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| 02:47 Uhr

Gedenkstätte immer noch im Aufbau

Die Geschichten der Zeitzeugen selbst hören. Dieses Angebot erreicht Matteo aus Leuna und seine Großmutter Monika Weist.
Die Geschichten der Zeitzeugen selbst hören. Dieses Angebot erreicht Matteo aus Leuna und seine Großmutter Monika Weist. FOTO: mdr1
Hoyerswerda. Dass die Region Hoyerswerda lange vor der Zuse-Akademie bereits Universitätsgeschichten geschrieben hat, wenn auch eine denkbar unrühmliche, das können Gäste bei der Führung durch die Gedenkstätte Elsterhorst bei Nardt erfahren. mdr1

Französische Insassen des Zwangsarbeiter- und Gefangenen- sowie späteren Vertriebenen- und Quarantänelagers Elsterhorst waren es, die trotz allen Leides die Menschenwürde aufrecht hielten, erzählt die wissenschaftliche Leiterin des Schlossmuseums Elke Roschmann mit einem Ausdruck der Bewunderung den zwei Dutzend Zuhörern. Künstler, Musiker und Gelehrte gestalteten zwischen den Stacheldrahtzäunen einen Alltag, der vom Leben westlich der Grenzen des kriegstreibenden Deutschland inspiriert und offensichtlich mit aller den Menschen möglichen Ernsthaftigkeit gelebt wurde. Die Vorlesungen beispielsweise der Lageruniversität wurden später von Paris anerkannt und mit Studienabschlüssen zertifiziert.

Seit 2011 dient die letzte verbliebene Baracke im Zusammenspiel mit der 1993 wieder hergerichteten Kriegsgräberstätte Nardt als öffentlicher Ort der Erinnerung an 400 000 Menschen, die zwischen 1937 und 1947 durch das Lager auf dem heutigen Flugplatz Nardt gingen. 400 000 Lebens-, Leid- und Fluchtgeschichten könnten erzählt werden und wären doch fast in Vergessenheit geraten, wären da nicht nach der politischen Wende plötzlich diese Franzosen vor den Schreibtischen der Museumsmitarbeiter aufgetaucht, die nach Schicksalsstätten ihrer Angehörigen fragten, erinnert sich Elke Roschmann. Ein kleiner Metallbecher war dann der Start einer mittlerweile umfassenden Sammlung von Objekten, die von Hunger, Elend und Krankheit ihrer Besitzer berichten. Aus jahrelangen Recherchen in europäischen Archiven sowie unzähligen Zeitzeugengesprächen formte sich nach und nach ein Bild von dem Grauen, das fast ein Geheimnis der weiten Kiefernwälder geblieben wäre.

Dabei war es ausgerechnet die geschützte Lage der Lichtungen, die das Leid nach Elsterhorst brachte, weiß Elke Roschmann. Die Anforderungen im Befehl zum Lagerbau aus dem Jahr 1936 fanden sich in der Landschaft, als seien sie dort konzipiert worden. Freie Ebenen, die dennoch nicht dem Wind ausgeliefert sind. Landwirtschaftliche Nutzflächen in der Nachbarschaft, aber nicht direkt auf dem Lagergelände. Eine kleine Stadt mit Bahnhof und genügend leicht verfügbares Wasser in der Nähe. Hoyerswerda, seine Felder und die Schwarze Elster boten perfekte Bedingungen für eine unfassbare Mobilmachung. Bereits 14 Tage nach Beginn des Krieges bevölkerten 7´000 polnische Gefangene die für 20 000 Insassen konzipierte Barackenstadt. Das neueste Dokument der Ausstellung, eine mit dem Titel "Einblicke in ein polnisches Gefangenenlager. Elsterhorst" überschriebene Fotoserie, erzählt von den ersten Bewohnern und den, wie Elke Roschmann in ihren Forschungen erfahren musste, unmenschlichen Lebensbedingungen.

Die Gedenkstätte Elsterhorst befindet sich weiterhin im Aufbau. Derzeit entsteht ein Medienraum, der mit 14 000 Euro gefördert wird, sagte Elke Roschmann und bat die Gäste abschließend dennoch dringend um weitere Unterstützung. Viele Anschauungsobjekte könnten noch nicht gezeigt werden. Auch für die künftige Arbeit, die vor allem durch den Verlust der Zeitzeugen geprägt sein wird, werden noch Partner und Sponsoren gebraucht. Anmeldung sind möglich unter Telefon 03571 2096114. Führungen für Gruppen am sieben Personen dauern etwa eine Stunde und kosten fünf Euro, ermäßigt drei Euro.