ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 14:33 Uhr

Hoyerswerda
Ein virtueller Blick zurück

Im Hoyerswerdaer Bahnhof soll eine außerschulische Bildungseinrichtung zu Flucht und Vertreibung entstehen. Themen sollen dann auch mittels Virtual Reality und speziellen VR-Brillen transportiert werden. Frank Kupfer, CDU-Fraktionschef im Landtag, probiert die Brille aus. Links: Initiator Frank Hirche.
Im Hoyerswerdaer Bahnhof soll eine außerschulische Bildungseinrichtung zu Flucht und Vertreibung entstehen. Themen sollen dann auch mittels Virtual Reality und speziellen VR-Brillen transportiert werden. Frank Kupfer, CDU-Fraktionschef im Landtag, probiert die Brille aus. Links: Initiator Frank Hirche. FOTO: Sascha Klein / LR
Hoyerswerda. Das Dachgeschoss des Bahnhofs in Hoyerswerda ähnelt noch einem ganz normalen Dachboden. Doch schon in einem Jahr sollen dort sächsische Schüler in einem Bahnwaggon sitzen und etwas über Flucht lernen. Von Sascha Klein

Wer nur auf den Boden schaut, bekommt unterm Dach des Hoyerswerdaer Bahnhofsgebäudes schon einmal eine blasse Ahnung, was dort einmal entstehen soll. Der grobe Verlauf ist orange aufgezeichnet. Dr. Jens Baumann wirkt in seinem dunklen Anzug auf den ersten Blick irgendwie falsch. Auf den zweiten Blick ist er dort alllerdings genau richtig. Denn er ist beim Innenministerium in Dresden zuständig für das Sachgebiet Kulturförderung. Einer seiner Schwerpunkte ist das Thema Vertriebene in Sachsen. Er steht in einer Ecke, der Boden knarrt. „Hier kommt man mit dem Fahrstuhl hoch“, sagt er und macht eine Geste des Aussteigens. Fahrstuhl? Weit und breit ist davon noch nichts zu sehen. Aber bald. Baumann geht weiter, dreht sich nach rechts und geht durch eine Tür. Ein kleiner Raum: Darin steht bislang nichts „Das wird der Bereich Heimat“, sagt er. Dies wird für alle Besucher der Start in ein spezielles Projekt, das es sachsenweit so nur in Hoyerswerda geben wird.

Dieses Dachgeschoss wird zur Bildungsstätte zum Thema Flucht und Vertreibung. Dabei soll es um die Zeit ab 1944/45 gehen und erst im Heute enden. Frank Hirche, Landtagsmitglied und Vorsitzender des Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz, hat das Projekt initiiert. Das Innenministerium fördert das Vorhaben mit 250 000 Euro. Die Stadt Hoyerswerda hat Fördermittel zum Umbau des Bahnhofsgebäudes zur Verfügung gestellt. Zunächst hieß es, dass die Bildungsstätte, die kein Museum ist, noch im Jahr 2018 öffnen könnte. Doch Jens Baumann, der eng in die Planungen einbezogen ist, tritt auf die Bremse. „Wir wollen das Konzept auf jeden Fall im Oktober fertig haben.“ Wann die Ausstellung schließlich eingeweiht werden kann, steht noch nicht fest.

Jens Baumann zeigt durch den Raum: „Dort ist das Sudetenland, da hinten Schlesien“, sagt er. Er zeigt in eine weitere Ecke: „Dort zeigen wir Ostpreußen, die Kurische Nehrung zum Beispiel.“ Die „alte Heimat“, östlich der Oder-Neiße-Grenze, soll als wohlig-gemütlicher Ort dargestellt werden. Eventuell finden Gäste dort sogar ein altes Sofa. Bis jetzt existiert das alles nur in der Vorstellung und auf Zeichnungen.

Die Umbauarbeiten im oberen Stockwerk haben noch nicht begonnen. Initiatoren und Eigentümer gehen davon aus, dass im Frühjahr 2019 die ersten Besucher begrüßt werden können. Angesprochen werden sollen in erster Linie Schulklassen, die aus ganz Sachsen nach Hoyerswerda kommen sollen. Per Bahn würden sie vor der Tür aussteigen.

Aus der „Heimat“ geht es ins Dritte Reich. Der nächste Abschnitt soll erklären, was dazu geführt hat, dass Millionen Deutsche aus ihrer Heimat östlich von Oder und Neiße flüchten mussten: Machtergreifung, Bücherverbrennung, Weltkrieg, millionenfacher Mord, Auschwitz, Vormarsch der Roten Armee. Alles auf engstem Raum.

Plötzlich erscheint ein Bahnwaggon – bisher auch nur Fiktion. Jetzt wird es multimedial. Mit Hilfe von virtueller Realität – dank spezieller Brillen – sind Gäste direkt in einem Flüchtlingszug. Sie sehen Elend und Verzweiflung. Bilder, wie Millionen Flüchtlinge sie als Realität erlebt haben.

Anschließend kommen Gäste virtuell in der Lausitz an, im Lager Elsterhorst bei Nardt. Wieder können Besucher durch die Multimedia-Brillen sehen, wie das Lager einst ausgesehen hat – Baracke an Baracke. Ein Unternehmen aus Wittichenau ist zurzeit damit beschäftigt, diese Filme zu erstellen, um sie später virtuell nutzen zu können.

Vom Lager Elsterhorst geht es nach links oder rechts – in die junge Bundesrepublik oder in die junge DDR. Die Ausstellung will zeigen, wie unterschiedlich in West und Ost mit diesem Thema umgegangen worden ist. Enden soll die Reise im Hier und Jetzt, so Baumann.

Bislang ist geplant, nur das Dachgeschoss des Bahnhofes zu nutzen. Sinnvoll wäre aber, sagt Jens Baumann, im Stockwerk darunter noch Unterrichtsräume vorzuhalten, in denen Schulklassen den Stoff vor- und nachbereiten können. Doch für diesen nächsten Schritt fehlen noch die finanziellen Mittel.