Zone soll eingekauft, flaniert, gegessen und geschlürft werden.

Davon überzeugten sich am Dienstag Citymanager, Wirtschaftsförderer und Unternehmer aus ganz Sachsen. Auch dabei: der Handelsverband des Freistaates.  Ein Bild von der „Wiederbelebungsaktion“ haben sie sich gemacht und natürlich auch über konkrete Zukunftsfragen diskutiert: So bringt beispielsweise der Dresdner Unternehmer Gunnar Hoffmann Anregungen mit, wie sich der innerstädtische Handel künftig aufstellen sollte. Der Geschäftsführer eines Ladenbauunternehmens referiert über die Trends des stationären Einzelhandels. Neben vielen technischen Innovationen – vom virtuellen Schaufenstershopping bis zum Roboter-Verkäufer – plädiert er vor allem dafür, „anders als die anderen zu sein“. Individualität aber sei nur ein Schlüssel zum Erfolg. Auch im Kampf gegen den Online-Handel. Womit die Händler die Konkurrenz im Internet auf lange Sicht ausstechen könnten: ihrem Ladenambiente. „Einkaufen muss mit einem Erlebnis verbunden werden“, sagt Gunnar Hoffmann. Der Dresdner Unternehmer erklärt: Der Verkaufsraum sollte durch Gastronomie oder Freizeitangebot erweitert werden. So könnte ein Kindersachengeschäft mit Zaubershows locken, der Buchladen um die Ecke Kaffee und Kuchen anbieten. „Der Freizeitwert muss in den Innenstädten erhöht werden, damit wir die Leute in die Stadt bekommen“, sagt Gunnar Hoffmann. Warum nicht Fitnesscenter oder Bowlinghalle in leer stehenden Läden unterbringen?

Dorit Baumeister ist erst einmal glücklich, dass die bereits ansässigen Händler dank des Boulevard-Projektes langsam zueinanderfinden. „Man versteht sich leider noch nicht als gemeinsamer Anbieter.“ Unverblümt als „Katastrophe“ bezeichnet die Architektin die unterschiedlichen Öffnungszeiten der Händler. „Wir müssen uns als Einheit sehen“, sagt Baumeister. Der sächsische Handelsverbandsgeschäftsführer David Tobias pflichtet ihr bei: „Was wir erreichen müssen, sind Zusammenspiel und Verlässlichkeit von Händlern, Gastronomen, Dienstleistern und Vermietern.“ Auch ein absolutes Muss: eine entspannte Parksituation für die Kundschaft. Das Altstadt-Projekt in Hoyerswerda kann David Tobias nur begrüßen. „Die Stadt beschreitet mit dem Straßenkonzept neue Wege. Ich hoffe, dass die Arbeit auch angenommen wird.“

Das Boulevard-Zwischenfazit von Dorit Baumeister: „Es ist so viele Jahre nichts passiert. Man kann jetzt nicht erwarten, dass nach zwei Wochen alle angerannt kommen.“ Aber: „Was ein bisschen den Motor anwirft, ist die Gastronomie“, bemerkt sie. Auch die Gestaltung der Straße und der Schaufenster „macht etwas mit den Leuten, wenn sie vorbeilaufen“. Ob die vielen Komplimente der Meinung der Mehrheit entsprechen, wird sich nach dem Projekt zeigen. Die Besucher und auch die Akteure können an einer Umfrage teilnehmen. Je nach Ergebnis wird das Citymanagement für eine Neuauflage kämpfen.

Optiker Thomas Böhm wäre auf jeden Fall wieder dabei. „Ich hoffe, dass wir am Ende genug Argumente haben.“ Beim Hoydog-Imbiss an der Ecke gegenüber vom Rathaus ist man ein wenig skeptischer. „Es ist nicht sonderlich mehr los als sonst“, sagt Lisa Ziemann. Auch ein wenig mehr Musik könnte auf der Straße zu hören sein. Thomas Böhm hört indes hier und da ein paar kritische Stimmen zu den weggefallenen Parkplätzen entlang der Kirchstraße. „Aber das ist eine reine Gewöhnungssache“.

Zum Angewöhnen dürfte für einige auch die neue Strandbar vor dem Salon Haarschneider sein. Neben dem normalen Friseurgeschäft bietet das Team Cocktails im Liegestuhl an. „Das Wetter ist super, es läuft top“, sagt der Chef. Nach Feierabend ab abends um sechs kommen die Leute auf einen Drink, wollen den Tag ausklingen lassen. Neben Live-Musik hat Haarschneider auch schon Poesie-Abende organisiert. Die Leute hat es angezogen. „Die Bürger dürfen aber auch nicht zu viel erwarten. Wir stemmen das alles nebenher“, sagt Heiko Schneider. Sein Fazit: „Man rückt zusammen, kommt auf der Straße ins Gespräch.“ Was am Ende vom Zusammenrücken übrig bleibt, wird sich zeigen. Dass es, wie Dorit Baumeister sagt, noch „genügend Arbeit“ gibt, darüber sind sich alle einig.

Im Pagodenzelt an der Kirche präsentiert sich täglich ein anderer Verein – am Dienstag der   1. Wassersportverein Lausitzer Seenland.
Im Pagodenzelt an der Kirche präsentiert sich täglich ein anderer Verein – am Dienstag der 1. Wassersportverein Lausitzer Seenland. FOTO: LR / Anja Hummel
Meinung gefragt: Der vierwöchige „Testlauf“ wird mit Umfragebögen ausgewertet. Danach soll entschieden werden, ob eine Fortsetzung in Frage kommt.
Meinung gefragt: Der vierwöchige „Testlauf“ wird mit Umfragebögen ausgewertet. Danach soll entschieden werden, ob eine Fortsetzung in Frage kommt. FOTO: LR / Anja Hummel
David Tobias, Geschäftsführer Handelsverband Sachsen.
David Tobias, Geschäftsführer Handelsverband Sachsen. FOTO: Handelsverband Sachsen