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Wider das Vergessen
Geschichte jenseits der Schulbücher

Die Zeitzeugen Gisela Plessgott (72, links) und Brigitte Führer (82) im Gespräch mit Schülerin Jennifer Rerich (15).
Die Zeitzeugen Gisela Plessgott (72, links) und Brigitte Führer (82) im Gespräch mit Schülerin Jennifer Rerich (15). FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Zeitzeugen im Gespräch mit Schülern: Das Projekt „Wider das Vergessen“ sorgt in Hoyerswerda für einen emotionalen Geschichtsunterricht. Von Anja Hummel

„Kurz bevor der Junge an den Galgen kam, rief er ein Wort, das in fast allen Sprachen gleich klingt. Er schrie ‚Mama’. Es war so erschütternd.“ Wenn Justin Sonder über sein Schicksal und seine Erlebnisse im Konzentrationslager Auschwitz spricht, scheint die Welt still zu stehen. Der 92-Jährige erzählt von versuchter Flucht, von Massenhinrichtungen, von KZ-Freundschaften, vom Flieger­alarm. Justin Sonder ist der einzige deutsche noch lebende Auschwitz-Inhaftierte. 1943 wurde er in das Konzentrationslager deportiert. In Hoyerswerda erzählt der Chemnitzer von seinem Schicksal, beantwortet Fragen, will aufklären.

Seit 22 Jahren ist er als Zeitzeuge besonderer Gast des Hoyerswerdaer Projektes „Wider das Vergessen“. Neben 13 weiteren Zeitzeugen, auch aus zweiter Generation, sind Schüler und Lehrer von zwei Oberschulen und drei Gymnasien dabei als auf dem feierlichen Empfang am Mittwoch im Jugendclubhaus „Ossi“ die erste Begegnung stattfindet.

Mit dem Nationalsozialismus und den Gräueltaten des NS-Regimes haben sich die Schüler schon zuvor auseinandergesetzt. Nicht nur im Klassenzimmer. Ein Gedenkstättenbesuch nach Auschwitz gehörte ebenfalls zum Projektprogramm. Dass es für die Schüler ein ergreifender Ausflug in die deutsche Nazi-Vergangenheit war, wird klar, als Gymnasiastin Jennifer Rerich von ihren Empfindungen während des KZ-Besuches spricht. „Die Bilder im Stammlager waren so erschreckend“, erzählt die 15-Jährige. „Überall waren persönliche Gegenstände, die den Menschen weggenommen wurden“, schildert sie. Ihre Gefühle übermannten sie so sehr, dass sie den Raum verlassen musste. Heute, mit ein wenig Abstand zum Auschwitz-Besuch im vergangenen Jahr, möchte sie unbedingt mit den Zeitzeugen sprechen. Und dennoch: Als beklemmend beschreibt die Schülerin die Atmosphäre. Das Fragen nach speziellen Geschehnissen fällt ihr schwer. „Dadurch erleben die Zeitzeugen ja alles noch einmal und das will ich ihnen nicht antun“, sagt Jennifer.

Doch genau um das Auflebenlassen der Geschichte geht es den Zeitzeugen. Eine, die Antworten geben möchte, ist Brigitte Führer aus Hoyerswerda. Der Vater der Kabarettistin ist von den Nazis ermordet worden, „damals war ich sieben Jahre alt“, blickt sie zurück. Doch viele Fragen nach dem „Warum“ sind offen. „Meine Mutter hat nie mit mir darüber gesprochen und viele Dokumente einfach in den Ofen gesteckt.“ Brigitte Führer möchte nun selber erforschen, was damals genau geschah. „Ich weiß nur, dass mein Vater ein Regimekritiker war und angeblich von einem Kollegen verpfiffen wurde“, sagt sie. In den Händen hält die 82-Jährige ihr Zeugnis aus den Jahren bis 1945. Für die 67 Jahre jüngeren Schüler ein Geschichtsdokument, das jedes Lehrbuch in den Schatten stellt. Von Leibeserziehung wie Turnen und Spiele ist die Rede, von Raum- und Naturlehre.

Auch Gisela Plessgott sitzt mit am Tisch und möchte als Zeitzeugin zweiter Generation ihr Wissen weitergeben. Der Vater der Berlinerin war von 1938 bis 1945 Häftling im KZ Buchenwald. Die Geschichtsbücher zweifelsohne ersetzen – oder besser: übertreffen – kann auch Ursula von Schürmeister. „Mein Vater war Karl Jungbluth. Er war Mitglied der Leipziger Widerstandsgruppe um Georg Schumann“, erzählt die 79-Jährige. 1945 wurde ihr Vater in Dresden hingerichtet. Auf dem Münchner Platz. „Ich habe es bis heute nicht dorthin geschafft“, sagt die Berlinerin, die sich noch sehr gut an die Festnahme der Eltern durch die Gestapo erinnern kann.

Das Projekt „Wider das Vergessen“ – und damit auch die Zeitzeugengespräche – finden mittlerweile seit 22 Jahren statt. Viele Zeitzeugen sind bereits verstorben. „Es leben nur noch sehr Wenige, die uns authentisch berichten können, wie es damals zuging“, betont Regina Elsner. Die Vorstandsvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) Hoyerswerda findet diesen Weg der Geschichtsbildung „gerade jetzt so wichtig, wo faschistische Ideologie wieder Nährboden findet“. Auch die Stadtspitze ist beim Empfang der Zeitzeugen dabei. Für Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU) ist klar: „Die Erlebnisse dürfen nicht in Vergessenheit geraten.“ Werte wie Demokratie, Freiheit und Frieden schwinden bereits allzu oft aus den Gedächtnissen.

Umso wertvoller sind die Erinnerungen von Justin Sonder. Der Auschwitz-Überlebende möchte so lange es geht mit der jungen Generation im Gespräch bleiben. Nur ein Ziel verfolgt er dabei – so selbstverständlich und doch so wichtig zu nennen. „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“, sagt der 92-Jährige. Stummes Nicken. Ausnahmslos alle sind sich einig.

Justin Sonder (92) ist der letzte Auschwitz-Überlebende in Deutschland. Seit 22 Jahren kommt er nach Hoyerswerda, um über sein Schicksal zu berichten.
Justin Sonder (92) ist der letzte Auschwitz-Überlebende in Deutschland. Seit 22 Jahren kommt er nach Hoyerswerda, um über sein Schicksal zu berichten. FOTO: Anja Hummel / LR