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| 14:39 Uhr

Lauta
Die Fahne ist wieder da: Was die WM-Fahrer erlebt haben

Daniel Naaß übergibt dem FSV-Vorsitzenden Martin Koppein (r.) die Fahne des FSV Lauta. Sie haben Naaß und sein Kumpel Daniel Richter bei der Fußball-WM in Russland überall präsentiert.
Daniel Naaß übergibt dem FSV-Vorsitzenden Martin Koppein (r.) die Fahne des FSV Lauta. Sie haben Naaß und sein Kumpel Daniel Richter bei der Fußball-WM in Russland überall präsentiert. FOTO: LR / Sascha Klein
Lauta. Es ist das große Finale einer großen Fahrt: Die beiden Lautaer WM-Fahrer bringen die Fahne heim. Der FSV widmet ihnen einen Abend. Von Sascha Klein

Freitagabend, 20 Uhr: Daniel Naaß und Daniel Richter sitzen auf der Couch des Sportlerheims des FSV Lauta – und mit ihnen gut ein halbes Dutzend FSVer. Vor ihnen flimmert Fußball – WM-Viertelfinale. Belgien und Brasilien kämpfen ums Halbfinale. Alle Anwesenden hoffen auf Belgien. Ein Schwenk durchs Stadion – auf Russisch steht „Kasan“ auf einer der Banden. Vor eineinhalb Wochen waren die Lautaer noch dort und haben mit der deutschen Mannschaft gefiebert. Das Ergebnis ist bekannt. „An uns hat es nicht gelegen“, hatte Naaß noch am Abend gepostet.

Insgesamt haben die Freunde fünf WM-Spiele gesehen. Mehr als 8500 Kilometer sind sie dafür unterwegs gewesen und haben 850 Liter Diesel verfahren. Die letzten 3000 Kilometer von Samara zurück nach Lauta sind sie nonstop gefahren. „Irgendwann tut einem das rechte Bein dann richtig weh“, sagt der 45-jährige Daniel Richter, der jahrelang Schach für Blau-Gelb Hosena gespielt hat und jetzt in Senftenberg aktiv ist. Naaß sagt trocken: „Man hat dann einfach keinen Bock mehr, anzuhalten.“

Der Pfeil zeigt es: Die Fahne des FSV Lauta ist beim Spiel Senegal gegen Japan im TV zu sehen. Damit haben die WM-Fahrer ihre Wette gewonnen.
Der Pfeil zeigt es: Die Fahne des FSV Lauta ist beim Spiel Senegal gegen Japan im TV zu sehen. Damit haben die WM-Fahrer ihre Wette gewonnen. FOTO: LR / Sascha Klein

Sie sind nicht einfach so zu Gast beim FSV. Gut zwei Stunden vorher hat FSV-Präsident Martin Koppein seine Wettschulden eingelöst. Die Wette hat gelautet: Wenn es Naaß und Richter gelingt, die Fahne des FSV Lauta so in einem der Stadien aufzuhängen, dass sie im TV deutlich zu sehen ist, gibt der FSV eine Grillfete für die Beiden. Schon im ersten Spiel, Deutschland verlor gegen Mexiko, war die Wette so gut wie gewonnen. In der Partie des Senegal gegen Polen war es dann sonnenklar. Viele Lautaer waren während dieser Spiele mit dem Smartphone bewaffnet vor dem Fernseher und haben auf den einen Moment gewartet – mit Erfolg. Alle Welt kann Lauta sehen.

Freitag, 18.45 Uhr: Der Grill ist angeheizt und Daniel Naaß holt ein Kissen hervor. „Ein kleiner Gruß aus Kasan“, sagt er und lacht. Im schon leicht zerschlissenen Kissen ist die Fahne. Sie ist wieder zu Hause. „Die Idee ist eigentlich aus einer Bierlaune entstanden“, sagt Naaß. Er hat ein Jugend-Team der Lautaer mit neuen Trikots versorgt. An diesem Abend haben sie abgemacht: Wenn Du die Fahne mit nach Russland nimmst und zeigst, gibt’s später eine schöne Fete.

