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| 02:42 Uhr

Erinnerungen an eine Flucht vor 70 Jahren

Gerhard Fiedler zeigt ein Familienfoto aus Oberschlesien mit ihm im Vordergrund und seinen Umsiedlerpass.
Gerhard Fiedler zeigt ein Familienfoto aus Oberschlesien mit ihm im Vordergrund und seinen Umsiedlerpass. FOTO: Katrin Demczenko/dcz1
Zeißig. Gerhard Fiedler hat als Kind in Oberschlesien Kriegsszenen, Massengräber, Lagerleben und Umsiedlung kennengelernt. Das Erlebte hat der jetzt 80-Jährige Zeißiger bis heute nicht vergessen. Katrin Demczenko

(dcz1) Der Zweite Weltkrieg ist seit mehr als 70 Jahren zu Ende. Doch wer in diese wirre Zeit hineingeboren wurde, hat seine schlimmen Kindheitserlebnisse nicht vergessen. Der 80-jährige Gerhard Fiedler spricht über all das Schreckliche, aber auch über die Hilfe, die ihm, seiner Mutter und seiner Schwester das Überleben gesichert haben.

1944/45 lebte der acht-/neunjährige Junge im Kriegsgebiet zwischen den sich zurückziehenden deutschen Truppen und der vorrückenden Sowjetarmee zuerst im oberschlesischen Friedland und dann im Nachbarort Rennersdorf. Dort musste Gerhard Fiedler grausame Kriegsszenen und die Beerdigung der Toten in einem Massengrab miterleben. "Das geht mir heute noch nahe", so der Senior.

Bis Dezember 1946 hatte der deutschstämmige Gerhard Fiedler mit Mutter und Schwester das unverhoffte Glück, nicht im Lager Lamsdorf leben zu müssen, sondern bei Bekannten in Rennersdorf/Oberschlesien. Er besuchte eine polnische Schule, während ehemalige deutsche Nachbarn im Lager hungerten. Fiedlers vergaßen diese Menschen nicht, denn "das christlich-bäuerliche Solidaritätsgefühl gebot uns dies", sagte der Senior. Er brachte damals heimlich Kostbarkeiten wie Kartoffeln oder Möhren zu den Eingesperrten.

Im Dezember 1946 erhielt schließlich auch Familie Fiedler den Ausweisungsbescheid und wurde morgens um sechs Uhr mit wenigen Habseligkeiten auf einem Pferdefuhrwerk zum Bahnhof Falkenberg/Oberschlesien gefahren. Dort warteten in der Winterkälte Hunderte Menschen unter Bewachung bis zum Abend, als endlich ein Zug kam. Alle wollten schnellstens mit, obwohl keiner wusste, ob es nicht nach Sibirien ging, erinnerte sich Gerhard Fiedler.

Tatsächliches Ziel der Fahrt war das überfüllte Lager Leobschütz/Oberschlesien, in dem Fiedlers ohne Nahrungsmittel und unter unhaltbaren hygienischen Zuständen Weihnachten und den Jahreswechsel 1946/47 verbringen musste. "Wenn uns dort nicht die Polen versorgt hätten, wären wir verhungert", erzählt Gerhard Fiedler.

Dann verließ die Familie Schlesien endgültig in einem Güterwagen und kam nach einigen Tagen am 6. Januar 1947 im Umsiedlerlager Elsterhorst bei Hoyerswerda an. "Meine ältere Schwester hatte erfrorene Füße und als sie sich aus Schwäche an einem Maschendrahtzaun festhielt, froren ihre Finger daran fest", erzählte Gerhard Fiedler.

Im Lager wurde der mittlerweile Zehnjährige dreimal entlaust und war "Laufjunge". Das bedeutete, er meldete Verstorbene seiner Baracke bei der Sanitätsstelle und gab die Anzahl der lebenden Personen an die Küche weiter. Nach diesen Zahlen bemaßen sich die täglichen schmalen Essensrationen für die Bewohner seiner Baracke.

Am 20. Januar 1947 konnte die Familie das Umsiedlerlager in Richtung Ruhland verlassen, willkommen waren die Vertriebenen dort aber nicht. Trotzdem ging Gerhard Fiedler endlich wieder zur Schule. Er absolvierte später eine technische Lehre und hatte für je ein Jahr Unterricht an den Berufsschulen Hoyerswerda, Brieske-Ost und Senftenberg. "Die Lehrer waren für mich echte Vorbilder", sagt er. Nach dem Studium an der Bergingenieurschule Zwickau lebte Gerhard Fiedler mit seiner Familie in Ruhland und zog 1966 nach Hoyerswerda. Heute ist der Senior in Zeißig zu Hause.