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Finanzpolster-Fax nicht abgeschickt

Hoyerswerda.. Der Patient ist schwer krank. Und ob das Schlimmste noch abgewendet werden kann, ist gegenwärtig völlig offen. Der FC Lausitz – zahlungsunfähig. Völlig uneins scheinen sich die Aufsichtsgremien und die Vereinsspitze darüber zu sein, wie dem „schleichenden Tod“ noch Einhalt zu gebieten wäre. Fakt aber ist: (Ex-)Präsident Bernd Ziemann doktert gegen den Willen von Aufsichts- und Ehrenrat weiter am Verein herum. Von Kathleen Weser

Mit 20 000 Euro wurde die Summe beziffert, die der FC Lausitz Hoyerswerda aufbringen müsste, um die endgültige Pleite abzuwenden. Denn nur wenn die Kicker auf dem Rasen wieder Punkte sammeln können, wird weiter Geld verdient, um die aufgelaufenen Schulden abzutragen. Strahlend verkündete Präsident Bernd Ziemann am letzten Juni-Tag genau die Erfolgsmeldung (RUNDSCHAU berichtete am 1. Juli unter dem Titel
„St. Pauli-Konzept in der Lausitz: Trinken für den FCL“ ).

Fax nicht abgeschickt
Zum avisierten Trainingsauftakt einen Tag später aber folgte sofort das Dementi bei einer Pressekonferenz, über deren Stattfinden und Inhalt weder der Aufsichts- noch der Ehrenrat des FC Lausitz Hoyerswerda informiert waren, betont Vereinssprecher Günter Meister. Ziemann sagte, er sei - worüber ließ er im Detail offen - falsch informiert worden. Und die Insolvenz konnte nicht gestoppt werden. Trainer Eric Meissner nahm daraufhin offiziell seinen Hut, erklärte aber Bereitschaft, weiter an einem neuen Landesliga-Team zu arbeiten.
Präsident Ziemann hatte das zu Wochenbeginn erforderliche Fax mit dem Nachweis des gesammelten Geldes nicht abgeschickt. Dabei hatte der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Albert Wolff aus Dresden, unmissverständlich erklärt, dass er der Verpflichtung neuer Spieler zur Saison nur zustimmen würde, wenn ein finanzielles Polster über die nächsten drei Monate nachgewiesen würde. Mit den besagten 20 000 Euro.

Präsidenten zur Rede gestellt
Die Aufsichtsgremien des Vereins stellten Bernd Ziemann wegen seiner eigenmächtigen Entscheidung, die wichtige Post zurückzuhalten, deshalb am vergangenen Mittwoch zur Rede. Der Präsident habe daraufhin erklärt, dass er sich „... das nicht getraut ...“ hätte, die Insolvenz noch abzuwenden. Die Ehren- und Aufsichtsratsmitglieder wuschen ihm dafür den Kopf. Ziemann wurde vorgeworfen, dass das Geld hätte aufgebracht werden können. Er wurde von Torsten Berge sogar darauf hingewiesen, dass der allein 2000 Euro angeboten habe, diese aber trotz anderweitiger Absprache nicht abgefordert worden wären. Ähnlich selbstherrliches Verhalten sei Ziemann schon öfter vorgeworfen worden, bestätigt Vereinssprecher Günter Meister. Es sei nicht das erste Mal gewesen, dass der FCL-Präsident entgegen klaren Beschlüssen der Vereinsgremien und wider der Satzung gehandelt habe. Bernd Ziemann habe für sein Verhalten keine sachlich fundierte Begründung abgegeben. Letztlich erklärte er, so das Protokoll der gemeinsamen Beratung des Aufsichts- und Ehrenrates sowie des Präsidenten des FC Lausitz vom 2. Juli 2003, dass er mit sofortiger Wirkung zurücktrete. Daraufhin verließ Ziemann den Raum, kehrte wenige Minuten später zurück, wiederholte dort seine Rücktrittserklärung erneut und verließ gegen 16.45 Uhr die Beratung endgültig.

