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| 17:57 Uhr

Freunde und Wegbegleiter berichten über Gundermann
Für kurze Zeit ganz nah dran an Gundi

 Der Erzählsalon zum Thema „Gundi und ich“ in der Aula des Lessing-Gymnasiums Hoyerswerda: Salonniere Katrin Rohnstock, Reinhard „Pfeffi“ Ständer, Journalistin und Filmemacherin Waltraud Tschirner, Tontechniker und Feuerstein Maik „Pille“ Pillokat und Feuerstein Elke Förster (v.l.) erzählen von ihren Erlebnissen mit Gerhard Gundermann.
Der Erzählsalon zum Thema „Gundi und ich“ in der Aula des Lessing-Gymnasiums Hoyerswerda: Salonniere Katrin Rohnstock, Reinhard „Pfeffi“ Ständer, Journalistin und Filmemacherin Waltraud Tschirner, Tontechniker und Feuerstein Maik „Pille“ Pillokat und Feuerstein Elke Förster (v.l.) erzählen von ihren Erlebnissen mit Gerhard Gundermann. FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda. Der Erzählsalon zum Thema „Gundi und ich“ bringt bekannte und neue Einblicke in das Leben des Sängers und Menschen. Sogar ein Stück neuer, alter Film ist aufgetaucht. Von Sascha Klein

Plötzlich ist er wieder da – und alle Gäste starren gebannt auf den Mann mit der wilden Frisur und dieser aus der Zeit gefallenen Brille. Er steht – na klar – im Tagebau, mit seinem ewig dreckigen Arbeitsanzug. In den sind neben Dreck auch Hunderte Geschichten imprägniert gewesen. An der Stelle, wo er da steht und sinniert, wächst jetzt immer wieder das Gras. Damals, Anfang der 1990er-Jahre, noch nicht. Damals ist Gerhard Gundermann dort noch mit dem Moped zwischen Schicht, Musikmachen und irgendwie die Welt verändern hin- und hergefahren.

Der Film von Waltraud und Joachim Tschirner – „Fernseher aus, Sternschnuppen an“ –  flimmert über den Bildschirm der Aula des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums. Da hat alles begonnen. Da hat der junge Gundermann erst den neuen Singeklub aufgemischt und dann mit der Brigade Feuerstein für Furore gesorgt.

Für diese 30 Minuten Film ist alles irgendwie wie früher. Gundi ist da. Er arbeitet und singt, er lenkt seinen Bagger und sitzt auf einem Sandberg. Und sieht aus wie immer. Als wäre er nie weg gewesen.

Die Gäste des Erzählsalons am Donnerstagabend – veranstaltet von Rohnstock Biografien und der Kulturfabrik Hoyerswerda – hängen an seinen Lippen, lachen – und leiden auch ein wenig. Denn sie wissen alle: Es sind leider nur schöne Erinnerungen. Dieser Kerl, dieser Kauz, ist wirklich nicht mehr da. Was bleibt, sind seine Lieder, seine Fotos und die Erinnerungen derjenigen, die ihn über viele Jahre erlebt haben.

Einer, der Gerhard Gundermann viele Jahre lang begleitet hat, sitzt in der Runde vor der Bühne: Reinhard „Pfeffi“ Ständer, das lebendige Archiv Gundermanns. Jeden Schnipsel hat er über Gundi gesammelt und gehütet wie den Heiligen Gral. Jetzt geht es um die Erlebnisse mit Gundermann. „Zwischen 1980 und 88 hatte ich eigentlich den meisten Kontakt mit Gundi“, erzählt Ständer. Das ist die Zeit des FMP-Klubs gewesen. Kaum ein Auswärtiger kann heute mit dieser Abkürzung etwas anfangen, die meisten Hoyerswerdschen und viele in der DDR Geborenen zwischen 45 und 75 Jahren sehr wohl: Feuersteins Musik-Palast. Der FMP-Klub ist auf Initiative von Bernd Nitzsche entstanden, erzählt Ständer. Und schon wieder gibt es einen Grund zum traurig sein: Auch Nitzsche ist viel zu früh verstorben.

Auch Waltraud Tschirner erinnert sich gut an Gundermann. Sie hat mit ihrem Mann einen Film über ihn gemacht, ihn öfter interviewt. Sie hatte ihn aufgeschlossen und ihn gezeigt, wie er ist. Waltraud Tschirner hat 1970 am heutigen Lessing-Gymnasium, damals EOS Gotthold Ephraim Lessing, Abitur gemacht. „Ich hatte gehört, dass da so ein verrückter Vogel im Singeklub Hoyerswerda sein soll“, erzählt sie. Später hat sie Gundermann kennengelernt: „Der sprühte vor unglaublich tollen Ideen.“ So haben ihn wohl viele kennengelernt, die in den Jahrzehnten mit ihm zu tun hatten. Voller Ideen, strikt, streitbar, rastlos.

