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| 17:56 Uhr

Lausitzer Seenland
Ein großer Puffer für das Seenland

Fünf Herren auf der „Klara“ (v.l.): Heiko Zillig, Dirk Heinrich (beide von der Fels-Werke GmbH), Klaus-Peter Schulze (CDU), Martin Verfürden (Fels-Werke GmbH) und Frank Ohnemüller (Leiter der Forschungsgemeinschaft Kalk und Mörtel) begutachten das Sanierungsschiff auf dem Partwitzer See.
Fünf Herren auf der „Klara“ (v.l.): Heiko Zillig, Dirk Heinrich (beide von der Fels-Werke GmbH), Klaus-Peter Schulze (CDU), Martin Verfürden (Fels-Werke GmbH) und Frank Ohnemüller (Leiter der Forschungsgemeinschaft Kalk und Mörtel) begutachten das Sanierungsschiff auf dem Partwitzer See. FOTO: LR / Anja Hummel
Klein Partwitz. Ein mögliches Pilotprojekt für die Lausitzer Gewässer könnte nachhaltig für reges Leben in den Tagebauseen sorgen. Von Anja Hummel

„Hier wird ganz schnell viel Leben reinkommen“, ist Michael Matthes überzeugt.  Der zuständige Projektleiter der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) steht auf einem Steg am Partwitzer See. Zu seinen Füßen liegt „Klara“, das Sanierungsschiff der LMBV. Sie soll für das rege Leben im Lausitzer Gewässer sorgen. Bereits seit 2016 ist sie im Einsatz und bekalkt den See.  „Ziel ist es, die Wasserqualität spürbar zu verbessern und insbesondere den pH-Wert anzuheben“, erklärt Michael Matthes. Die Mission ist geglückt: „Seit dem ersten Einsatz haben wir es geschafft, den pH-Wert von 2,8 auf über 7 anzuheben. Derzeit sind wir auf dem Partwitzer See mit der Nachsorge beschäftigt“, so der 55-Jährige. Das Einbringen von Branntkalk neutralisiert das stark übersäuerte aufsteigende Seewasser in dem Tagebaurestloch. Allein im Jahr 2017 hat „Klara“ 30 000 Tonnen Kalk in den See gebracht, der mittlerweile neutralisiert ist.

Doch nur, weil der pH-Wert nun stimmt, kann das Sanierungsschiff der LMBV seine Arbeit nicht einstellen. Denn der pH-Wert schwankt stetig. „Die Seen reagieren unterschiedlich auf die Kalkung. Das hängt vom Zustrom aus den umliegenden Gewässern ab“, erklärt Matthes. Wöchentlich werde der Wert überprüft und danach entsprechend gehandelt. Neben dem Partwitzer See sind auch der Großräschener und der Geierswalder See bereits neutralisiert. Bei Letzterem sind die Schwankungen gering. „Das ist bedingt durch die Einleitung der Schwarzen Elster, wenn sie genug Wasser führt“, sagt der LMBV-Projektleiter. Dann aber gebe es wiederum Seen, bei denen ein stetiger saurer Zustrom verstärkt ist. Dort muss „Klara“ öfter zum Einsatz kommen und entsäuern. Erst im Frühjahr ist im Partwitzer See noch einmal Kalk zur Nachsorge eingebracht worden. Im Herbst wird die Prozedur wiederholt, „um entsprechend über den Winter zu kommen“, so Matthes. Es ist also ein Auftrag für die nächsten Jahrzehnte, die Wasserqualität in den Bergbauseen aufrechtzuerhalten und damit stetiges Leben  – von der Muschel bis zum Fisch – zu ermöglichen.

Dass es dafür eine besonders nachhaltige Methode gibt, davon zeigt sich Frank Ohnemüller überzeugt. Mit seiner Forschungsgruppe „Kalk und Mörtel“ präsentierte der Kölner kürzlich ein neuartiges Projekt, welches im Seenland zum Einsatz kommen könnte. „Wir haben eine nachhaltige Lösung zur Aufpufferung der Seen nachdem sie neutralisiert sind. Wir möchten gegen die Versauerung vorgehen und gleichzeitig  Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre aus den Industrieanlagen holen“, erklärt Ohnemüller.

