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Gedanken und Jazz unterm Abendhimmel

Hoyerswerda.. Das war ein Abend, wie ihn auch Brigitte Reimann geliebt hätte. Laue Sommerluft wehte durch die Sitzreihen, die vor einer großen weißen Kinoleinwand an ungewöhnlichem Ort – nämlich auf dem Parkdeck des Lausitz-Centers – aufgestellt waren. Die Abendsonne tauchte die einzige Wolke am Himmel in wundervolles Purpurrot, während vom Pult her einschmeichelnde Jazzklänge – live gesungen – heranschwebten. Von Catrin Würz

„. . . all die herrlichen Lieder“ war das musikalisch-literarische Programm überschrieben, mit dem am vergangenen Sonnabend in Hoyerswerda der Veranstaltungsreigen zum 70. Geburtstag der Schriftstellerin Brigitte Reimann eröffnet wurde. Die Veranstaltung war ein regelrechtes Gemeinschaftswerk, denn mehrere Einrichtungen in der Stadt hatten ihrs dazu getan. Die Kulturfabrik hatte die Kinovorführung der DEFA-Verfilmung des Romans „Franziska Linkerhand“ und alles Tontechnische vorbereitet. Das Ufa-Kino Filmeck stellte seinen Filmprojektor zur Verfügung. Die Hoyerswerdaer Musikschul-Band „BlueNatics“ hatte unter der Leitung von Gerd Siegmeier vor allem Jazzmusik schwarzer Künstler wie Ella Fitzgerald und Billy Holliday einstudiert - jene liebte die Schriftstellerin Brigitte Reimann besonders. Und Helene Schmidt und Angela Potowski vom Kunstverein trugen geschickt ausgewählte Tagebuchnotizen und Briefe von und über Brigitte Reimann vor - die die Autorin in ein möglichst vielschichtiges Licht tauchen sollten. Und auch die Getränkeversorgung für die mehr als 120 Zuhörer war nicht vergessen worden. . .
Und so waren also beste Bedingungen gegeben, um in besinnlicher Atmosphäre etwas über jene begabte, lebenslustige und zugleich unangepasste Frau zu erfahren, die von 1960 bis 1968 in Hoyerswerda ihre schöpferischsten Jahre als Schriftstellerin verbrachte. Da erfuhr man beispielsweise, wie die Reimann 1962 über den „Kleinbürger“ Walter Ulbricht und den Personenkult in der damaligen Kunst dachte, tauchte ein in Hoyerswerdaer Episoden, wie jene Lesung in einem Jugendklub der Stadt, in dem die Reimann den Jungs und Mädchen zuerst einmal ihre Jazzplatten vorspielte, um sie mit „wirklich guter Musik“ zu konfrontieren. 1963 hatte es nach einem Lyrik abend in Hoyerswerda „Riesenaufregung wegen einiger Gedichte von Volker Braun und Jewgeni Jewtuschenko gegeben“ - auch davon war zu hören. Und immer wieder ging aus den vorgetragenen Tagebuchnotizen hervor, wie sich die Autorin Gedanken machte, in der täglich wachsenden Stadt der Kultur und der Kunst einen festen Platz zu verschaffen.
Dass die Kultur in Hoyerswerda heute den ihr zustehenden Platz hat, „ist auch mit ein Verdienst dieser Frau, die immer drängelte und unbequem war“ , weiß Kunstvereinsvorsitzender Martin Schmidt. Ihn als Mitveranstalter machte es natürlich besonders glücklich, dass mehr als 120 Zuhörer der Einladung auf das Parkdeck gefolgt waren.
Unbedingt zu erwähnen ist auch der gefühlvolle Gesang von „BlueNatics“ -Sängerin Elisabeth Unger, die mit ihrer wohl für den Jazz geschaffenen Stimme und mit ihren Bandkollegen Anne Sturm, Thoralf Schrader und Gerd Siegmeier das Publikum wie in einem Traum verzauberte. Solche Klassiker wie „Night & Day“ , „Summertime“ oder auch „Killing me softly“ klangen auch von den vier Hoyerswerdaer Musikern ausgesprochen reizend.
Als die Dunkelheit gekommen war, wurde der Filmprojektor angeschaltet und der 1980 von Lothar Warneke gedrehte Streifen „Unser kurzes Leben“ flimmerte in die schwarze Nacht. Als die Romanheldin auf dem Hoyerswerdaer Bahnhof (!) ankommt, ging ein Raunen durch die Zuschauerschaft - viele andere Wiedererkennungseffekte gab es dann noch, denn der Film wurde hauptsächlich in Hoyerswerda, Spremberg und Weißwasser gedreht. Und der Kampf der jungen Architektin um eine neue Stadt, „in der man nicht nur wohnen, sondern auch leben kann“ zieht heute noch genau wie damals in den Bann. Auch wenn es heute schon lange keine „Wohnungsbauprogramme“ mehr gibt. . .

Service Weitere Reimann-Termine
Montag, 21. Juli:
14 Uhr - Namensgebung „Brigitte- Reimann -Bibliothek“ (Stadtbibliothek)
17 Uhr - Eröffnung der Ausstellung „Brigitte Reimann in Hoyerswerda und Schwarze Pumpe“ (Schloss Hoyerswerda)
19 Uhr - Gespräch mit Herausgeberin Dr. Angela Drescher über Brigitte Reimanns unbekannte Fragmente (Schloss)

Dienstag, 22. Juli, 18 Uhr:

„Grüß Amsterdam“ - Buchlesung und Gespräch mit Reimann-Jugendfreundin Irmgard Weinhofen zum langjährigen Briefwechsel (Schloss Hoyerswerda)

Freitag, 15. August, 19 Uhr:
Gespräch mit Dr. Margrid Bircken, Präsidentin der Reimann-Gesellschaft (Schloss)