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| 12:26 Uhr

Hospiz
Ein Haus des Lebens für Sterbende

Der markante Turm der Bischofswerdaer Fronfeste bildet den Kern des geplanten zweiten ostsächsischen Hospizes.
Der markante Turm der Bischofswerdaer Fronfeste bildet den Kern des geplanten zweiten ostsächsischen Hospizes. FOTO: Uwe Menschner
Bischofswerda. In Bischofswerda soll ein stationäres Hospiz entstehen – das zweite in Ostsachsen nach Herrnhut. Der Betreiber ist der Gleiche. Von Uwe Menschner

Der Hospizgedanke scheint in einer Zeit, in welcher der Tod gern verdrängt wird, bei vielen Menschen einen Nerv zu treffen. Die Christliches Hospiz Ostsachen gGmbH (CHO) plant in Bischofswerda eine solche Einrichtung, in der Sterbende in ihren letzten Tagen begleitet werden, einzurichten und informierte kürzlich ausführlich darüber. Die RUNDSCHAU fasst die wichtigsten Aussagen zusammen.

Was ist überhaupt ein Hospiz?

Ein Hospiz ist laut Definition der Diakonie Sachsen „ein geschützter Ort mit familiärem Charakter, an dem schwerstkranke, sterbende Menschen Geborgenheit und Zuwendung erfahren und in würdiger Form Abschied nehmen dürfen“. Die Bewohner werden gepflegt und palliativ (symptomlindernd) betreut, lebensverlängernde medizinische Maßnahmen finden nicht statt.

Warum ein Hospiz und warum in Bischofswerda?

Die Herrnhuter Diakonie beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren mit Hospizarbeit – ambulant wie stationär. Zusammen mit der Diakonie Bautzen ist sie Gesellschafter der Christliches Hospiz Ostsachsen gGmbH, die das stationäre Hospiz „Siloah“ in Herrnhut mit zwölf Plätzen betreibt. „Die Nachfrage ist in den letzten Jahren stetig angewachsen und mittlerweile so stark, dass wir ein zweites Hospiz aufbauen wollen“, erklärt Geschäftsführer Stephan Wilinski. Bei der Standortsuche sei man rasch auf Bischofswerda gestoßen, da die Stadt günstig zu dem Raum liege, den man erschließen wolle – die westlichen Bereiche des Landkreises Bautzen einschließlich der östlichen Stadtteile von Dresden, das Gebiet Kamenz-Hoyerswerda sowie die Gegend um Neustadt und Sebnitz. „Von dort gibt es eine starke Nachfrage. Allerdings ist der Weg nach Herrnhut für die Angehörigen, die zum Teil täglich zu Besuch kommen, sehr weit.“ Weitere Pläne für den Aufbau eines Hospizes durch die Diakonissenanstalt Emmaus in Niesky sind auch schon konkret, aber noch nicht so weit vorangeschritten.

Wie weit sind die Vorbereitungen gediehen?

Vonseiten des Betreibers kann es sofort losgehen. Die CHO hat das älteste erhaltene Gebäude der Stadt Bischofswerda – die so genannte Fronfeste – erworben – und will diese zum Hospiz umbauen. „Wir warten nur noch auf die Baugenehmigung“, versichert Stephan Wilinski. Abhängig davon sollen die erforderlichen Abrissmaßnahmen Mitte August beginnen. Für das zweite Halbjahr 2019 plant der Betreiber die Inbetriebnahme. Die Investitionssumme liegt bei 4,9 Millionen Euro, davon drei Millionen Euro Eigenmittel des Betreibers. Aufgrund der maroden Bausubstanz müssen große Teile der Fronfeste abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Erhalten bleiben der markante Turm sowie einzelne Fassadenteile entlang der Dresdener Straße.

Wer kann im Hospiz aufgenommen werden?

