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Erinnerungen an Neustadt-Poetin

Reimann-Bewunderer Peter Tschintscharadse ist zum Gedenken an die Autorin aus Radebeul angereist. Am original Hellerau-Schreibtisch im "Begegnungsstätten-Wohnzimmer" schmökert er im von Helene und Martin Schmidt verfassten Buch über deren Begegnungen mit Brigitte Reimann.
Reimann-Bewunderer Peter Tschintscharadse ist zum Gedenken an die Autorin aus Radebeul angereist. Am original Hellerau-Schreibtisch im "Begegnungsstätten-Wohnzimmer" schmökert er im von Helene und Martin Schmidt verfassten Buch über deren Begegnungen mit Brigitte Reimann. FOTO: Anja Hummel
Hoyerswerda. Der letzte Brief erreichte Helene und Martin Schmidt im Dezember 1972. Mit den Worten "alles Gute für das neue Jahr" verabschiedete sich Brigitte Reimann bei dem Paar. Anja Hummel

Es sollte ein Abschied für immer sein. Zwei Monate später erlag sie ihrem Krebsleiden.

Seitdem sind 44 Jahre vergangen, in denen der Hoyerswerdaer Kunstverein, darunter der Vorsitzende Martin Schmidt und seine Ehefrau Helene, alljährlich an die Schriftstellerin und ihr Schaffen erinnern. Der Ort dafür könnte nicht authentischer sein: Die Begegnungsstätte in der Brigitte-Reimann-Straße wurde ihrer Hoyerswerdaer Wohnung nachempfunden, in der die Autorin von 1960 bis 1968 nur wenige Meter entfernt lebte. So finden sich im Wohnzimmer neben original DDR-Fußboden, Tür und Lichtschalter auch Gegenstände, die Brigitte Reimann einst besaß oder an Freunde verschenkte. Da wäre zum Beispiel ein gerahmtes Bild direkt neben dem DDR-Lichtschalter. "Die Kopie von Karl Hofer hat sie uns zum Abschied geschenkt, als sie aus Hoyerswerda wegzog", erinnert sich Martin Schmidt. Mehrmals noch waren er und seine Frau in Reimanns neuer Heimat Neubrandenburg zu Besuch, zuletzt auch im Krankenhaus. Von ihrem Tod im Februar 1973 erfuhren die Kunstfreunde über eine Anzeige. "Wir waren erschüttert", sagt Martin Schmidt, der die Kopie der Todesanzeige in den Händen hält. Zahlreiche Hefter, gefüllt mit Erinnerungen und originalen Briefen, sind chronologisch geordnet im "Wohnzimmerschrank" verstaut. Durch die gemeinsame Liebe zur Kunst entwickelte sich in den 60er-Jahren eine Freundschaft zwischen den Schmidts und Brigitte Reimann. In ihrem Hoyerswerda-Roman "Franziska Linkerhand" thematisierte sie Probleme in der Entwicklung der Neustadt.

Neben zahlreichen Zeitungsartikeln, Lebensdaten und Bilddokumentationen über Brigitte Reimann werden in der Begegnungsstätte auch Kunstvereinschronik und Dokumente anderer Hoyerswerdaer Persönlichkeiten archiviert. Etwa 300 Besucher kamen im vergangenen Jahr zum Stöbern und Recherchieren vorbei, schätzt Martin Schmidt. Interessierte aus ganz Deutschland, aber auch internationale Gäste konnte der Verein schon anlocken. Der Vorsitzende erinnert sich beispielsweise an eine Studentengruppe aus Kanada, die über DDR-Literatur recherchierten.

Vollkommen begeistert über die Vereinsarbeit zeigt sich der Radebeuler Peter Tschintscharadse. Zum Gedenken an den Todestag Reimanns ist der 71-Jährige nicht zum ersten Mal in Hoyerswerda. "Ich habe alle ihre Bücher gelesen", sagt er, beeindruckt von Optimismus und Durchsetzungsvermögen der viel zu früh verstorbenen Autorin.

Die Begegnungsstätte in der Brigitte-Reimann-Straße 8 in Hoyerswerda hat wochentags von 8 bis 14 Uhr für Besucher geöffnet.