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Goldrausch und "Wohnungskistenkratzerstadt"

Als Helga und Katrin alias Jenny Mertin und Julia Hartmann sich Jahre nach ihrer ersten Begegnung wiedertreffen, ist aus der Schlafstadt ein anderes, ein grünes Hoyerswerda geworden.
Als Helga und Katrin alias Jenny Mertin und Julia Hartmann sich Jahre nach ihrer ersten Begegnung wiedertreffen, ist aus der Schlafstadt ein anderes, ein grünes Hoyerswerda geworden. FOTO: Mandy Fürst/mft1
Hoyerswerda. Ein Wochenende und sieben Tage "Ferienarbeit" liegen hinter den Teilnehmern der Theaterwerkstatt "Mach Dir 'ne Platte. Wir bauen eine Stadt", als sie am vergangenen Samstag rund 100 Zuschauern ihr finales Musiktheaterstück präsentieren. Publikum und Unterstützer sind begeistert. Mandy Fürst / mft1

"Mach Dir 'ne Platte / Bau ein Haus / Und pflanz 'nen Baum / Mach Dir 'ne Platte / Bau auf Sand und schlage Schaum."

Mit diesen Zeilen beginnt ein Gedicht, das zwischen vielen bunt beschriebenen und bemalten Blättern an einem großen Aufsteller um Saal der KulturFabrik zu lesen ist. Es scheint die Leser einzuführen in die Themenanalyse zum Projekt "Mach Dir 'ne Platte. Wir bauen eine Stadt", in dem die Musikschule Hoyerswerda gemeinsam mit den Oberschulen, dem Kunstverein Hoyerswerda und der Kulturfabrik mehr als zwanzig Kinder und Jugendliche von fünften bis zehnten Klassen zu einem gemeinsamen Schaffensprozess zusammengeführt hat.

Im Ergebnis präsentierte das temporäre Ensemble im voll besetzten KuFa-Saal ein zwanzigminütiges Theaterstück, das sich vom Gefühl in der leblosen Wohnstadt der 1960er bis zum Umgang mit geflüchteten Menschen im Jahr 2016 verschiedenen gesellschaftlichen Problemen stellt. Vollbracht wird der Spagat durch die Inszenierung einer Kollage aus Schauspiel und Musik.

Kooperationspartner

Um inhaltliche und künstlerische Zugänge zum Thema zu finden, hatte ein Teil der Gruppe bereits im September die Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte des Hoyerswerdaer Kunstvereins sowie das Gundermann-Archiv in der KulturFabrik besucht. Beide Institutionen sind neben den hiesigen Oberschulen und der Musikschule Kooperationspartner des Projektes, das im Rahmen des Bundesbildungsprogramms "Kultur macht stark" gefördert wurde.

Am Eröffnungswochenende wurden unter pädagogischer Anleitung der Projektbetreuer Thomas und Annett Mertin sowie Rosemarie Schulze erste Notizen zu einem musikalischen Bühnenstück gemacht. Die Beschäftigung mit Brigitte Reimann habe bei der Zusammensetzung des Stückes weitergeholfen, sagt Dennis Kleem, Siebtklässler der Oberschule "Am Planetarium".

Die szenische Aufarbeitung der Entwürfe vom September sei anstrengend und noch einmal ein ganz eigener kreativer Prozess gewesen, erzählt Mike Noack, der in die neunte Klasse der Oberschule "Am Stadtrand" geht und an beiden Projektteilen mitgewirkt hat. Und dann war da ja noch die Aufführung vor Familie und Freunden. Da sei man schon aufgeregt, gesteht Mike. Jegliche Anspannung jedoch scheint angesichts der Spielfreude der jungen Schauspieler und Musiker hinter dem großen roten Vorhang zurückgeblieben zu sein.

Der Aufführung-Rahmen

Den Rahmen der Aufführung bildet der Dialog der Seniorin Helga mit der jungen Katrin. Verkörpert werden die Figuren und ihr Gegensatz mit viel Witz von den Lessing-Schülerinnen Jenny Mertin und Julia Hartmann. Bei einer gemeinsamen Zugfahrt erzählt Helga der jungen Frau von der früheren Schlafstadt Hoyerswerda, in die erst die Schriftstellerin Brigitte Reimann mit Mut und Hartnäckigkeit gegenüber den Oberen städtische Lebendigkeit getragen habe. Wenn sie heute Bürgermeister wären, würden sie ein Kino für Behinderte und ein neues Lausitz-Center bauen sowie ihrer Schule ein neues Aussehen verleihen, werfen die ,Alter Ego' in Reimann-Manier lautstark von der Bühne. In ihren Liedern ist von Goldrausch und der "Wohnungskistenkratzerstadt" aus "Samtbeton und Stahl" die Rede, während die zweite Strophe des Gedichtes in der Ausstellung provozierend fragt: "Unsre Stadt hat tausend Augen / Und ein riesengroßes Herz / Hier sind viele, die nichts taugen. / Hier bin ich - ist das ein Scherz?"