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Drei Sitze und Rückkehr in die Backstube

Genusshandwerker Roland Ermer (CDU) trifft die Wahlniederlage, er tritt aber mit Freude wieder den Dienst in der Backstube an.
Genusshandwerker Roland Ermer (CDU) trifft die Wahlniederlage, er tritt aber mit Freude wieder den Dienst in der Backstube an. FOTO: hir1
Hoyerswerda. AfD-Mann Karsten Hilse holt das Direktmandat im Wahlkreis Bautzen I. Caren Lay (Linke) und Torsten Herbst (FDP) ziehen über die Liste in den Bundestag ein. Geschlagener CDU-Mann Roland Ermer bleibt ganz froh am Sauerteig. Kathleen Weser

Die Freude und der Schock über das Ergebnis des Urnenganges für den neuen Deutschen Bundestag sind in und um Hoyerswerda gleichermaßen groß. Die Politik geht trotzdem schnell zur Tagesordnung über.

AfD-Mann Karsten Hilse fährt neuen Aufgaben entgegen. Nach Berlin. Der Polizeibeamte aus Lohsa hat mit dem klaren Zeichen des Bundeswahlleiters zu seinem Einzug in den neuen Bundestag den Dienst quittiert. Die vorgesehene Spätschicht tritt er am Montag nach dem heißen Wahlsonntag nicht mehr an. Hilse verabschiedet sich und will die Worte, die ihm die Kollegen Ordnungshüter mit auf den Weg gegeben haben, beherzigen: gerade bleiben und sich nicht verbiegen lassen. "Ich bleibe auf dem Teppich", sagt er. Die harte Oppositionsbank mit den Sozialdemokraten und den Linken zu teilen, ist herausfordernd, bestätigt Karsten Hilse. Dass die SPD sich wirklich von der Großen Koalition verabschiedet hat, bezweifelt er allerdings noch. "Das glaube ich erst, wenn es amtlich ist", sagt der AfD-Mann. Den Worten der Genossen Funktionäre seien schließlich auch bisher nicht die versprochenen Taten gefolgt. Mit den Linken habe die Alternative für Deutschland in der Friedenspolitik, der Sicherung der Renten und der abwehrenden Haltung zu den Freihandelsabkommen durchaus gemeinsame Schnittmengen. In der politischen Auseinandersetzung werden sich eher nicht die Parteien auf der Oppositionsbank fetzen, glaubt Hilse.

Der Linken Caren Lay, die über die Liste in den Bundestag einzieht, ist dieser wahrscheinliche politische Sitznachbar allerdings unangenehm. Sie will die AfD "entzaubern". Das Wahlergebnis sei insgesamt kein gutes für die Lausitz. Dass die Mehrheit der Wähler für eine Partei gestimmt habe, die keine sozialpolitischen Ziele verfolge und gegen Schwächere hetze, sei enttäuschend. Die Linke werde sich in der Opposition scharf von der zu erwartenden Jamaika-Koalition abgrenzen und sachliche Politik machen. "Für uns ist auch unvorstellbar, Angela Merkel wieder zur Kanzlerin zu wählen", betont Caren Lay. Der Grund folgt prompt: Sie habe viele der sozialen Verwerfungen zu verantworten, die die AfD erst stark gemacht hätten.

Der Christdemokrat Roland Ermer aus Bernsdorf zeigt sich sehr enttäuscht und erschrocken über den Vorbeimarsch der Alternative für Deutschland. Am ehrlich angestrebten Direktmandat vorbeigeschrammt zu sein, kratzt schon am Selbstbewusstsein. Der Bäckermeister aber steht am späten Montagnachmittag schon wieder voller Freude in der Backstube, um Sauerteig zu machen. "Privat und beruflich bin ich froh darüber, mein Leben hier in der Hand behalten zu können", sagt er. Und der Handwerker stellt auch leicht stolz fest, dass er mehr Erststimmen als seine Partei Zweitstimmen errungen hat. Die Parteispitze muss "endlich schnallen, dass bisher eben doch nicht alles richtig gemacht wurde", resümiert Roland Ermer. Flüchtlinge, Sicherheit und die Bildungspolitik mit der Kernkritik des Lehrermangels seien die Themen der Menschen im Wahlkampf gewesen. Roland Ermer betont, nicht alles liegt hier in Bundesverantwortung. Aber die Bürger unterscheiden das nicht. Eine selbstkritische Auseinandersetzung sei deshalb auch auf Landesebene überfällig. "Dieses Wahlergebnis muss der CDU ernsthaft zu denken geben", sagt er.

Für den Liberalen Torsten Herbst ist Jamaika in Berlin noch längst nicht gesetzt. Die FDP, das versichert er, werde ihre Glaubwürdigkeit für keine Macht der Welt mehr aufs Spiel setzen. Auch die Opposition sei eine gute Option. Relativ früh hatte für den Dresdener festgestanden, dass die FDP die 5-Prozent-Hürde genommen hat und er über die Liste in den Bundestag einziehen würde. Nach einer sehr kurzen, aber entspannten Nacht ist er am Montag zur Bundesvorstandssitzung geeilt. Auch die Fraktion habe sich schon konstituiert. Torsten Herbst rechnet mit einer schwierigen Regierungsbildung.

Zum Thema:
Im Wahlkreis 156 (Bautzen I) hat die Alternative für Deutschland (AfD) eine der bisher standhaftesten CDU-Festungen in Sachsen eingenommen. Mit 33,2 Prozent der Stimmen holt Karsten Hilse für die Partei das Direktmandat. Mit 32,8 Prozent landen auch die meisten Zweitstimmen bei der AfD. Die stärksten Kontrahenten im Ringen um die direkte Fahrkarte aus dem Wahlkreis in den Bundestag gewinnen die Mehrheit in ihren Heimatorten Lohsa (Hilse, 39,1 Prozent) und Bernsdorf (Roland Ermer/CDU/36,4 Prozent). Hoyerswerda votiert knapp für den AfD-Mann, der auch in Lauta und Spreetal kräftig Stimmen erhält. Zum CDU-Kandidaten stehen die Elsterheide und Wittichenau (mit 48,8 Prozent).