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Gewichtiges Buch über das kleine Kühnicht

Das Redaktionsteam Hans-Peter Kowalk, Reinhard Wenzel, Christine Reppe, Werner Srocka und Dietmar Wittig (v.l.n.r.) ist überzeugt: Ohne die heute 90-jährige Zeitzeugin Helene Kobalz (vorn) wäre das Lesebuch über Kühnicht nicht jenes lebendige Dokument geworden, das sie nun gemeinsam vorgelegt haben.
Das Redaktionsteam Hans-Peter Kowalk, Reinhard Wenzel, Christine Reppe, Werner Srocka und Dietmar Wittig (v.l.n.r.) ist überzeugt: Ohne die heute 90-jährige Zeitzeugin Helene Kobalz (vorn) wäre das Lesebuch über Kühnicht nicht jenes lebendige Dokument geworden, das sie nun gemeinsam vorgelegt haben. FOTO: Mandy Fürst/mft1
Kühnicht. Am Sonntag ab 11 Uhr geht beim Dorffest eine besondere Publikation über den Verkaufstisch. Vier Jahre Arbeit stecken in dem Lesebuch über das einstige Vorwerk, das jetzt Stadtteil ist. Mandy Fürst / mft1

"Das hat ja richtig Gewicht! Das ist wirklich gut!", staunt Erna Schmaler. "Da sind ja auch viertausend Jahre Geschichte drin!", antwortet Reinhard Wenzel und schmunzelt schelmisch. Wenzel ist einer von fünf Redakteuren, die am Mittwoch die knapp 200 Seiten starke Chronik ihres Heimatortes Kühnicht der Öffentlichkeit präsentiert haben.

Erna Schmaler wiederum ist die erste Kühnichterin, die sich auf den Weg gemacht hat, um das Werk zum Preis von 24 Euro käuflich zu erwerben. Es sei ihr ein besonderes Bedürfnis gewesen, das Buch so früh wie möglich in den Händen zu halten, signalisiert die Leserin in spe dem Redaktionsteam und den Autoren, die zur offiziellen Vorstellung von "Unser Kühnicht: Vorwerk - Dorf - Stadtteil" in das Dorfgemeinschaftshaus gekommen waren. Dass sie für das Buch nicht unwesentlich mitverantwortlich ist, verrät sie selbst nicht.

Zu den Fakten der Publikation: Herausgeber ist der Ortsverein Kühnicht. Vom Manuskript zum fertigen Buch verwandelt wurde das Werk in der BWS Behindertenwerk GmbH Spremberg. Zum Redaktionsteam gehörten in der Reihenfolge des Impressums Christine Reppe, Werner Srocka, Hans-Peter Kowalk, Dietmar Wittig und Reinhard Wenzel. Viele Autoren haben der Zusammenschau der Ortsgeschichte ihr Wissen hinzugefügt. Vattenfall, die Lausitzer Seenland Stiftung und die Stadt Hoyerswerda gaben dem ehrgeizigen Projekt das finanzielle Fundament.

2013 hatte die fünfköpfige Arbeitsgruppe das Vorhaben Ortschronik in Angriff genommen. Anschub sei zum einen die Feststellung des baldigen Jubiläums durch Pfarrer Jörg Michel gewesen, berichten die Macher. Zum anderen habe Erna Schmaler in einer zufälligen Begegnung des frischgebackenen Ruheständlers Dietmar Wittig die Bitte um die Aufarbeitung der Kühnichter Geschichte geäußert.

Fakt ist aber auch: Das "Lesebuch zur Geschichte" ist nicht nur ein Buch mit tausend Gesichtern. Es ist auch ein Buch mit unzähligen Perspektiven. Nicht zuletzt wird der Blick auf die sorbischen Wurzeln des Ortes und seiner Menschen gerichtet, der von Textpassagen und Zitaten in sorbischer Sprache sowie einem patentierten Leitfaden durch die Bildergalerie in "Sorbisch-Grün" getragen wird.

Historiker können in Vergangenheit und Gegenwart - nicht nur von Kühnicht - lesen und blättern. Das älteste Gebäude des Ortes ist auf Seite 59 abgebildet. Kunstliebhaber genießen die vielen fotografischen Arbeiten sowie Landschaftsdarstellungen von Kurt Klinkert. Die "Alte Linde am Stadtrand" aus Sicht des Hoyerswerdaer Malers ist auf Seite 60 zu finden. Familienforscher suchen auf den unzähligen Fotos nach Ahnen und Urahnen. Schuleingänge und Hochzeiten zieren beispielsweise die Seiten 51 und 148. Und Kinder gucken sich einfach mal an, wie die Leute früher so gelebt und gearbeitet haben. Von den Heuernten mit Kuhgespann und Traktor erzählen unter vielen anderen die Seiten 144 und 145. Das alles müsse doch für die Nachwelt erhalten werden, sagt Erna Schmaler.

Nach dem Dorffest am Sonntag wird der Ortsverein die vielen Fotos sortieren, um sie ins Archiv zu geben, und dann eine neue Arbeitsgruppe gründen. Im kommenden Jahr feiert Kühnicht nämlich seine Erstnennung vor dann genau 450 Jahren. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Chronik kommen den Festivitäten zugute, für die im Übrigen schon ein grobes Planungsgerüst gezimmert ist, wie Reinhard Wenzel verrät.

Der Ort habe zwar keine lange, aber sehr wohl eine wechselvolle Geschichte und über die relativ kurze Zeit von vier Jahrhunderten quasi eine Metamorphose durchlaufen, fasst Reinhard Wenzel im Rahmen der feierlichen Vorstellung zusammen. Sich vom kleinen Vorwerk über den Status "Dorf" zum Stadtteil zu entwickeln, sei womöglich eine einzigartige Geschichte. Und das hat natürlich Gewicht!