Daniel Richter (l.) und Daniel Naaß aus Lauta mit der FSV-Fahne auf dem Roten Platz in Moskau.
Daniel Richter (l.) und Daniel Naaß aus Lauta mit der FSV-Fahne auf dem Roten Platz in Moskau. FOTO: Daniel Naaß

Gesagt, getan. Dabei haben es Naaß und Richter nicht gerade leicht gehabt, das Teil mit ins Stadion zu bekommen. Denn: Laut Fifa-Regularien ist sie zu groß. Um sie trotzdem mitzunehmen, hätten sie eine Genehmigung gebraucht. Hatten sie aber nicht. Also haben sie sie in die Kissenhülle gestopft und auf gut Glück mitgenommen. Geklappt hat es nur einmal nicht – beim Auftritt der Deutschen in Kasan. „Die Metallösen an der Fahne haben uns verraten“, sagt Daniel Richter und lacht. Dabei haben die Deutschen mit der Lauta-Fahne fast überall Begeisterungsstürme ausgelöst. Dutzendfach haben Wildfremde mit ihnen und der Fahne Fotos gemacht. Ein Ordner im Stadion in Jekaterinburg hat sogar geglaubt, der FSV Lauta spielt in der 1. Bundesliga. Auf der dortigen Fanmeile sollten die Deutschen sogar Autogramme geben. „Wir haben dann mit ‚Deutschland‘ unterschrieben“, sagt Daniel Richter. „Wusste ja sowieso keiner, was wir da schreiben.“

Die Aufgaben im Vorfeld sind klar verteilt gewesen: Daniel Richter ist der Fußball-Experte, Daniel Naaß der Russland-Kenner. Fünf Jahre lang hat der 42-Jährige als Fliesenleger in Moskau gearbeitet. Welche Route sie nehmen würden, wussten sie erst nach der Auslosung. Sie hatten Karten für die drei Senegal-Partien und für zwei Deutschland-Spiele. Das bedeutet: Zweimal Moskau, Jekaterinburg, Kasan und Samara. Nur ein Termin war fix: Daniel Naaß wollte seinen Kumpel in Sarapul besuchen, mit dem er gemeinsam in Moskau gearbeitet hat. „Darauf habe ich mich am meisten gefreut“, sagt er. „Ich war jetzt zwei Jahre nicht dort. Aber es fühlt sich an, als wäre ich vor zwei Wochen zuletzt dort gewesen.“

Und abseits der Fußball-Stadien? „Die meisten Straßen waren wie bei uns etwas ältere Bundesstraßen“, sagt Daniel Richter. Unsicher hätten sie sich jedoch nie gefühlt: „Polizei stand an jeder Straßenecke. Selbst in den entlegenen Gebieten hat man ständig Polizei fahren sehen.“ Einmal haben sie die Ordnungshüter auch angehalten, sagt Daniel Naaß – ein Verkehrsdelikt. „Aber wenn man zu den Polizisten freundlich ist, sind die auch freundlich zu einem“, sagt er. Meist hätten sie mitten in den Städten geparkt und in ihrem Bus geschlafen. Nicht eine bange Situation habe es auszustehen gegeben. „Einmal haben wir auf einem riesigen Behördenparkplatz gestanden und wollten dort übernachten“, erzählt Daniel Naaß. „Kurze Zeit später hat die Polizei geklopft und uns erklärt, dass wir woanders hinfahren sollten, weil der Parkplatz früh am Morgen gebraucht wird. Wir haben dann 150 Meter weiter einen Parkplatz gefunden.“ Freundlich seien auch alle Einheimischen gewesen, erzählen beide. Die oft beschworene deutsch-russische Freundschaft bestehe seitens der Russen weiterhin.

Freitagabend, 21.45 Uhr: Die Grillwürste und Steaks sind gegessen, ein Bierchen geht noch, ein Schnaps auch. Belgien rettet sich mit allerletzter Kraft gegen Brasilien ins Halbfinale. 222-Millionen-Mann Neymar schleicht enttäuscht vom Feld in Kasan, bei den Lautaern herrscht Jubel. „Wir hätten auch noch das Achtelfinale zwischen Kolumbien und England sehen können“, sagen Daniel Richter und Daniel Naaß. Die Tickets hätten sie sicher gehabt. „Aber dann hätten wir noch eine Woche überbrücken müssen“, sagt Daniel Richter.