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| 18:27 Uhr

Hoyerswerda
Frühjahrsputz für Körper und Geist

Sieben Tage Fasten nach Anleitung: Dagmar Steuer (r.) gibt die Kurse seit vielen Jahren und hält somit auch die Motivation von Ehepaar Schmicker aus Milstrich ganz weit oben.
Sieben Tage Fasten nach Anleitung: Dagmar Steuer (r.) gibt die Kurse seit vielen Jahren und hält somit auch die Motivation von Ehepaar Schmicker aus Milstrich ganz weit oben. FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Ausgebuchte Fastenkurse in Bröthen: Eine Woche ohne Essen soll langfristig gesünder machen. Von Anja Hummel

„Ich habe überhaupt keine Probleme“, sagt Klaus-Dieter Schmicker absolut überzeugend. Er ist gut gelaunt, lacht viel, scheint agil zu sein. Und das, obwohl er Körper und Geist seit drei Tagen nur mit Flüssignahrung über Wasser hält. Es ist Fastenzeit. Gemeinsam mit acht anderen Lausitzern stellt sich der 60-Jährige der Entgiftungskur. Er ist der einzige Mann am Tisch von Dagmar Steuer. Die Bröthenerin leitet seit 18 Jahren Fastenkurse in Hoyerswerda und Kamenz. Das Interesse daran steige stetig, sagt sie. Allein in Hoyerswerda betreut sie in diesem Frühjahr vier Gruppen  mit rund 40 Teilnehmern.

Klaus-Dieter Schmicker ist schon zum dritten Mal dabei. Seine Frau Annegret habe ihn „auf den Geschmack gebracht“. „Ich habe festgestellt, dass ich immer dicker werde. Dagegen musste ich etwas tun“, erzählt der Familienvater. Für ihn und seine Frau ist die Fastenkur „ein Einstieg in die Ernährungsumstellung“. In den vergangenen Jahren habe das auch schon ganz gut geklappt. „Aber immer nur für ein halbes Jahr“, schmunzelt Klaus-Dieter Schmicker. Er ist überzeugt: „In diesem Jahr klappt es besser.“

Was beim Überbrücken der sieben enthaltsamen Tage helfen soll, sind die allabendlichen Zusammenkünfte der Fastengruppe. Ernährungsexpertin Dagmar Steuer gibt an den Abenden nicht nur einen gehörigen Schub Motivation in die Runde, sondern auch viele hilfreiche Tipps. „Gönnt euch zum Mittag ruhig ein Gläschen Gemüsesaft“, sagt sie und schaut in teils müde, aber erwartungsvolle Gesichter. „Morgen ist schon Bergfest. Der Aufstieg ist immer etwas schwierig, aber wir stehen kurz vor dem Gipfel“, animiert sie zum Dranbleiben. Es ist Zeit für den Erfahrungsaustausch. Jeder der Teilnehmer hat ein Tässchen heißen Tee vor sich stehen, in der Tischmitte brennt eine Kerze. Die Atmosphäre ist kuschelig.

 „Ich habe heut auf Arbeit den ganzen Tag ans Essen gedacht und dann war zu Hause auch noch eine Boulette übrig“, erzählt Angela Leonhardt. Die Maukendorferin weiß, das ist alles nur Kopfsache. Schwach geworden ist sie nicht. Eine andere Fastenteilnehmerin spricht von einem Hochgefühl. Schon drei Kilo seien runter. Und wieder eine andere Dame klagt über Krankheitssymptome. Die zierliche Frau fröstelt, ihre Wolljacke hat sie eng um sich geschlungen.

„Das sind die Entgiftungserscheinungen“, sagt Dagmar Steuer. „Wir sind alle auf einer Null-Diät, dem Körper steht erst einmal nicht genügend Energie zur Verfügung“, erklärt die freiberufliche Fastenbegleiterin. Die Fettverbrennung laufe wie ein Dieselmotor: „Sie startet langsam, aber wenn sie einmal in Fahrt ist, dann richtig“, beteuert die 50-Jährige.

Was aber bringt die disziplinierte Enthaltsamkeit insgesamt? Sieben Tage ausschließlich Flüssigkeitszufuhr bewirken eine komplette Darmsanierung, erklärt Dagmar Steuer. „Die Entgiftung hilft beim Gesundwerden“, sagt die leidenschaftliche Yoga-Lehrerin. Nicht ohne Grund gebe es immer mehr Heilpraktiker und den Wunsch vieler Patienten, ohne die klassische Schulmedizin zu genesen. „Denn die gerät irgendwann an ihre Grenzen.“ Da gibt Dagmar Steuer lieber ihren eigenen Erfahrungsschatz weiter. „Und das ist alles kein Schulbuchwissen.“ Ihr Motto und womöglich das entscheidende „Geheimrezept“: selber Erlebtes mit anderen teilen.

Und doch resümiert Dagmar Steuer ganz klar: „Zum Fasten gehören schon eine ordentliche Portion Willenskraft und die richtige Einstellung. Die Fastenwoche ist kein Zuckerschlecken.“ Wohl im wahrsten Sinne des Wortes. Aber „Zucker geschleckt“ habe man über die Wintermonate schließlich genug. Deshalb ist der Frühling auch der perfekte Zeitpunkt, um sich von seinen Wintersünden zu reinigen. Willenskraft zeigen alle am Tisch. Sie haben sich ausgetauscht und Mut gemacht. Die nächsten abstinenten Tage können in Angriff genommen werden.

Eine Woche später: Klaus-Dieter Schmicker hat das Fastenbrechen hinter sich. Am Freitag gab es den lang ersehnten Apfel. „Wahnsinn, wie intensiv diese Frucht schmecken kann“, ist der 60-Jährige begeistert. Nicht nur seine Geschmacksknospen hat er während der Enthaltungswoche neu kalibriert. „Ich habe ganze sieben Kilogramm verloren“, verkündet er stolz. Vorrangiges Ziel aber, sagt Klaus-Dieter Schmicker, war die Darmsanierung. „Ich fühle mich leichter, bin nicht so genervt und habe kein Nachmittagstief mehr“, resümiert der Ex-Raucher. Außerdem stehe das Essen nicht mehr so im Vordergrund. Nun geht es an die langfristige Ernährungsumstellung. „Weniger Fleisch und Salz, viel mehr Obst, Gemüse und Fisch“, fasst der Milstricher seine künftigen Essenspläne zusammen. Insgesamt haben er und seine Frau Annegret das Fasten sehr gut überstanden. „Und alle Teilnehmer haben durchgehalten“, verrät Dagmar Steuer. Klaus-Dieter Schmicker empfiehlt die Fastenkur allen, die körperlich gesund sind. „Man muss es nur wollen, dann funktioniert es auch“, sagt er und zieht den Vergleich zur Tabaksucht. Ganze 60 Zigaretten pro Tag habe er vor 20 Jahren noch geraucht. Sein starker Ehrgeiz hat ihn zum Nichtraucher werden lassen. „Es hat sich auf jeden Fall gelohnt“, bezieht sich Klaus-Dieter Schmicker auf das Durchhaltevermögen in Sachen Rauchen und Fasten. Und dennoch gesteht er verschmitzt: „Das Fastenbrechen ist dann aber doch das Schönste am Fasten.“