ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 08:18 Uhr

Lausitzer Seenland
Ein starkes Stück Ostdeutschland

Der Stadthafen in Senftenberg.
Der Stadthafen in Senftenberg. FOTO: Peter Bandermann
Hoyerswerda. Egal, ob Nordsee, Ostsee, Sauerland, Allgäu oder der Schwarzwald – die Lausitzer Seenlandschaft kann mit den Touristen-Hotspots in Deutschland konkurrieren. Als Austauschreporter hat Peter Bandermann von den Ruhr Nachrichten in Dortmund für die Lausitzer Rundschau den Tourismus in der Region unvoreingenommen unter die Lupe genommen. So viel vorweg: Er will wiederkommen. Von Peter Bandermann

Als Ex-Kanzler Helmut Kohl 1990 in einer seiner Reden zur Wiedervereinigung Deutschlands „blühende Landschaften“ in Aussicht stellte, war die Lausitzer Seenlandschaft nicht das, wonach sich Tourismusmanager und Investoren die Finger lecken würden. Dann folgte obendrein der „Abbau“ Ost. Frühere DDR-Bürger verloren ihre Arbeitsplätze. Wer konnte, machte rüber in den Westen. Zurück blieben viele Frustrierte, die bundesweit als die Verlierer der Wiedervereinigung ausgemacht worden sind.

Der Aussichtsturm Rostiger Nagel ragt als Landmarke empor: Die Aussichtsplattform auf 30 Metern Höhe bietet einen faszinierenden Blick auf die Lausitzer Landschaft.
Der Aussichtsturm Rostiger Nagel ragt als Landmarke empor: Die Aussichtsplattform auf 30 Metern Höhe bietet einen faszinierenden Blick auf die Lausitzer Landschaft. FOTO: Peter Bandermann

Bis heute verlassen Dorfbewohner und Städter die vom Strukturwandel geprägte Region, obwohl der Aufbau Ost längst im Gange ist. So mühsam, wie die Braunkohlebagger die Erdoberfläche abfräsen, modellieren die Menschen aus der Lausitzer Seenlandschaft ein starkes Stück Ostdeutschland, das sie nicht allein den Geldgebern aus Brüssel oder Berlin überlassen wollen. Sie erobern die Heimat zurück. Sie renaturieren, was Mutter Erde hergibt. Sie investieren, wo Wachstumspotenzial besteht. Und: Sie sind nett. Sie sind herzlich. Sie laden ein. Sie sind das krasse Gegenteil von dem, was die Internet-Suchmaschine „Google“ über die Große Kreisstadt Hoyerswerda ausspuckt.

FOTO: BDZV

Ein Klick reicht, um weit oben in Googles Ergebnisliste im Jahr 1991 zu landen. Die über Tage andauernden Angriffe aufgebrachter Rassisten auf eine Asylbewerberunterkunft haben Hoyerswerda bundesweit für Jahre als eine Stadt gebrandmarkt, in der Schutz suchende Fremde keine sichere Zuflucht finden. Eine kleine und umso radikaler auftretende Minderheit hat dem Ansehen der Stadt schweren Schaden zugefügt. Und heute? Wer als Fremder, als Gast, die Stadt betritt, spürt sehr deutlich, dass Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rassismus nicht in der DNA dieser Stadt enthalten sind Hoyerswerda wirkt aufgeschlossen. Ob an der Supermarkt-Kasse, in der Hotel-Rezeption oder einfach auf der Straße: Der Typ Mensch, der hier wohnt, ist besser drauf als manch ein sturer Westfale.


„Warum wegziehen aus einer Region, in der andere Leute Urlaub machen?" - für Marlen Weste aus Senftenberg ist die Seenlandschaft ein starkes Stück Heimat.
„Warum wegziehen aus einer Region, in der andere Leute Urlaub machen?" - für Marlen Weste aus Senftenberg ist die Seenlandschaft ein starkes Stück Heimat. FOTO: Peter Bandermann

Die Laune steckt an. Auf ihrem Drei-Tages-Kurztrip bezeichnen Yvonne Fahrack (55) und Reinhard Heisler (65) aus Dresden die Lausitzer Seenlandschaft als „grandios“. Sie waren am Montag mit den Fahrrädern unterwegs (siehe Interview) und wollen wiederkommen. Marlen Weste aus Senftenberg fährt erst gar nicht weg. Der 30-jährigen Mutter von zwei Kindern liegt es völlig fern, die Heimat zu verlassen: „Warum soll ich eine Landschaft verlassen, in der andere Urlaub machen?“, antwortet sie auf die Frage, warum sie nicht, wie so viele andere, der Region den Rücken gekehrt hat. Am Ufer des Senftenberger Sees lässt die Verkäuferin in der Sonne die Seele baumeln. Wäre sie Bürgermeisterin, würde sie nicht allein auf Tourismus setzen, sondern mehr Angebote für einheimische Jugendliche durchboxen. Angebote, die bitte nicht ins Taschengeld gehen sollen.


