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| 15:07 Uhr

Waldbewirtschaftung
Ein Lehrgarten erinnert an Waldnutzung anno dazumal

Wilfried Spank ist der letzte Harzer der Lausitz. Er demonstriert hier die historische Harzgewinnung aus Kiefern.
Wilfried Spank ist der letzte Harzer der Lausitz. Er demonstriert hier die historische Harzgewinnung aus Kiefern. FOTO: Reinhard Hoffmann
Bröthen/Michalken. Am Dubringer Moor ist zu erfahren, wie von Kiefern Harz gewonnen wurde und warum Nadelstreu aus den Wäldern begehrt war. Von Reinhard Hoffmann

Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Auch unsere Altvorderen, die zu großen Teilen mit Bauernwirtschaften ihre Familien ernährten, bewirtschafteten die Wälder vielfältig. Historische Waldnutzungsarten werden in einem Lehrgarten mit Anschauungsobjekten und einer Schautafel im Wald von Bröthen/ Michalken vorgestellt.

Heute ist das Wissen über unsere Wälder und die 5000 Jahre alte Geschichte der Bodenkultivierung vielfach vergessen. Deshalb bemühen sich Enthusiasten dem entgegenzuwirken und für Spaziergänger Exkursionspunkte einzurichten. Einen solchen Punkt gibt es in Michalken am Rande des Dubringer Moores. Zu sehen sind Kiefern, die geharzt werden, Streuhaufen und eine Schautafel.

Der Punkt wurde 2011 durch die Nabu-Ortsgruppe Wittichenau und ABMer errichtet. Die Nabu-Gruppe kümmert sich seitdem um diese und weitere zehn Lehrobjekte in freier Natur. Die Schautafel zur historischen Waldnutzung wurde kürzlich restauriert.

Herbert Schnabel, bis 2014 Vorsitzender der Wittichenauer Nabu-Ortsgruppe, freut sich über vielfältige Unterstützung für den Lehrgarten. Familie Müller, die über viele Generationen bis in die 1960er-Jahre neben einer Gastwirtschaft Land-und Forstwirtschaft betrieb, stellt die 1000 Quadratmeter Waldfläche zur Verfügung. Reinhard Müller möchte mit dieser Geste auch helfen, wieder mehr Verständnis für unsere Umwelt zu wecken.

Eine Form der Nutzung des Waldes anno dazumal war die Gewinnung von Kiefernharz, den typischen Waldbäumen der Lausitz. Die Methode wird heute nicht mehr angewendet. Sie war aber nach dem Ende des Ersten Weltkrieges weit verbreitet, weil internationale Sanktionen die Versorgung des deutschen Marktes mit Kolophonium und Terpentin blockierten, aber  der Bedarf an synthetischem Kautschuk stieg. Mit dieser Form der Rohstoffnutzung konnten in fünf  Wochen von einem Baum bis zu 500 Gramm Harz gewonnen werden und manche Kiefern mussten dafür fünf Jahre „bluten“.

Nach 1945 wurde die Form der Rohstoffgewinnung nur noch im Osten durchgeführt und erst mit der Wende kam dieser Wirtschaftszweig zum Erliegen. Die Produktionskosten waren  sechs mal höher als die Weltmarktpreise. Landschaftspfleger Wilfried Spank ist der letzte Harzer der Lausitz, der mit historischen Werkzeugen wie Harzhobel und Bügelschaber die Technik des Entharzens vorführt.

Auch die Nutzung von Kiefernnadeln gehörte Jahrhunderte zur Forstwirstschaft. Bauern verwendeten  die abgefallenen Nadeln als Streu für ihre Viehställe. Denn Getreidestroh wurde Rindern und Schweinen zugefüttert, weil ein Mangel an Futtermitteln herrschte.

Die harte Arbeit, die Nadelstreu einzusammeln, wurde meist von Frauen ausgeführt. Dabei wurde die Nadelschicht bis auf den Boden ausgehackt: Damit wurden dem Waldboden  Nährstoffe entzogen. Aber der in den Ställen anfallende Mist wurde auf den kargen Feldern als Dünger ausgebracht und trug so zur Aufbesserung der Sandböden bei. Die Kiefernnadeln füllten  auch die  Kassen der meist gutsherrschaftlichen Waldbesitzer, denn sie gestatteten gegen Geld die Gewinnung  von Streu aus ihren Wäldern.

Mit der Verarmung der Böden in diesen Wäldern fanden aber auch seltene Pflanzen wie Grünblütiges Wintergrün und Bärlappgewächse günstige Standortbedingungen.

Nach 1945 wurde der Verkauf von Waldstreu an private Nutzer stark eingeschränkt. Lediglich Gärtner und Landschaftsgestalter nutzen heute Waldstreu als saures Substrat, beispielsweise für Rhododen­dren.

Während heute die moderne Forstwirtschaft diese beiden Methoden des Entharzens und der Nadelstreugewinnung als Amputation der Wälder verurteilt, wussten es unsere Vorfahren  einfach nicht besser.

Herbert Schnabel mit einem interessierten Radler an der Schautafel im Moor bei Bröthen.
Herbert Schnabel mit einem interessierten Radler an der Schautafel im Moor bei Bröthen. FOTO: Reinhard Hoffmann