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| 14:17 Uhr

Hoyerswerda
Unterwegs im Bücher-Dschungel

Susanne Noack, Stefan Biewald und Heidelinde Stoermer (v.l) von der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek haben den Gästen Bücher und E-Books vorgestellt und auch Passagen aus manchem Titel vorgetragen.
Susanne Noack, Stefan Biewald und Heidelinde Stoermer (v.l) von der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek haben den Gästen Bücher und E-Books vorgestellt und auch Passagen aus manchem Titel vorgetragen. FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda. Die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek hat Neuerwerbungen erstmals öffentlich vorgestellt. Von Sascha Klein

Die Rollenverteilung ist sofort erkennbar gewesen. Heidelinde Stoermer ist die erfahrene Ermittlerin, der kaum jemand etwas im Dschungel der neuerworbenen Bücher vormachen kann. Sie ist die Chefin. Ihre beiden Kollegen übernehmen die Assistenz. Wobei: Auch da sind die Rollen verteilt. Susanne Noack ist diejenige, die die neuen Medien beherrscht. E-Book-Reader, Titel herunterladen, Tipps für die Onleihe auf dem eigenen Laptop geben. Drei Klicks entfernt vom gewünschten Krimi. Und Stefan Biewald? Er ist der Experte, der mit den Zahlen jongliert. Er ist der Mann für das Fachwissen, derjenige, der in Sekunden die Details hervorkramt – fast wie aus dem Nichts.

Diese Drei haben ihre Gäste am Mittwoch durch die unendlichen Weiten der Neuerwerbungen der Bibliothek geführt. Es ist ein Versuch gewesen. Zehn Gäste sind gekommen. „Wir sind angesichts von Ferien, Sommer und Fußball-WM damit zufrieden“, sagt Heidelinde Stoermer. Sie und ihre Kollegen haben trotz leichter Nervosität diese „Wohnzimmer-Atmosphäre“ genossen. Und schon geht das Puzzlespiel der Kategorien los, die die drei Bibliotheks-Experten zu einem großen Ganzen zusammensetzen.

Fall1: Schicksale und Biografien: „Manche veröffentlichen Biografien, obwohl sie noch gar nicht gelebt haben“, sagt Heidelinde Stoermer und verweist und auf Jungstars, die glauben, mit 20 schon ein Leben hinter sich zu haben. Bei einem anderen ist das anders: Gregor Gysi. Diese Biografie werde sehr oft ausgeliehen, sagt die Bibliothekarin. Kein Wunder: Gysi ist einer der beliebtesten Politiker dieser Epoche.

Fall 2: „Ich lese am Liebsten biografische Romane“, sagt Heidelinde Stoermer und liest aus „Frau Einstein“ von Marie Benedict. In diesem Buch wird Albert Einstein als selbstsüchtiger Mann beschrieben, der alles dafür tut, um seiner Frau möglichst wenig Ruhm an der gemeinsamen Arbeit zuteil werden zu lassen. „Sowas hätte man von Einstein nicht gedacht“, sagt sie. Wer also dem Erfinder der Relativitätstheorie menschlich näher kommen will, hat mit diesem Buch die Chance.

Fall3: Jetzt tritt Susanne Noack ins Rampenlicht. Zwei-, dreimal übers Tablet gewischt – und schon erscheint die Biografie von Heintje auf dem Bildschirm. Die Zuhörer werden in die Zeit versetzt, in der E-Books Fiktion waren – in die 60er-Jahre. Der schnelle Ruhm des jungen Heintje – und die Heerscharen an Besuchern, die wissen wollen, wo der Junge mit der sensationellen Stimme aufgewachsen ist. Es gibt unzählige Bücher, die per Onleihe auf Zeit den Besitzer wechseln können. Aber nicht alle erscheinen auch digital: „Die Verlage geben manche Titel entweder gar nicht oder viel später als das Buch als E-Book für die Bibliotheken heraus“, sagt Heidelinde Stoermer.

Fall4: Bühne frei für Stefan Biewald. Er doziert über den „Terri“. Terri? Das bedeutet „Territorialbestand“ und beinhaltet die Titel, in denen es um die Region geht. Jetzt kommt Biewalds Fachwissen zum Einsatz. Wie viele Titel es wohl über Hoyerswerda gibt? Wildes Raten setzt ein. Er weiß es aber besser. Es sind genau 710. Im Foyer wird gestaunt. So viele Sachen über Hoyerswerda? Ja. „Terri ist ein kleines Sachgebiet“, sagt Stefan Biewald bedacht. Insgesamt sind es... Niemand außer ihm weiß es... Es sind 1782 Titel. Immerhin: Neben Hoyerswerda (710) gibt es 111 Titel über Brigitte Reimann und  je 37 über Gerhard Gundermann und Konrad Zuse. Eine Überraschung: Es gibt selbst ein Buch namens „Die wilden Jahre der Gertrud Winzer an der Krabatmühle“.

Fall 5: Das große Finale: Es sind natürlich die Krimis, die am meisten nachgefragt werden. Wer nichts falsch machen will, leiht sich Titel von Andreas Franz und Sebastian Fitzek aus. Sie stehen meist ganz oben in der Gunst der Leserschaft. Aber auch Jo Nesbo werde oft nachgefragt. Und dann gibt es noch „C 101“. Das ist die Kennung für wahre Kriminalfälle. Sie müssten eigentlich beim Sachbuch stehen, nahe des Strafrechts. Da sie dort aber niemand sucht, stehen sie nahe den Romanen.

Fall 6: Jetzt wird es schlüpfrig. Es gibt in der Bibliothek nicht nur das Buch „Viva la Vagina“. Dort geht es genau darum, was der Titel verspricht. Es gibt auch „O 620“. „Wenn Schüler mich fragen, wo O 620 ist, dann weiß ich genau: Die wollen zum Kamasutra“, sagt Heidelinde Stoermer und lacht. Theoretisch können sich Minderjährige das auch ausleihen. „Das reden wir denen aber meistens aus oder sagen, sie sollen mit Mama oder Papa wiederkommen“, sagt sie. Was natürlich niemand tut. Was die Reimann-Bibliothek jedoch wieder tut: Im November soll es, ähnlich wie jetzt, erneut eine Vorstellung der Neuerwerbungen geben. Die Bilanz der Bibliothek an diesem Mittwoch: Nach den Ermittlungen im Bücher- und E-Book-Dschungel sind Krimis und Frauenromane begehrt gewesen.