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Fünf Beckels beten im Kreuzreiter-Sattel

FOTO: Richter-Zippack
Wittichenau. Mehr als 450 Kreuzreiter haben am Ostersonntag die Botschaft von der Auferstehung hoch zu Ross von Wittichenau ins zwölf Kilometer entfernte Ralbitz getragen. Mit gleich fünf Reitern aus drei Generationen waren auch die Beckels dabei. Torsten Richter-Zippack / trt

Bei Beckels beginnt der Ostermorgen farbenfroh. Allerdings nicht nur wegen des glutroten Sonnenaufgangs über ihrem Heimatstädtchen Wittichenau, etwa eine Stunde, nachdem die Familie von der Kreuzreitermesse in der Katholischen Pfarrkirche "Mariä Himmelfahrt" aufs heimische Gehöft eilte. Sondern aufgrund der kleinen, aber gut sichtbaren Kränzchen an den Wracks, die während des frühmorgendlichen Gottesdienstes ans Revers geheftet wurden.

Manfred Beckel trägt das goldene, schließlich wird er dieses Jahr zum bereits 50. Mal reiten. Sohn Karsten Beckel darf sich mit einem silbernen Kränzchen schmücken, seit einem Vierteljahrhundert ist er beim Kreuzreiten dabei. Und Neffe Felix Beckel präsentiert mit stolz geschwellter Brust sein grünes Myrtenkränzchen. Das Zeichen, dass der 15-Jährige zum ersten Mal an der traditionellen Osterprozession, die bereits in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückreicht, teilnimmt. Felix' Vater Enrico Beckel reitet seit 28 Jahren. Und Marcus Beckel ist immerhin seit 17 Jahren dabei. "Wir sind mächtig stolz auf diese Familientradition", sagt Manfred Beckel. Zählte man sämtliche Kreuzritte der Beckels zusammen, käme man auf eine Zahl jenseits der 200.

Seit Jahrzehnten werde das notwendige Gewusst-wie von den Vätern an die Söhne weitergegeben. Und zwar in guten wie weniger guten Zeiten. "Mein erstes Pferd", so erinnert sich Manfred Beckel, "war die ,Lisa', ein mittelschweres Arbeitstier." Schwierig seien die 1960er-Jahre gewesen. Der durch die Technisierung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften ausgelöste Pferdemangel wirkte sich auch aufs Kreuz- und Osterreiten aus. Doch geritten worden sei immer. Egal, ob vor oder nach der Wende. Ob bei Schnee und Minusgraden, bei Sonne und Badetemperaturen. Und streng genommen gibt es an diesem Ostertag noch ein weiteres Jubiläum.

Denn zum 50. Mal kehrt Familie Beckel im Zielort der Wittichenauer Prozession, dem zwölf Kilometer entfernten Ralbitz, mit ihren Rössern auf dem Zoschke-Bresan-Hof ein. Das Anwesen direkt im Zentrum des Kirchdorfes, das es durch seine unzähligen weißen Kreuze auf dem Friedhof direkt neben der Kirche zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat, bietet rund 50 Pferden eine Unterkunft für wenige Stunden. Schließlich werden die Wittichenauer von den Ralbitzern bewirtet, zuvor darf das gemeinsame Gebet nicht fehlen. Darüber hinaus gibt es eine Andacht in der Kirche. Schon seit rund drei Jahrzehnten führt Bernhard Bresan auf dem Hof das Kommando. Er selbst bezeichnet sich als "Pferde-Manager". Jedes Tier müsse genügend Platz und Futter haben. Und der Reiter solle seinem Ross zeigen, wer der Stärkere ist. Bresans Sohn ist ebenfalls Osterreiter. Er ist mit den Ralbitzern zum "Gegenbesuch" in Wittichenau.

Sowohl die Ralbitzer als auch die Wittichenauer haben an diesem Ostersonntag Glück mit dem Wetter. Überall halten neugierige Einheimische und Touristen Ausschau nach Pferden und Reitern. Tatsächlich werden am Ende rund 10 000 Menschen alle Prozessionen in der katholischen Oberlausitz besucht haben. Schließlich verkünden die Reiter auf Sorbisch und Deutsch, betend und singend, die Botschaft von der Auferstehung des Herrn.

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