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| 09:20 Uhr

Fabrik unter der Erde läuft nach Plan

Hoyerswerda.. Trotz gewaltiger hydrologischer Veränderungen im Untergrund bleibt Hoyerswerda trocken. Steffen Mühl, der Steuermann des Grundwasser-Ableitungssystems, ist sich da sehr sicher. Denn die Fabrik unter der Erde läuft nach Plan. Kathleen Weser

Über hundert Jahre hat der Mensch, um die gute Lausitzer Kohle zu bergen, stark in den Naturhaushalt eingegriffen. Um das braune Gold für den Abbau trocken zu legen, wurde der Grundwasserstand enorm niedrig gehalten. Nach der Einstellung des großflächigen Bergbaus schlägt "Mutter Natur" zurück. Sie lässt den gewaltigen Absenkungstrichter nun voll laufen, erobert altes Terrain wieder. Doch auf dem Land steht Hoyerswerda. Und die unterirdische Infrastruktur der Stadt muss vor dem Absaufen geschützt werden. Dafür wurde ein gigantisches Grundwasserableitungssystem errichtet. Eine technische Meisterleistung, auf die nicht wenige Städte mit ähnlichen Problemen – beispielsweise im Ruhrgebiet – ganz offen neidisch blicken.

Leitrechner ist das Herz Auf die hochmoderne Technik ist Verlass. Das belegt der Probebetrieb. Über Standleitungen sind die drei Horizontalfilterbrunnen, in die das Grundwasser dem natürlichen Gefälle nach einläuft, mit dem Leitrechner im hiesigen Verwaltungssitz der Lausitzer und Mitteldeutschen BergbauVerwaltungsgesellschaft (LMBV) verbunden. Die weitgehend vollautomatisch laufende Anlage übermittelt die von den Steuerpegeln im ganzen Stadtgebiet ermittelten Wasserstandsdaten fortlaufend. Sie werden vor allem sternförmig um die Brunnen erfasst, damit der Ingenieur anhand der Messdaten auch schnell sehen kann, von welcher Seite das Wasser durch das stark zerklüftete unterirdische Gebirge nach oben drängt. Ist ein kritischer Stand erreicht, übermittelt der Computer den Brunnenpumpen die "Aufforderung" zum Anfahren. Die heben das über die 60 Meter langen Stränge frei zugelaufene Nass schließlich und drücken es in die Rohrleitung, die am Westrandgraben bei Nardt endet. Und über den wird das Wasser dann bis zum Lugteich geführt.

Manfred Weihrauch, Leiter der Projektkoordinierung im Sanierungsbereich Ostsachsen, und der Ingenieur vom Umweltbüro Vogtland (UBV) registrieren die Zahlen und Kurven auf dem Bildschirm mit zufriedener Miene. "Fünf bis sechs Meter fehlen noch, bis das Ableitungssystem im Dauerbetrieb laufen muss", stellt Weihrauch fest. "Bei 112 Meter über Null ist der Grundwasserstand für Hoyerswerda zu halten", erklärt der Fachmann. Die bisherigen Pumpversuche haben bestätigt, dass auch die Drucküberwachung perfekt funktioniert. Sobald sich irgendwo Wasser staut, "meckert" der Rechner die Havarie an. Über die ausgestrahlten Signale der Messfühler kann der Fehler sofort geortet werden. Und die Einstiegskontrolle für die bis vier Meter tiefen Brunnen-Schächte ist ebenso sicher. Denn gegen unbefugtes Betreten ist das sensible System ebenso zu schützen wie gegen Diebstahl.

Rückschlüsse auf Bodenstruktur Bis zum Frühjahr muss sich das Ableitungssystem in der Probezeit bewähren. Dann steht die wasserrechtliche Abnahme der staatlichen Umweltfachämter für den Dauerbetrieb an. Vor der hat Steffen Mühl keine Bange. Denn die Pumpversuche bestätigen in der Realität das auf Grundlage umfangreicher Studien rechnerisch ermittelte hydrologische und geologische Modell für Hoyerswerda. Seit 1998 sind im und um das Stadtgebiet akribisch alle Daten zum Grundwasser-Wiederanstieg ermittelt worden. Die darauf basierende rechnerische Prognose des Dresdener Grundwasserforschungszentrums (DGFZ) in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität der Landeshauptstadt ist bisher voll eingetroffen. Und das bei schwierigen geologischen Bedingungen. Der Höhenunterschied im Gebirge unter dem Stadtgebiet liegt zwischen einem halben und 1,50 Meter. Die Pumpversuche erlauben aber auch Rückschlüsse auf die Bodenverhältnisse. Denn das steigende Grundwasser fließt in unterschiedlicher Höhe teilweise auch in andere Bodenschichten ab. "Unter der Altstadt gibt es eine regelrechte Rinne im Gebirge, in die das Grundwasser plötzlich abstürzt", weiß Manfred Weihrauch.

Leitungen werden abgedichtet "Das Ableitungssystem ist so sicher, dass keine Gebäude vom Grundwasseranstieg bedroht sind", erklärt der Projektkoordinator des Sanierungsbereichs Ostsachsen. "Es wird aber nicht mehr gepumpt als zwingend nötig", ergänzt Weihrauch. Denn die Anlage muss dauerhaft betrieben und damit auch finanziert werden. In diesem Jahr wird deshalb damit begonnen, in der Altstadt und im Umfeld einige Abwasserkanäle, die künftig im Grundwasser liegen werden, abzudichten. Gegen Auftrieb und Verstopfungen sind die Leitungen zu sichern. "Das Abdichten ist wesentlich kostengünstiger als das noch stärkere Abpumpen des Grundwassers", erläutert Manfred Weihrauch den Grund. Die unterirdische Infrastruktur soll bis 2006 vollständig gegen den Wasseranstieg geschützt sein.

Großen Anteil am Gelingen des gewaltigen Projekts für die Zukunftsfähigkeit von Hoyerswerda haben auch heimische Unternehmen, lobt Weihrauch abschließend.
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Hintergrund: Zahlen & Fakten

Die drei Horizontalfilterbrunnen ragen bis zu einer Täufe von 30 Metern in die Tiefe und haben einen Durchmesser von 3.20 Metern. Sie können mindestens 15,7 Kubikmeter Wasser pro Minute heben. Die Maximalleistung liegt bei 21,2 Kubikmetern je Minute. Es wird damit gerechnet, dass die geringste Leistungsstufe für Hoyerswerda ausreichend ist.

Das Wasser wird über 5154 Meter Rohrleitung in verschiedenen Querschnitten mit zwölf Schachtbauwerken und den 3315 Meter langen Westrandgraben, der bis zu sieben Meter tief ist, abgleitet. Der offene Wasserlauf hat zwei Brücken, sechs Durchlässe und eine Konditionierungsanlage für die Bekalkung des Wassers, das für die Entlastung des Absetzbeckens Lugteich von eisenhaltigen Ausfällungen wichtig ist.

Das Mess-System hat 130 Grund- und 20 Oberflächenwasser-Mess-Pegel, deren Daten ständig überwacht werden.

Die Kosten für das Ableitungssystem belaufen sich auf rund 23 Millionen Euro, die von 1997 bis 2002 durch das Land Sachsen und seitdem zur Hälfte auch vom Bund getragen wurden.
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