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| 14:01 Uhr

Hoyerswerda
Ein Jahr auf der anderen Seite der Welt

Über den Jugendaustausch des Rotary Clubs war Sophia-Christin Klausnitz (l.) für ein Jahr in Chile. Mateo Arteaga aus Ecuador ist zurzeit in Zeißig zu Gast. In der Mitte: Hoyerswerdas Rotary-Präsidentin Margitta Faßl. Gemeinsam stehen sie auf dem Lausitz-Tower im Stadtzentrum.
Über den Jugendaustausch des Rotary Clubs war Sophia-Christin Klausnitz (l.) für ein Jahr in Chile. Mateo Arteaga aus Ecuador ist zurzeit in Zeißig zu Gast. In der Mitte: Hoyerswerdas Rotary-Präsidentin Margitta Faßl. Gemeinsam stehen sie auf dem Lausitz-Tower im Stadtzentrum. FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda . Eine Foucault-Schülerin in Chile, ein Ecuadorianer mitten in Zeißig: Möglich macht das ein Austauschprogramm des Rotary Clubs. Auch in Hoyerswerda wird diese Chance regelmäßig genutzt. Gerade haben sich zwei Austauschschüler über den Dächern getroffen. Von Sascha Klein

Jetzt ist er für ein Jahr einer von 930, noch Anfang August ist er einer von zwei Millionen gewesen – daheim in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Er ist 18, lernt jetzt seine vierte Sprache, und geht in die elfte Klasse des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums. Obwohl Mateo Arteaga sein Abitur längst in der Tasche hat. Jetzt steht er auf dem Dach des Lausitz-Towers in Hoyerswerda, hat sich ein Bier aufgemacht und schaut auf die ihm noch halbwegs unbekannte Stadt. Seit gut zwei Wochen ist er jetzt in Deutschland, in der Lausitz. Irgendwo da hinten ist seine Wahl-Heimat Zeißig – da hinten, wo es gerade für zwei Wochen wegen der Baustelle nicht mehr Richtung Bautzen weitergeht. In anderer Richtung, wo der Turm des Johanneskirche in der Altstadt zu sehen ist, ist seine neue Schule.

Auf dem Dach des Lausitz-Towers steht auch Esther Kretschmer-Nitzsche. Bei der Medizinerin aus Zeißig wohnt Mateo Arteaga für die kommenden zwölf Monate – im Zimmer ihres Sohnes Carlo. Der ist wiederum gerade für ein Jahr in Mexiko, in Tequisquipan, rund 200 Kilometer von Mexiko-City entfernt. Wie die Rochade zustande kommt? Das ist der Verdienst des Jugendaustausches, den der Rotary Club weltweit organisiert. Für den Hoyerswerdaer Club managt die Unternehmerin Martina Rohrmoser-Müller diesen Austausch. An diesem Abend sind einige Rotarier zusammengekommen, um einerseits Mateo willkommen zu heißen und andererseits zu erfahren, wie es einer Lausitzerin in Chile ergangen ist, die ebenfalls über den rotarischen Jugendaustausch einen anderen Teil der Welt kennengelernt hat.

Der Rotary Club Hoyerswerda mit seinen Jugendaustausch-Mitgliedern Sophia-Christin Klausnitz (vorne, gelber Pulli) und Mateo Arteaga (vorne, 3.v.r.) über den Dächern der Stadt.
Der Rotary Club Hoyerswerda mit seinen Jugendaustausch-Mitgliedern Sophia-Christin Klausnitz (vorne, gelber Pulli) und Mateo Arteaga (vorne, 3.v.r.) über den Dächern der Stadt. FOTO: LR / Sascha Klein

Sophia-Christin Klausnitz ist Schülerin am Léon-Foucault-Gymnasium, gerade 17 Jahre alt geworden, und lebt in Hohenbocka. Sie ist für ein Jahr in Puerto Varas, im Süden Chiles, zu Hause gewesen. Für sie waren diese zwölf Monate eine großartige Erfahrung. „Ich bin dort ohne Erwartungen hingefahren und kannte auch meine Gastfamilie auch vorher nicht.“ Was sie erlebt hat: herzliche Menschen und Landschaften von Schnee bis Wüste. Was sie lieben gelernt hat: „Die Leute dort sind herzlicher als bei uns.“ Viele waren interessiert an Deutschland, an der für sie fremden Kultur.

Schnee und Wüste hat Mateo Arteaga in Hoyerswerda noch nicht kennengelernt – wobei: Hitze schon. Der 18-Jährige spricht dafür, dass er kaum zwei Wochen bei den Kretschmer-Nitzsches zu Gast ist, extrem gut deutsch. „Ich habe ein wenig per App gelernt“, sagt er und lacht. Es übt sich ein wenig in Zurückhaltung, was sein Deutsch betrifft, aber: Kommunikation klappt. Wenn es in Deutsch nicht geht, dann eben in spanisch, englisch oder italienisch. Arteaga hat ein Faible für Sprachen. Was er schon gesehen hat von Hoyerswerda? Wenig. Denn: Von morgens bis nachmittags ist Schule. Wie Esther Kretschmer-Nitzsche sagt, wird es Ausflüge wohl eher nur am Wochenende geben. Die nächsten Ferien im Oktober sind auch nicht mehr unendlich weg. Aber: Fahrradfahren geht auch in der Woche. Ein paar Kilometer sind für den 18-Jährigen aus Ecuador keine Entfernung. Von Zeißig ist er bereits nach Schwarzkollm gefahren, zu einem Kumpel von Carlo, der jetzt in Mexiko ist. Das ist zwar kein „Kumpel-Sharing“, aber Mateo habe sehr schnell Anschluss gefunden, sagt Esther Kretschmer-Nitzsche, die Zahnärztin aus Zeißig. Das macht sie zufrieden.

Mateo Arteaga hatte von Hoyerswerda und Zeißig vor dem Austausch noch nichts gehört. Aber er hat sich via Internet belesen: Sachsen, Braunkohlerevier, das sorbische Volk: Das sind für ihn drei Schlagwörter, die er mit seinem Zuhause für ein Jahr in Verbindung bringt. Was er sich von dem Jahr erhofft? Er überlegt kurz. Da ist womöglich der Wunsch, einen technischen Studiengang einzuschlagen. Berlin, Dresden, Cottbus, Jena: alles im Bereich des Möglichen. Aber er will sich nicht unter Druck setzen. Es ist noch genug Zeit.

Und Sophia Klausnitz? Die 17-Jährige aus Hohenbocka ist an ihr Gymnasium zurückgekehrt. Der Alltag geht wieder los. Sie macht in der Klassenstufe elf im Léon-Foucault-Gymnasium weiter. Ihre Klassenkameraden von einst sind jetzt in der Zwölften. Ist das ein Problem für sie? Nein. „Einige aus meinem Jahrgang fragen mich, ob ich die elfte Klasse noch einmal gemacht habe.“ Das hat sie nicht. Sie war eben ein Jahr am anderen Ende der Welt.