Dafür gibt es klare, gesetzlich vorgeschriebene Kriterien: Es muss die Diagnose für eine lebensverkürzende Krankheit mit schnellem Verlauf vorliegen. Die Antragstellung erfolgt bei der Krankenkasse, wobei diese zumeist noch am selben Tag entscheidet. Freilich setzt die begrenzte Platzkapazität ein Limit, das auch zu Wartezeiten führen kann. Die Bewilligung erfolgt für 28 Tage, nach 20 Tagen kann ein Verlängerungsantrag gestellt werden. Es ist auch schon vorgekommen, dass Bewohner in Herrnhut das Hospiz aus eigener Kraft wieder verlassen haben, wenn sich ihr Zustand wider Erwarten besserte. Die Regel ist das aber nicht.

Wie gestaltet sich der Alltag im Hospiz, und wie finanziert es sich?

Familiär. „Ebenso wie in Herrnhut bieten wir auch in Bischofswerda zwölf Plätze an“, so René Rixrath, der nach der Fertigstellung beide Einrichtungen leiten wird. Bei einer größeren Anzahl gehe der spezielle Charakter verloren, auch wenn der Bedarf vorhanden wäre. Ganz bewusst hat die CHO einen Standort im Stadtzentrum gewählt: „Ebenso wie der Tod zum Leben gehört, so gehört auch ein Haus, in dem sterbende Menschen leben, in die Mitte der Stadt“, so René Rixrath. Es sei „ein Haus, in dem gelebt wird“. Die Angehörigen können jederzeit zu Besuch kommen, selbst die Übernachtung im Zimmer des Bewohners ist für sie möglich.

Dank des großzügigen Betreuungsschlüssels kann das Hospiz die Erfüllung des wichtigsten Wunsches der meisten Sterbenden gewähren: Nicht allein zu sein. Medizinisch werden die Bewohner von auf Palliativmedizin spezialisierten Ärzten betreut. „Die Linderung von Symptomen wie Atemnot und Schmerzen steht im Mittelpunkt“, so der künftige Leiter. Als christlicher Träger legt die CHO großen Wert auf Seelsorge und auf feste Rituale. Die Zugehörigkeit zu einer Konfession ist aber keineswegs Voraussetzung für die Aufnahme: „80 Prozent unserer Bewohner in Herrnhut sind keine Christen“, so Stephan Wilinski.

Bezahlen müssen die Angehörigen für die Betreuung im Hospiz nichts. Die Finanzierung erfolgt zu 95 Prozent durch Kranken- und Pflegekassen, zu fünf Prozent aus Eigenmitteln des Betreibers. „Das klingt zunächst nicht viel, ist aber eine große Summe, die wir vor allem durch Spenden und ehrenamtliche Arbeit aufbringen“, betont der Geschäftsführer.

Was haben Bischofswerda und die Region davon?

Durch den Hospizneubau werden 27 Arbeitsplätze, vor allem im pflegerischen Bereich, entstehen. Bewerbungen sind bereits möglich, allerdings liegt noch keine konkrete Ausschreibung vor (Kontakt: bischofswerda@hospiz-ostsachsen.de) Die Verwaltung erfolgt von Herrnhut aus.

Oberbürgermeister Holm Große (parteilos) freut sich, dass der historisch wertvolle Gebäudekomplex der Fronfeste eine sinnvolle Nutzung erhält, nachdem in der Vergangenheit alle Bemühungen fehlgeschlagen waren.

Ganz wichtig ist auch die ehrenamtliche Arbeit, die generell einen wichtigen Pfeiler der Hospizarbeit – stationär wie ambulant – darstellt. Auch hierzu wird die CHO noch konkret auf die Bevölkerung zugehen. „Jetzt konzentrieren wir uns aber erst einmal auf den Baubeginn“, so Stephan Wilinski, der „positive Auswirkungen auf das Stadtklima“ prognostiziert. Großes Interesse und Zuspruch sind vorhanden – das hat die Veranstaltung kürzlich mit circa 100 Besuchern eindrucksvoll gezeigt.