Elke Förster hat fast die gesamte Schaffensphase von Gundermann verfolgen können – von ihren ersten Erfahrungen als Lehrerin im und mit dem Singeklub, über die Gründung der Brigade Feuerstein am 1. Mai 1978, über Gundermanns erste Platte 1988, das Ende der Feuersteine, die Wende und Gundermanns Musik im vereinten Deutschland – mit all den Sorgen und Problemen, die die Einheit für Hoyerswerda, die Ostdeutschen und auch Gundermann gebracht hatte. „Die Feuersteine waren wie eine erweiterte Familie“, erzählt Elke Förster, und ein Großteil der Gäste ist gedanklich in den späten 70er- und 80er-Jahren – bei Ferienspielen und den vielen Programmen der Feuersteine, die so viele Kinder und Jugendliche in Hoyerswerda gesehen haben. „Ich kann mich nicht erinnern, dass etwas mal keinen Spaß gemacht hat“, sagt Elke Förster. Dabei haben die Feuersteine oft ein Riesen-Pensum abgeliefert, erzählt die frühere Musiklehrerin aus Lauta. Montags Probe der Musiker, mittwochs Probe der Sänger, freitags Gesamtprobe, Samstag und Sonntag Auftritt: Die Feuersteine sind so gut wie täglich zusammen gewesen.

Maik Pillokat – genannt „Pille“ – hat ab 1986 bei der Brigade Feuersteinen mitgemacht. Er hat Gundermann auch in den 1990er-Jahren weiter begleitet. Und heute: Heute hütet Pillokat einen Schatz. Es sind Videoaufzeichnungen, wie Gerhard Gundermann, gemeinsam mit den ersten Seilschafts-Mitgliedern, 1993 an der Nordsee die ersten Lieder einspielt und die erste Platte vorproduziert. Videobänder, die bislang so gut wie unbekannt gewesen sind. Pillokat spielt fünf Minuten daraus vor. Zu sehen: Die Band sitzt, teils im Jogginganzug, in einem Haus. Es ist das Haus von Rio Reiser. Der Raum ist voll mit Gerätschaften, Instrumenten, Kabeln.

„Dort hat sich die Seilschaft erst richtig gefunden“, sagt Pillokat heute. Gundermann hatte Anfang der 1990er-Jahre Songs mit Silly aufgenommen. Nun brauchte er aber eine eigene Band. Das Ergebnis: „Er hat alle Kandidaten ins Kulturhaus Spreetal eingeladen“, erzählt Tontechniker Pillokat. „Heute würde man das wahrscheinlich Casting nennen.“ Mario Ferraro und Tina Powileit seien so zur späteren Seilschaft gestoßen – ebenso wie der schon verstorbene Thomas Hergert.

Die Filmaufnahmen von 1993 hält nicht nur Filmemacher Joachim Tschirner für einen Schatz. Rund eine Stunde Material mit Gundermann und Seilschaft – dafür hatte sich Maik Pillokat einst mit einer elend schweren Videokamera herumgeplagt. Aus dem Film soll etwas entstehen, sagt das Feuerstein-Mitglied. Ideen und erste Gespräche gebe es bereits. Das heißt: Mehr als 20 Jahre nach Gundis Tod könnte es noch einmal ganz neue Einblicke in das Leben des singenden Baggerfahrers geben.

In Hoyerswerda wird Gundermanns Erbe seit zwei Jahrzehnten liebevoll gepflegt. Schon im Februar gibt es die nächste Chance, etwas davon zu erleben. Das Feuerstein-Kindermusical „Die kleine Malwina“ mit Liedern von Gerhard Gundermann und Alfons Förster ist am Sonntag, 17. Februar, ab 15.30 Uhr in der Kulturfabrik Hoyerswerda zu sehen – inszeniert von der Musik- und Kunstschule Bischof.

Einen Tag davor, am 16. Februar, steigt um 20 Uhr in der Kulturfabrik eine Gundermann-Party. Wenige Stunden vorher, um 16 Uhr, gibt es ein weiteres Erzählcafé rund um Gundermann. Dann heißt es erneut „Fernseher aus, Sternschnuppen an“ – und wieder scheint es für einige Stunden so, als wäre dieser Gerhard Gundermann nie wirklich weg gewesen.