Von Sascha Klein

René Heller sucht die Stecknadeln im unendlichen Heuhaufen. Doch diese Stecknadeln sind weit weg – ein paar Hundert Lichtjahre. Viel weiter weg als sich die meisten Menschen vorstellen können. Die Stecknadeln des gebürtigen Hoyerswerdaers sind Planeten – etwa so groß wie die Erde.

Auf der Suche nach dem Unbekannten

Viel näher dran an Hoyerswerda ist Göttingen. Dort arbeitet der 37-Jährige als Astrophysiker am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. Heller räumt gleich einmal mit einem Mythos auf. Astrophysiker starren nicht den ganzen Tag durch ein Teleskop Richtung Weltraum. Seine unendlichen Welten sind lange Zahlenreihen auf dem Computer. René Heller ist auf der Suche nach Planeten, die noch kein Mensch zuvor entdeckt hat. Das ist sein Job.

18 neue Planeten entdeckt

Also prüft der Lausitzer Junge Sterne. Die Aufgabe lautet: Wie hell ist jeder Stern zu jeder Zeit? Das Geheimnis steckt dahinter – oder davor: Wenn diese Verdunkelungen wiederkehrend auftreten, kann es sein, dass ein Planet um ihn kreist. Es ist ein Puzzlespiel. Und René Heller ist dabei extrem geschickt. Ihm ist es gelungen, 18 erdgroße Exoplaneten zu entdecken – in unserer unmittelbaren galaktischen Nachbarschaft. Für unsereins sind sie extrem weit weg – für Fachleute nicht ganz so sehr. Diese Planeten hat selbst das Nasa-Weltraumteleskop „Kepler“ nicht gefunden. Denn: Sie sind dafür einfach zu klein gewesen. Die Planeten hat Kepler allerdings „auf dem Schirm“ gehabt, die Göttinger Wissenschaftler haben genau diese Daten noch einmal ganz intensiv ausgewertet.

Wenn der Familienvater auf den Bildschirm starrt, ist es eine mathematische Aufgabe voller Kalkül – etwas extrem Theoretisches. „Wenn ich aber darüber erzähle, blühe ich auf“, sagt René Heller. Dann wird er zum Planetendetektiv und muss „aus dem Daten-Zahlensalat die kleinen Nuggets herausfinden“, erzählt er.

Kindheit in Hoyerswerda, Spremberg und Doberlug-Kirchhain

René Heller ist schon immer von den Sternen fasziniert gewesen. Als kleiner Junge hat er in der Liselotte-Herrmann-Straße in Hoyerswerda gewohnt. „Ich kann mich noch erinnern, dass ich mit meinem Opa auf irgendeinem kleinen Berg gestanden habe und er mir mit dem Feldstecher die Sterne gezeigt hat“, sagt der 37-Jährige. Noch vor dem Schulanfang ist Heller mit seiner Familie umgezogen. Der Vater ist bei der Nationalen Volksarmee gewesen. Die ersten beiden Klassen hat der heutige Astrophysiker in Spremberg absolviert, die dritte und vierte in Doberlug-Kirchhain. Schließlich habe sein Vater seine Arbeit verloren. Die logische Konsequenz Anfang der 90er-Jahre: Die Familie zieht gen Westen. Abitur hat René Heller 2002 in Stadthagen gemacht. Das liegt in Niedersachsen – zwischen Hannover und Minden. Seine Großeltern sind Hoyerswerda allerdings treu geblieben. Sie wohnen noch heute im WK I, erzählt Heller.

Seine Frage: Gibt es noch anderes Leben im All?

Ihm ist klar gewesen, dass die Sterne ihn weiter beschäftigen werden, sagt er heute. Er studiert an der Leibniz-Universität Hannover und schließt sein Studium der Astrophysik in Göttingen ab. Später promoviert Heller an der Hamburger Sternwarte und arbeitet drei Jahre lang am Leibniz-Institut für Astrophysik in Potsdam. Nach zwei Jahren im kanadischen Hamilton ist er seit vier Jahren in Göttingen. „Die Frage, die mich leitet, ist natürlich: Gibt es noch anderes Leben im Weltall?“ Allerdings glaubt René Heller auch, dass diese Frage zu seinen Lebzeiten nicht mehr beantwortet wird. „Aber ich kann nicht glauben, dass es dort draußen nichts anderes gibt.“

Fußball zur Entspannung

Wenn sich René Heller entspannen will, nimmt er ein Ding, das einem Planeten ähnlich sieht – und doch ganz anders ist: den Fußball. „Ich hab schon immer Fußball gespielt“, sagt der 37-Jährige. Die Anfänge waren auch in der Lausitz: beim FSV Kirchhain. Das war in der E-Jugend. Eigentlich ist René Heller der Fußball in die Wiege gelegt worden, denn er ist nach einem der Großen des DDR-Fußballs benannt: Lok Leipzigs Torwart-Legende René Müller, der später in Dresden Bundesliga spielte. „Fußball ist für mich ein Super-Ausgleich. Das ist direkt, schnell und körperlich“, sagt er. In Göttingen hat er eine Hobby-Mannschaft gefunden, in der er regelmäßig kickt. Der Name passt auch: Lokomotive Mutter Theresa. Heller ist Stürmer. „Wir haben dort halbwegs seriöse Spiele ohne Schiedsrichter“, sagt er und lacht.

Die Familie als Ruhepol

Für den gebürtigen Hoyerswerdaer gibt es außerhalb der Planeten noch einen Stern, um den sich vieles dreht: die Familie. Seine Frau hat er vor 13 Jahren kennengelernt, seit inzwischen acht Jahren sind sie miteinander verheiratet. Mit der gelernten Atem-, Stimm- und Sprechtherapeutin hat er zwei Kinder. Sie sind sechs und drei Jahre alt. Sie wissen, was der Papa arbeitet – auch wenn sie die Dimension noch nicht erfassen können. Generell versucht der Familienvater jedoch, die Arbeit nicht mit nach Hause zu bringen. „Ich bin keiner, der 1000 Teleskope zu Hause stehen hat“, sagt Heller. „Irgendwann muss sich der Kopf auch mal entspannen.“