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| 16:44 Uhr

Hoyerswerda
Bevor der Haushalt zur Trennung führt

Christine Schnorr hilft den Hoyerswerdaern seit April als Beraterin bei Ehe- und Familienproblemen sowie bei allen sonstigen Krisen, die das Leben mit sich bringt.
Christine Schnorr hilft den Hoyerswerdaern seit April als Beraterin bei Ehe- und Familienproblemen sowie bei allen sonstigen Krisen, die das Leben mit sich bringt. FOTO: LR / Anja Hummel
Hoyerswerda. Seit einem halben Jahr gibt es in Hoyerswerda eine Ehe-, Familien- und Lebensberatung. Therapeutin Christine Schnorr hilft bei Liebeskrisen und Depressionen. Besonders Frauen nutzen die seelische Unterstützung. Von Anja Hummel

Er ist schuld, der gute alte Haushalt. Die Ehefrau beschwert sich, dass der Liebste nicht mit anpackt. Der sagt gar nichts mehr dazu, weil er sowieso alles falsch macht. Meckerei und Frust tagein, tagaus, die Ehekrise klopft an. Wer die Liebe nicht gleich aufgeben will, klopft weiter – und zwar an die Tür von Christine Schnorr. Die Ehe-, Familien- und Lebensberaterin hilft bei Flauten und Spannungen, Tiefpunkten und Missstimmungen. Seit gut sechs Monaten bietet die 42-Jährige in der Beratungsstelle der Caritas Hoyerswerda ihr seelisches Beiseitestehen an. „Im Fokus steht die Lebensberatung. Es dreht sich um Scheidung und deren Folgeerscheinung“, sagt die ausgebildete Familientherapeutin. Elf Fälle konnte sie schon abschließen, aktuell betreut sie zwölf Klienten und Paare. „Die Menschen sind sehr dankbar für das neue Angebot in Hoyerswerda“, so Christine Schnorr. Wobei die Paarberatung bisher eher wenig nachgefragt wird. „Viele sind da vorsichtig, kennen das Angebot in dieser Form noch nicht“, vermutet die Beraterin. Sie möchte ermuntern, nicht gleich aufzugeben, sobald es kriselt. Egal, in welchem Alter. „Es ist sehr mutig, über Gefühle zu sprechen“, betont sie. „Aber die Leute rennen zu früh auseinander.“ Bei dem Versuch, über Probleme zu sprechen, bietet sie ihre Hilfe an. Als Außenstehende zeigt sie Verständnis, Vorwürfe sind tabu.

„In den vergangenen Generationen war die Ehe unumstößlich. Aber auch da gab es Durststrecken. Nur wurde diese Zeit gemeinsam ausgehalten“, sagt die Cottbuserin. Heute sei es leichter, eine Beziehung zu beenden. Aus finanzieller und emotionaler Sicht. Die Gründe für handfeste Krisen scheinen auf den ersten Blick banal, aber: „Auch an Müll und Zahnpasta können Ehen scheitern“, weiß die Therapeutin. Wertschätzung und Liebe können an Alltagsproblemen kaputtgehen. Ist also ein bestimmtes Thema dauerhaft nervenaufreibend, sollte man – mit oder ohne Hilfe – darüber reden.

Ein Ehepaar – beide Mitte 30, zwei kleine Kinder –  hat sich genau dafür entschieden. Sie kritisiert ihn wegen mangelnder Hilfe im Haushalt, er ignoriert es und verstummt. „Durch die Kritik zieht sich der Partner aus der Beziehung zurück“, erklärt Christine Schnorr. Nach einiger Zeit reden sie kaum noch miteinander. Das „Haushaltsproblem“ wirkt sich auf die gesamte Partnerschaft aus. Bei der Eheberaterin wird dann behutsam analysiert: Warum reagiert der Ehemann mit Schweigen? Und was kann die Frau künftig anders machen? „Nach der dritten Sitzung hatte die Ehefrau verstanden, was sie mit ihrem kritischen Handeln auslöst“, erklärt Schnorr. Eigentlich  würde der Mann gerne mehr im Haushalt anpacken. Aber egal, was er macht – es wird gemeckert. „Wenn das Problem erkannt ist, braucht es Geduld, bis beide ihr Verhalten geändert haben“, weiß die Beraterin.

Im Durchschnitt sind ihre Klienten um die 40 Jahre alt. Je jünger die Ehe, desto einfacher sei es auch, zu helfen. Bei Paaren, die seit 40 Jahren oder länger verheiratet sind, sei es schwieriger, Veränderungsprozesse auszulösen. „Da ist alles schon sehr eingeschliffen. Aber trotzdem möchte ich dazu ermuntern, dass auch diese Generation über ihre Gefühle und Probleme spricht“, so Christine Schnorr.

Was die Therapeutin am meisten mitnimmt: wenn kleine Kinder mit im Spiel sind. Durchaus überraschend sei es für sie gewesen, in Hoyerswerda mit vielen Eltern zu arbeiten, die sich über Fragen rund um die eigenen Kinder streiten. „Wenn sich Eltern streiten, ob sie nun getrennt sind oder nicht, ist das immer eine große Belastung für die Kinder“, sagt Schnorr, die seit 2008 als Beraterin tätig ist. Auch in Cottbus betreut sie aktuell einige Fälle unter dem Beratunsgsdach der Caritas, in Dresden hat sie ebenfalls schon gearbeitet. Wer das Angebot in Hoyerswerda hauptsächlich in Anspruch nimmt? „Schon Menschen, die eine gewisse Reflexionsfähigkeit mitbringen“, sagt die studierte Juristin. Die Leute, die sich in einer sehr schlimmen Familiensituation befinden, schaffen den Weg meistens gar nicht erst in die Beratungsstelle. Denn wer diesen Weg antritt, der sei auch gewillt, etwas zu ändern. Scham und fehlendes Selbstwertgefühl – so vermutet Christine Schnorr – würden die dringend Hilfebedürftigen womöglich vom Gang zu ihr abhalten.

Sie selber betrachtet die Probleme, von Depressionen über Trennungsschmerz bis zur Überlastung, nicht nur mit Blick auf die Einzelperson. „Beim systemischen Ansatz wird das gesamte Familiengefüge betrachtet“, erklärt Christine Schnorr. Nach ihrem ersten halben Jahr in Hoyerswerda resümiert sie: „Die Nachfrage ist da. „Doch noch längst nicht alle trauen sich mit ihren Problemen vorbeizukommen. Dabei ist es so einfach: Anrufen, Termin vereinbaren und ohne Angst vor Unverständnis über die eigenen Gefühle sprechen.