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| 16:29 Uhr

Friedhof bei Schnee und Frost
Auch im Winter wird gestorben

 Enrico Sommer vor seinem Arbeitsgerät, einem Minibagger.
Enrico Sommer vor seinem Arbeitsgerät, einem Minibagger. FOTO: Rainer Könen
Hoyerswerda. Grabstellen im Winter auszuheben, das ist harte Arbeit. Bei Bodenfrost kommt auf dem Kühnichter Waldfriedhof der Presslufthammer zum Einsatz. Von Rainer Könen

Minustemperaturen mit Eis und Schnee haben Anfang Februar Hoyerswerda geprägt. Der Winter zeigte sich wieder von seiner rauhen Seite. Gartenbesitzer und Landschaftsgärtner kommen da nicht auf die Idee, der Erde mit Spaten und anderem Gerät zu Leibe zu rücken. Bei den Friedhöfen hingegen sieht das hingegen anders aus. Dort müssen selbst bei widrigstem Winterwetter die Verstorbenen unter die Erde kommen. Zeitnah, versteht sich. Ganz egal, wie tief und hart der Boden gefroren ist. So ist das auch auf dem Kühnichter Waldfriedhof.

„Bei frostigem Boden wird unsere Arbeit zeitintensiv“, erzählt Enrico Sommer. Ihm gehört ein Gartenbaubetrieb in Königswartha. Er und seine Mitarbeiter  heben auf dem Kühnichter Waldfriedhof Grabstellen aus. Sie erledigen, was „früher die Friedhofsarbeiter hier gemacht haben“, sagt Ilona Pfeiffer, Leiterin der Friedhofsverwaltung. Doch dieses Personal habe man nicht mehr. Deren Job hat seit dem Jahr 2006 Sommers Firma übernommen. Steht eine Erdbestattung in Kühnicht an, rückt Enrico Sommer mit einem Bagger an. Ist der Boden tief gefroren, macht dieser jedoch meist schlapp. „Da muss ein Presslufthammer her“, erklärt der Königswarthaer.

Allein das Ausheben  eines 2,20 Meter langen, 90 Zentimeter breiten und 1,80 Meter tiefen Grabes dauerte im Winter, früher mit zwei Friedhofsarbeitern, fast einen ganzen Tag. Wenn der Boden einen halben Meter gefroren ist, brauchen Sommers Mitarbeiter eine Weile, bis sie zu den weichen Bodenschichten vorgedrungen sind. „Bis zu vier Stunden kann das dauern“,  berichtet der Firmeninhaber. Ilona Pfeiffer hat schon etliche Winter auf dem Kühnichter Waldfriedhof erlebt. Darunter waren auch harte und sehr frostige, mit Temperaturen von bis zu minus 20 Grad.

Aber deswegen eine Beisetzung kurzfristig absagen, weil man den hart gefrorenen Boden für eine Grabstelle nicht rechtzeitig aufbrechen konnte? Nein. Auch im Winter werde gestorben, sagt die Leiterin der Friedhofsverwaltung, folglich müssten geplante Beisetzungen auch im tiefsten Winter stattfinden. Unabhängig davon, wie tief der Boden gefroren sei. „Geht nicht, gibt es nicht“ lautet daher die Devise auf dem Kühnichter Waldfriedhof.

Und wenn es hart auf hart kommt, werde zu unkonventionellen Methoden gegriffen. Kündigen Meteorologen heftigen Frost an, „werden die Grabstellen mit Holzbohlen und einer darüber gelegten Plane abgedeckt“, erklärt Ilona Pfeiffer. So gefriert der Boden erst gar nicht. Holzkohle auf vorgesehene Grabstellen zu schütten, sie anzuzünden und über Nacht durchglühen zu lassen, um den Boden für die am nächsten Tag anstehenden Erdarbeiten aufzutauen, so etwas „kommt bei uns jedoch nicht in Frage“, so Ilona Pfeiffer.

So etwas ist in Schweden und Russland auf Friedhöfen üblich. Die Gefahr eines Waldbrandes sei da zu hoch, begründet Ilona Pfeiffer. Wer sich in einer Urne bestatten lässt, macht den Grabaushebern weniger Arbeit. „Da geht es schneller voran“, beschreibt es Enrico Sommer. Zwar kommt man bei gefrorenem Boden auch hier oft nicht um den Einsatz eines Stemmgerätes herum, aber das zu grabende Loch hat überschaubare Ausmaße. Es ist 70 Zentimeter tief und 30 Zentimeter breit.

Auf den Hoyerswerdaern Friedhöfen in Kühnicht und Neida nimmt die Zahl der Urnenbestattungen seit Jahren rapide zu. 2016 wurden insgesamt 501 Menschen bestattet, davon 484 in der Urne, 17 im Sarg. Ein Jahr später stieg die Zahl der Bestattungen auf 566, wurden 549 in der Urne beigesetzt und 17 im Sarg. Ein ähnliches Bild im vergangenen Jahr: Da wurden 521 Menschen beigesetzt, 17 Erdbestattungen und 504 in Urnengräbern.

Sterben im Winter mehr Menschen als in anderen Jahreszeiten? „Eigentlich nicht“, weiß die Leiterin der Hoyerswerdaer Friedhofsverwaltung. Ganz gleich, ob ein Verstorbener im Sarg oder in einer Urne beerdigt werden soll: Wenn viel Schnee fällt, muss die Grabstelle erst mal auf dem Friedhofsterrain gefunden werden.

Aber auf dem Kühnichter Waldfriedhof kennen sich Enrico Sommer und seine Mitarbeiter ja mittlerweile bestens aus. Selbst in den besonders schneereichen Wintern haben sie noch jede Grabstelle gefunden.