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Freundschaft – ein Lichtstrahl in dunkler Zeit

„Ich wollte nicht noch ein Buch mehr über den Schrecken und das Elend des Holocaust schreiben. Es gibt so viele davon“ , sagt Hannelore Brenner-Wonschick. Ihr Buch sollte einen anderen Aspekt herauskehren: die Hoffnung. Die Schriftstellerin hatte vor einigen Jahren Überlebende des Holocaust kennengelernt – und war fasziniert von deren ungewöhnlicher Geschichte. Einer Geschichte, die deutlich machte, wie junge jüdische Mädchen einst in dunkler, schwerer Zeit einen hellen Strahl von Freundschaft, Hoffnung und Treue fanden und sich daran Zeit ihres Lebens festhielten. Von Catrin Würz

Die Zehntklässler im Léon-Foucault-Gymnasium hören gestern Morgen gespannt zu, als die 55-jährige Journalistin die Einzelheiten und Details aus dem Lagerleben von jüdischen Mädchen im Jahr 1942 im Ghetto Theresienstadt vorträgt. Im Rahmen des Projektes „Wider das Vergessen“ stellt sie ihr Buch „Die Mädchen von Zimmer 28“ vor. Darin erzählt sie die Lebensschicksale von 12- bis 14-jährigen Mädchen, die in den Jahren von 1942 bis 1944 getrennt von ihren Eltern im Mädchenheim des Lagers Theresienstadt aufwuchsen. Aufgeschrieben hat die Autorin dies alles nach den Berichten, Erinnerungen und Tagebüchern von zehn Frauen, die das Morden der Nazis überlebten - und sich bis heute jährlich einmal treffen.
„Weiß einer von Euch, wo Theresienstadt liegt?“ , fragt Hannelore Brenner-Wonschick die 15- und 16-Jährigen Foucault-Schüler aus Hoyerswerda. Keiner weiß die Antwort. Das Ghetto nahe der tschechischen Hauptstadt Prag wurde im Jahr 1941 von den Nazis eingerichtet. 140 000 Juden durchliefen bis zum Jahr 1944 das Lager. Zusammengepfercht und in Hunger und Not lebten die Menschen dort, Tausende starben an Krankheiten und Zehntausende gingen von dort auf den Todestransport nach Osten, in das KZ Auschwitz.
Doch in einem kleinen Zimmer - dem Zimmer 28 - in dem ständig 30 jüdische Mädchen auf nur 30 Quadratmetern lebten, schufen sich die heranwachsenden Mädchen eine eigene Welt. „Die Mädchen schrieben Gedichte, verfassten Texte, die sie sich in das Poesiealbum schrieben und schufen sich einen Treue-Schwur, eine Flagge und eine Hymne“ , erzählt Hannelore Brenner-Wonschick. Aus dem Kassettenrekorder erklingt die zu Herzen gehende Melodie dieser Hymne: tiefe Stille bei den Schülern von heute. Dann zitiert die Schriftstellerin Evolina Merova, eines jener Mädchen, die nach Theresienstadt auch noch Auschwitz sah und trotzdem überlebte. „Ich war in Theresienstadt 18 Monate. Im Leben eines Erwachsenen ist das nicht viel. Im Leben eines Kindes, das eben zwölf Jahre alt geworden ist, ist es fast eine Ewigkeit.“
Freundschaft wuchs in der Enge des Zimmers. Im Schutze des Mädchenheimes und in der Obhut von Betreuern führten die Kinder eine Weile ein fast normales Leben. Sie lernten, spielten, sangen und wuchsen zu einer Gemeinschaft zusammen, die sie „Maagal“ (hebräisch für Kreis, Vollkommenheit) nannten.
„Inmitten von Elend, Krankheit, Tod und Vernichtung entstand auf diese Weise eine kleine Insel, auf der Menschlichkeit, Toleranz und Freundschaft keine leeren Worte waren und wo Kunst und Kultur ihre eigentliche Kraft entfalteten“ , erzählt Hannelore Brenner-Wonschick. Im September 1943 führten die Kinder von Theresienstadt im Lager die Kinderoper „Brundibár“ auf, die dort zum Symbol für Hoffnung und Widerstand und für den Glauben an den Sieg über Nazi-Deutschland wurde. „Alle Überlebenden dieser Zeit, die ich traf, hatten eine tiefe Erinnerung an diese Aufführung und können die Melodien bis heute singen“ , erzählt die Buchautorin.
Die Gemeinschaft der Mädchen war immer wieder erschüttert worden, wenn einige der Mädchen auf den Transport nach Osten gehen mussten. „Von allen Mädchen des Heimes überlebten nur 15. Zehn leben heute noch. Sie haben mir ihre Geschichte erzählt, um an all jene Mädchen zu erinnern, die niemals aus Auschwitz wiedergekommen sind“ , so die Autorin.