Karl-Heinz Bäucker hat noch eine ganz besondere Beziehung zu der Talsperre: Sein Elternhaus stand dort, wo heute das Wasser ist. Denn sein Geburtsort Neumühle musste der Talsperre weichen. „Bei Niedrigwasser kann man fast über die Stelle gehen, wo unser Haus einmal gestanden hat“ , erzählt der 77-Jährige. Und wenn er das sagt, liegt kein Gram in seiner Stimme. „Es war eben so“ , sagt er: „Die Talsperre ist immer schon wichtig für diese Region gewesen.“ Heute lebt Karl-Heinz Bäucker in Neuhausen in der Nähe der Talsperre.
Die Bedeutung des Stausees geht weit über Spremberg hinaus. Das betont auch Wolfgang Genehr, Abteilungsleiter beim Landesumweltamt in Cottbus. Oberstes Ziel beim Bau der Anlage war der Hochwasserschutz für Cottbus und den Spreewald. Allein in den Jahren von 1897 bis 1933 wurde der Spreewald 124-Mal von Hochwasser heimgesucht. „Für die Bewohner hatten die Fluten auch in den Jahren danach schwer wiegende Folgen“ , erklärt Ge nehr: „In einem Zeitraum von zwölf Jahren konnte nur dreimal Ernte eingebracht werden.“
Doch der Hochwasserschutz allein reichte als Bauanlass nicht: Erst mit dem Kohle-Energieplan wurde die Talsperre politisch durchgesetzt - die Kraftwerke Vetschau und Lübbenau mussten zuverlässig mit Kühlwasser versorgt werden. „Denn nicht nur Hochwasser sorgt für Probleme, sondern auch Niedrigwasser“ , erklärt Wolgang Genehr.
Heute hat die Talsperre Bedeutung für die Bewirtschaftung der gesamten Spree und die Wasserversorgung bis nach Berlin. „Durch die Absenkung des Grundwassers für die Tagebaue hat die Region mit fehlendem Wasser zu kämpfen“ , so Wolfgang Ge nehr. Die Lösung für das Problem liefert seit 1965 die Talsperre Spremberg: Sie gibt Wasser ab, um die Versorgung und Bewirtschaftung der Spree zu gewährleisten.

Pionierprojekt für Europa
1958 begannen die Arbeiten an dem Riesenprojekt. „Eine echte Pionieraufgabe“ , sagt Genehr. Denn die Talsperre Spremberg war der erste Flachlandspeicher in ganz Europa und damit eine Herausforderung für Planer und Macher. In dem zehnköpfigen Ingenieurs team, das für den Bau verantwortlich war, war auch der damals 30-jährige Karl-Heinz Bäucker. Dampf- und Dieselloks brachten insgesamt 100 000 Kubikmeter Lehm und 1,1 Millionen Kubikmeter Sand an ihren Platz. „200 Leute arbeiteten im Schichtbetrieb - eine spannende Zeit“ , erinnert sich der Rentner.
Doch der Bau verlief nicht ohne Pannen. Beim zweiten Probestau Anfang der 60er-Jahre sickerte unter der Staumauer Wasser hindurch, das in der Ortschaft Bräsinchen für nasse Füße sorgte. Eine Folge: „Auf dem Friedhof kamen die Särge hoch“ , berichtet Wolfgang Genehr. Die Folgen waren aber schnell beseitigt: Ein Entlastungsgraben wurde gebaggert und weitere Erdmassen zum Schutz aufgeschüttet, um Störfälle zu verhindern.
1965 wurde die Talsperre pünktlich zum 16. Jahrestag der DDR eingeweiht und nur einen Tag später in Betrieb genommen. Die erste große Bewährungsprobe stand beim großen Hochwasser 1981 an. „Wäre die Talsperre nicht gewesen, hätten nicht nur der Spreewald unter Wasser gestanden, sondern auch weite Teile von Cottbus“ , so Genehr. Auch alle weiteren Hochwasser in den Jahren danach hat die Talsperre zuverlässig abgefangen.
Und das macht auch Miterbauer Karl-Heinz Bäucker nach wie vor stolz. Immer wieder kehrt er deshalb an die Talsperre zurück. Fast täglich radelt er mit seiner Frau Eva die 25 Kilometer um den Stausee herum. Oft machen sie Rast an der großen Staumauer und besuchen die fünf Kollegen, die heute für die Sicherheit am Damm verantwortlich sind. Denn ganz kann Karl-Heinz Bäucker auch 40 Jahre nach der Inbetriebnahme nicht von der Spremberger Talsperre lassen: „So pathetisch sich das auch anhören mag, aber sie ist ein Teil meines Lebens.“

Zum Thema Zahlen und Fakten
  Bauzeit: 1958 bis 1965.
In Betrieb ging die Talsperre am 8. Oktober 1965.
Baukosten: 65 Millionen Mark
Stauvolumen: 42,7 Millionen Kubikmeter Spreewasser.
Stauoberfläche bei höchstem Stau: 9,9 Quadratkilometer.
Die Staumauer hat eine Länge von 2,2 Kilometern, der Erdstaudamm ist 3,7 Kilometer lang.
Der Stausee wird unter anderem von Fisch- und Seeadlern, Fischottern, Störchen und Graureihern als Brut- und -aufzuchtsgebiet genutzt.
Auch für den Tourismus ist die Talsperre nutzbar gemacht: Es gibt Badestrände und Campingplätze. Ein Rad- und Wanderweg führt um den See.
Seit der Wende wurden 15 Millionen Euro investiert.
In den nächsten Jahren sind Investitionen von 10 Millionen Euro geplant.