Schürfwunden in der Oberfläche der Lausitzer Landschaft: Der Braunkohletagebau hinterlässt tiefe Spuren in der Natur.
Schürfwunden in der Oberfläche der Lausitzer Landschaft: Der Braunkohletagebau hinterlässt tiefe Spuren in der Natur. FOTO: Peter Bandermann

Was die Preise angeht: Ob im modern angelegten Senftenberger Stadthafen oder dem romantischen Turm am Geierswalder See – ein Urlaub im Seenland geht aktuell nicht ins große Geld. Die Region geizt nicht mit den Vorzügen ihrer einzigartigen Landschaft und ist attraktiv für die Sparfüchse unter den Urlaubern, wie kritische Blicke in die Restaurant-Karten oder die Preisaushänge bei Fahrrad- oder Bootsverleih verraten. Dem vielfältigen Freizeitangebot fehlt es hier und da zwar noch an Infrastruktur. Aber die Lausitzer Seenlandschaft braucht vor allem eins: Reichweite. Viel mehr Reichweite. Die Region muss bekannter werden, wenn sie es mit Nord- und Ostsee oder dem Schwarzwald aufnehmen will. Der starke Kontrast zwischen Erlebnis am Braunkohlebagger in der Mondlandschaft und Erholung pur am Badestrand besitzt das Potenzial, den in Deutschland  etablierten Tourismus-Regionen die Gäste abspenstig zu machen. Die Lausitzer Seenlandschaft müsste ihre Einzigartigkeit viel stärker betonen, um auf dem Reisemarkt besser aufzufallen. Ein Test-Besuch am Montag in der Touristeninformation in Hoyerswerda führte in nur zehn Minuten vor Augen, dass die Region bei ihren Gästen einen Klebeeffekt erzeugen kann: Drei Tage reichen bei Weitem nicht aus, um diesen Landstrich zu erkunden. Die beiden Damen in der Tourismus-Information empfahlen zuerst einen Tagebau-Besuch, um die Exkursion dann über den Aussichtsturm „Rostiger Nagel“ und die beiden Seen in Geierswalde und Senftenberg fortzusetzen. Gastronomie-Tipps für den Abend inklusive. Freundlich. Kompetent.

Wer diesem Routen-Ratschlag folgt, ist an nur einem Tag gut beschäftigt. Und will mehr. Es ist der Kontrast zwischen damals und heute, der große Neugierde weckt. Der Mensch baut die von ihm selbst zerrupfte Natur zu einem Reservat auf, in dem der Gast den Alltag abschütteln kann. „Früher lag eine feine Kohleschicht auf dem Senftenberger See, sodass bei absoluter Windstille der Eindruck entstand, darüberlaufen zu können“, erinnert sich Sigrun Marquardt aus Niemtsch an Zeiten, als die Braunkohle-Reviere die Luft verpesteten und die Wäsche verfärbten. Oben auf der Aussichtsplattform des „Rostigen Nagels“ zeigt sie mit dem Finger in die Landschaft: „Überall Fabriken und Schornsteine“, sagt sie über die Dominanz des Tagebaus. Strände und die Natur habe es früher schon gegeben, aber heute sei die Luftqualität viel besser.

Früher die Fabriken. Heute der Tourismus. „Sehr schön“, sagt die einheimische Bürgerin Sigrun Marquardt dazu und schränkt ein: „Das ist leider ein Saisongeschäft.“ Ein Geschäft, das nicht nur mit einer weiter wachsenden Infrastruktur ausbaufähig ist und immer mehr Gäste anlocken, sondern auch mit neuen Marketing-Strategien gewinnen kann. Wer den beiden Damen in der Tourismus-Information in Hoyerswerda zuhört, sollte anschließend die richtigen Konzepte entwickeln können, die die Einzigartigkeit der Lausitzer Seenlandschaft in der Tourismusbranche emporragen lässt wie den Rostigen Nagel am Sornoer Kanal.

In diesem Sinne: Glückauf und auf Wiedersehen.