Verein jetzt führungslos?
Den Aufsichtsgremien blieb zu konstatieren, dass es damit kein Präsidium des FC Lausitz mehr gäbe. Vier weitere Mitglieder (Dirsat, Wittig, Rys und Looke) waren zwischen Spätherbst des vergangenen Jahres, als eine sehr kritische finanzielle Lage gerade noch umschifft werden konnte, und Mai 2003 bereits von ihren Ämtern zurückgetreten. Keiner war durch das verbleibende Präsidium (Pflicht nach Paragraf 13%, Absatz 5 der Vereinssatzung) durch eine/n Nachfolger/in ersetzt worden.
„Die Vereinsgremien halten es daher für dringend geboten, schnellstens eine Neubesetzung der Präsidiumsposten vorzunehmen. Um größeren Schaden vom FC Lausitz abzuwenden, werden der Aufsichts- und Ehrenrat kurzfristig die Geschicke selbst übernehmen“ , teilt Günter Meister mit.
Alle Schritte würden - so wie es das Gesetz in der Situation übrigens zwingend vorschreibt - nur mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter gegangen. Am Dienstag soll es eine Abstimmung mit dem Dresdener Rechtsanwalt geben.

Mitgliederversammlung abgesagt
Die für den Donnerstag dieser Woche anberaumte Mitgliederversammlung finde nicht statt, so Meister. Sie sei unter Missachtung der Satzungsvorgaben und der Geschäftsordnung des FC Lausitz einberufen worden. Außerdem müsste die Mitgliederversammlung das Präsidium neu besetzen. Geeignete Kandidaten wären so kurzfristig nicht zu finden, erläutert Günter Meister einen weiteren Grund.
(Ex-)Präsident Bernd Ziemann erklärte dagegen am Freitagabend nach einer Präsidiumssitzung gegenüber RUNDSCHAU: „Wir werden am kommenden Donnerstag im Saal der Berufsfeuerwehr eine ordentliche Mitgliederversammlung durchführen. Die Notwendigkeit umfassender Informationen zum aktuellen Stand des FC Lausitz nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens (das definitiv nicht eröffnet ist - d.A.) bedürfen der Information der Mitglieder des Vereins.“ Ziemann, der behauptet, dass er nicht zurückgetreten ist, leitete am Freitag erste Schritte mit Trainern und Übungsleitern ein, aus dem eigenen Nachwuchs her aus eine neue Mannschaft zu formieren. Der Nachweis über die mündlich zugesagte Sponsoren-Finanzspritze nur für die Sicherung des Spielbetriebes war bis zum Termin (30. Juni) nicht drin, weil das Geld nicht auf dem Vereinskonto liegt, betont Bernd Ziemann.

Hintergrund FC Lausitz-Zukunft unterliegt dem Insolvenzrecht
 Der FC Lausitz hat Ende Juni wegen Zahlungsunfähigkeit den Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beim zuständigen Amtsgericht in Dresden gestellt. Mit allen Verwaltungs- und Verfügungsbefugnissen setzte dieses Rechtsanwalt Albert Wolff (Dresden) als vorläufigen Insolvenzverwalter ein. Er hat den Auftrag, dem Gericht ein Gutachten zur wirtschaftlichen Situation des Vereins vorzulegen. Auf Grundlage dessen wird zunächst grundsätzlich geprüft, ob überhaupt ein Insolvenzverfahren eröffnet werden kann (oder ein solches mangels Masse abgewiesen werden muss). Durch Beschlüsse des Vereins kann jetzt kein direkter Einfluss mehr genommen werden. Der Verwalter ist zuerst dem Gericht rechenschaftspflichtig. Noch ist zur Zukunft des FC Lausitz aber alles offen.
Drei Möglichkeiten bietet das Insolvenzgesetz: die Liquidation (mit Verwertung des Vereinsvermögens für die Schuldentilgung bei den Gläubigern), die zeitlich begrenzte Fortführung des Geschäftsbetriebes in Verbindung mit der Aufstellung eines Insolvenzplanes (hier müssten die Gläubiger finanziell Federn lassen, damit der Schuldenberg anhand einer Warteliste schrittweise abgebaut werden kann) und die so genannte übertragene Sanierung (damit würden Vereinsteile aufgelöst und der lebensfähige Rest an neue Rechtsträger übergeben werden).
Die Entscheidung trifft das Gericht mit dem Beschluss zur Eröffnung eines ordentlichen Insolvenzverfahrens. Das Schicksal des Vereins und den endgültigen Insolvenzverwalter bestimmt dann die Gläubigerversammlung. Bis zu dem Zeitpunkt hat der Verein im Rahmen des vorläufigen Insolvenzverfahrens noch die Möglichkeit, den Antragsgrund zu beseitigen. Das heißt: Er muss seine Zahlungsfähigkeit herstellen und sofort alle Gläubiger befriedigen. Mit 20 000 Euro ist das aber nicht getan, der Schuldenberg ist weit höher.