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Ein verehrter Chronist

Unsere heutige Straße begann ihre Karriere als Niemandsland an der östlichen Peripherie der Stadt, als Wiesenweg. Erst 1901, als die Stadt sich entschloss, ein Landratsamt zu bauen, sollte sich das ändern. Als das Zentrum der Macht am 24. Uwe Jordan

Oktober 1904 eingeweiht wurde, hieß die nunmehrige Straße Kreishausstraße. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde die Straße zwangspolitisiert. Zur Adolf -Hitler-Allee reichte es nicht, aber zur Horst-Wessel-Straße. Besagter Horst Ludwig Wessel (* 9. Oktober 1907 in Bielefeld) war eine zwielichtige Gestalt. Die Kommunisten nannten den Studenten und SA-Sturmführer verächtlich "Zuhälter”, was aber nicht zu beweisen war. Albrecht Höhler, ein Mitglied des Roten Frontkämpferbundes, erschoss Wessel am 23. Februar 1930 in Berlin.
Grund genug, dass die Braunen Horst Wessel zu einer Ikone der Bewegung kürten und ein von ihm (wohl auf die Melodie des Bänkelliedes "Ich lebte einst im deutschen Vaterlande”) geschriebenes Lied zur Hymne der NSDAP erwählten, die von 1933 bis 1945 stets nach dem Deutschlandlied gesungen wurde. Das Lied, also der Text ("Die Fahne hoch...”) wurde 1945 vom alliierten Kontrollrat verboten, und dieses Verbot gilt noch heute. Lied und Verfasser wurden 1945 in Hoyerswerda getilgt. Die Straße bekam den Namen des einstigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst "Teddy” Thälmann, gestorben im Konzentrationslager Buchenwald. "Bei alliiertem Fliegerangriff am 23. August ums Leben gekommen”, so die Nazis. "Von den Nazis am 18. August 1944 ermordet”, die Lesart der DDR; "erschossen vom SS-Hauptscharführer Wolfgang Otto auf persönli chen Befehl Hitlers und ohne Gerichtsverfahren”.
Otto wurde 1987 von dieser Anklage freigesprochen. So bleibt unklar, ob Thälmann vom Buchenwalder Berufsverbrecher und Kapo Müller getötet oder schon in Bautzen, wo er zuvor eingekerkert war. "Teddy”, meist in Geballter-Faust-Pose dargestellt, hatte vormals den Satz geprägt "Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft”, handfest gemeint. Nun hatten die Kommunisten, Thälmann posthum, die Nazis geschlagen. Aber auch dieser Sieg sollte, wenigstens was den Hoyerswerdaer Straßennamen anbelangt, nicht von Dauer sein. Im Mai 1990 wurde aus der Ernst-Thälmann-Straße die Salomon-Gottlob-Frentzel-Straße. Frentzel (* 25. Januar 1701 in Colm-Schwarzkollm/ † 22. März 1768 in Hoyerswerda) war Pfarrer zu Geierswalde und legte 1744 die "Chronike und Beschreibung Der Königlichen und Churfürstlichen Sächßischen Stadt und Herrschafft Hoyerswe rda Im Marggraffthume Ober-Lausitz...” vor; das abgesehen von Cullmanns Chronik (1851) einzige echte "vorzeitliche” hoyerswerdische Geschichtswerk; heute auch antiquarisch so gut wie nicht mehr zu bekommen. Frentzel klagt in seinem Vorwort, das zu seiner Zeit zu Hoyerswerda Vorliegende sei "entweder sehr kurtz oder meistentheils unrichtig”.
Er schränkt ein: "Ich will zwar nicht sagen, als ob diese meine Arbeit vollkommen sey”, aber einerseits habe er sich enthalten, unbelegbare Geschichten vom bloßen Hörensagen in seine Chronik aufzunehmen; andererseits sei "Zubeklagen..., daß einige so undienstfertig gewesen, da ich sie ersuchet, mir diejenigen Nachrichten, so sie besitzen wollen, zu communicieren, ist es geschehen, daß man es ihnen mit Gelde bezahlen solle, so bin hiezu nicht im Stande oder stehen sie in Gedancken, als ob sie einen grossen Schatz besäßen, so will nicht müßgünstig seyn, noch ihnen solchen berauben, sondern überlaßen.” - Mancher dieser "Schätze” ging später unwiderbringlich verloren.
Sei uns daher Frentzels Satz Vermächtnis: "Wer wird seine Vater-Stadt nicht ehren, und suchen, derselben ein Denckmahl aufzurichten.” (no)