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| 02:47 Uhr

Eisenbahnsterben lässt sich nicht umkehren

Dafür, dass sie seit fast zehn Jahren nicht mehr befahren wird, wirkt die Bahnstrecke zwischen Wilthen und Bautzen noch erstaunlich gut in Schuss.
Dafür, dass sie seit fast zehn Jahren nicht mehr befahren wird, wirkt die Bahnstrecke zwischen Wilthen und Bautzen noch erstaunlich gut in Schuss. FOTO: ume1
Bautzen/Wilthen. Die Bahn ist in der Bautzener Region seit fast 20 Jahren im Rückzug begriffen. Nicht weniger als drei Linien, die in der Kreisstadt begannen und endeten, wurden nach der Wende eingestellt. Doch es gibt auch Bemühungen, diese Entwicklung wenigstens zum Teil umzukehren. Uwe Menschner / ume1

Michael Herfort kann es bis heute nicht verstehen. "Niemand hat mir plausibel erklären können, warum die Bahnverbindung zwischen unserer Stadt und Bautzen sterben musste", erklärt der Bürgermeister der Weinbrandstadt Wilthen. 2004 fuhr der letzte reguläre Linienzug auf der Strecke. Zu Pfingsten 2008 gab es noch eine Ausflugsfahrt der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde. Seitdem ist Ruhe auf den Gleisen. Nun ist der junge Wilthener Bürgermeister niemand, der sich einfach so mit den Gegebenheiten abfindet. Wenn es nach ihm ginge, würden schon morgen wieder Züge nach Bautzen rollen. "Wilthen braucht diese Bahnstrecke", ist er überzeugt.

Ein vom Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) in Auftrag gegebenes Gutachten kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis: "Es sagt klar aus, dass die Wiederaufnahme des Verkehrs weder wirtschaftlich vertretbar noch erforderlich ist", erklärt der stellvertretende Geschäftsführer des Verbandes, Christoph Mehnert. Untersucht wurde konkret, wie sich die Umleitung der bislang über Neukirch verkehrenden Regionalbahn Dresden-Zittau über Bautzen und Großpostwitz auswirken würde. Das Resultat: notwendige Investitionen in Höhe von fünf Millionen Euro und kein Plus an Fahrgästen - ein Verlustgeschäft. Die Schlussfolgerung: "Es wird keinen durch den Zvon bestellten Schienennahverkehr zwischen Bautzen und Wilthen mehr geben."

Doch damit gibt sich Michael Herfort nicht zufrieden. "Eine Bahnstrecke bedeutet Infrastruktur. Die kann man nicht mit kurzfristigen Kosten-Nutzen-Berechnungen bewerten." Aus Bürgergesprächen wisse er, dass es großes Interesse an der Wiederbelebung der Strecke gibt: "Allerdings muss das Angebot so gestaltet sein, dass es den Wünschen der Bürger entgegenkommt."

Hoffnungen setzt der Wilthener Bürgermeister jetzt in die Vogtlandbahn, die ab Dezember 2014 das Ostsachsennetz zwischen Dresden und Görlitz beziehungsweise Zittau befährt: "Ein solches regional orientiertes Unternehmen ist vielleicht eher für innovative Ideen offen." Eines jedenfalls will Herfort auf keinen Fall: "Dass die Gleise herausgerissen werden, damit man auf der Trasse einen Radweg bauen kann." Genau dies ist in den letzten Jahren im nicht weit entfernten Cunewalde passiert, das bis 1998 von Bautzen aus per Schiene erreichbar war. Die dritte "verschwundene" Bahnstrecke ist jene nach Hoyerswerda, von der es nur noch ein Anschlussgleis zwischen dem Kaolinwerk Caminau und dem Bahnhof Knappenrode gibt.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Stefan Brangs sieht die Ursache für das Eisenbahnsterben rings um Bautzen, ebenso wie auch in anderen Teilen des Freistaates Sachsen, in der Finanzpolitik der Landesregierung. "Seit 2009 sind die Mittel für den Nahverkehr um 132 Millionen Euro gekürzt worden. Das bekommt natürlich zuerst die Bahn zu spüren, da Bahnverkehr wesentlich teurer ist als Busverkehr."

Laut Christoph Mehnert vom Zvon kostet ein Bahnkilometer zwölf Euro, ein Buskilometer hingegen nur zwei Euro: "Hauptgrund dafür sind die horrenden Streckenkosten, die die Deutsche Bahn Netz AG für die Benutzung ihrer Anlagen verlangt." Jegliche Versuche, dies zu ändern, seien bislang gescheitert. Hier sieht Brangs' CDU-Kollegin Patricia Wissel einen Ansatzpunkt, wohl wissend, dass es dabei dicke Bretter zu bohren gilt: "Schon innerhalb von Sachsen ist es schwierig, Verständnis für die besondere Situation des ländlichen Raumes jenseits der Großstädte zu wecken." Der Zvon, so Christoph Mehnert, will in den nächsten Jahren in die Verbesserung des Busverkehrs investieren: "Das Ausschreibungsergebnis zugunsten der Vogtlandbahn mit seiner Ersparnis von circa 20 Prozent schafft dafür Spielräume." Die Bahnlinie Bautzen-Wilthen freilich profitiert davon nicht.