„In jedem See gibt es einen Puffer, der die pH-Wert-Schwankungen auffängt. Diesen Puffer können wir vergrößern“, so Frank Ohnemüller weiter. Dadurch könnten die Seen über viele Jahre neutral bleiben, Lebewesen könnten sich ansiedeln. Ein Forschungsprojekt dazu gab es bereits – an einem Großkraftwerk in Wilhelmshaven.

Funktionieren soll das, indem man sich des natürlichen Verwitterungskreislaufs annimmt und diesen künstlich beschleunigt. „Idealerweise“, so Ohnemüller, „würde man mit einer Containerlösung arbeiten.“ Kohlenstoffdioxid aus Abgasen wird in eine mobile Anlage eingeführt. Das mit Kalksteinmehl versetzte Wasser aus den neutralisierten Seen nimmt das Kohlenstoffdioxid auf. „Daraus bildet sich wiederum Hydrogencarbonat,“ erklärt der Leiter der Forschungsgemeinschaft. Das zurück in den See geleitete Wasser weist dann einen größeren Puffer auf.

Von geschlossenen Kreisläufen und Ressourcenschutz spricht Frank Ohnemüller, wenn es um die Vorteile des Projektes geht. „Man muss nicht noch mehr Kalkstein in die Seen einbringen. Durch die Pufferung wird das Gewässer über lange Zeit stabilisiert.“ Denn: Wenn „Klara“ im Winter nicht eingesetzt werden kann, besteht das Risiko, dass das Gewässersystem wieder versauert. Mit dem neuen Projekt aus Köln muss nicht auf kurzfristige Ereignisse reagiert werden.

Für das Projekt infrage kommen würden die drei bereits neutralisierten Seen in Partwitz, Geierswalde und Großräschen. „Wir haben im kommenden Jahr vor, den Sedlitzer See zu neutralisieren“, kündigt Michael Matthes an. Auch der Neuwieser sowie der Spreetaler See stehen noch auf dem Plan der LMBV. Wenn alle diese Seen neutralisiert wurden, wird „Klara“ von Gewässer zu Gewässer ziehen müssen.

Die Forschungsgemeinschaft Kalk und Mörtel, ein Forschungsinstitut des Bundesverbandes der Deutschen Kalkindustrie mit Sitz in Köln, wird nach der Präsentation in der Lausitz in engem Kontakt zur LMBV bleiben. Frühestens 2019, schätzt Frank Ohnemüller, könnte die neue Technologie in der Lausitz zum Einsatz kommen. Im nächsten Schritt werden Gremien der LMBV zusammenkommen und über das Vorhaben beraten.

Als regionaler Bundestagsabgeordneter hat sich auch Klaus-Peter Schulze (CDU) aus Spremberg das neue Forschungsprojekt erklären lassen. „Ich kann mir das gut vorstellen, um dauerhaft nicht mehr so viel Geld zu investieren, die Seen neutral zu halten.“ Wenn es schon so ein Projekt gebe, dann sollte man es auch in der Lausitz machen. „Wir haben das Thema Strukurwandel vor der Brust, da ist das sicherlich ein Beitrag, den der Bund finanziell leisten kann“, sagt Schulze. Ob das nachher trägt, das müssten jedoch die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen.

Ein Interview zum neuen Forschungsprojekt und mit Infos zur  derzeitigen Lage der Seen gibt es im Internet auf www.lr-online.de/videos.

Das Gewässerbehandlungsschiff „Klara“ am Partwitzer See. Später soll es einmal am Sedlitzer See stationiert werden.
Das Gewässerbehandlungsschiff „Klara“ am Partwitzer See. Später soll es einmal am Sedlitzer See stationiert werden. FOTO: LR / Anja Hummel
Michael Matthes (55) von der LMBV erklärt den Besuchern der Forschungsgemeinschaft den Entkalkungsvorgang.
Michael Matthes (55) von der LMBV erklärt den Besuchern der Forschungsgemeinschaft den Entkalkungsvorgang. FOTO: LR / Anja Hummel