| 16:39 Uhr

Hoyerswerda
Der einfache Wunsch nach Normalität

Diego Soor und seine Schwester Piper im Familien-Van, der erst seit kurzem mit einer Rampe ausgestattet ist. Die braucht Diego, damit er mit seinem Rollstuhl bequem ins Auto kommt. Nur dank Spenden in Höhe von 10000 Euro konnte der Wagen rollstuhlgerecht umgebaut werden.
Diego Soor und seine Schwester Piper im Familien-Van, der erst seit kurzem mit einer Rampe ausgestattet ist. Die braucht Diego, damit er mit seinem Rollstuhl bequem ins Auto kommt. Nur dank Spenden in Höhe von 10000 Euro konnte der Wagen rollstuhlgerecht umgebaut werden. FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Der 14-jährige Diego Soor leidet unter Muskelschwund und sitzt im Rollstuhl. Dank Spenden konnte sich die Hoyerswerdaer Familie nun endlich einen lang gehegten Wunsch erfüllen – pünktlich zu Weihnachten. Von Anja Hummel

Papa Silvio reißt den Kofferraum auf. Die silberne „Wand“, die den Blick ins Innere des Familienautos verwehrt, ist im Nu nach unten geklappt. Jetzt ist Diego an der Reihe: Sein Vater schiebt ihn an, es geht steil bergauf, direkt in den Wagen. In nur wenigen Sekunden ist der 14-Jährige dank neuer Rampe im Auto. Ohne großen Kraftakt, ohne Verletzungsgefahr. Was für andere Menschen ganz normal ist, ist für Diego Soor ein wahres Freudenfest. Seit fast fünf Jahren sitzt er nun schon im Rollstuhl. Schuld daran ist der Gendefekt Muskeldystrophie Typ Duchenne. Diegos Muskeln bauen nach und nach ab. „Er war fünf Jahre alt, als wir die Diagnose bekamen“, blickt Mutter Christina zurück.

Während das Haus bereits vor anderthalb Jahren rollstuhlgerecht umgebaut wurde, ist nun endlich auch der Familien-Van entsprechend ausgestattet – mit Rampe und Schienensystem. „Wenn Diego bald seinen elektrischen Rollstuhl hat, kann er sich voll automatisch in das Auto fahren lassen“, erklärt Papa Silvio. Bisher musste er immer aus dem Rollstuhl in den Wagen gehoben werden. „Ich habe das körperlich nicht geschafft“, sagt Christina Soor. Alleine mal eben mit Diego wegfahren – ob zum Arzt oder in die Schule – unmöglich für die Mutter. „Außerdem  musste ich immer alleine hinten sitzen. Das war doof“, wirft Diego ein. Jetzt sitzt er mittendrin direkt neben seiner kleinen Schwester Piper. Er kann sie beim Sprechen anschauen und sieht, wenn Mama im Handschuhfach kramt und Papa den fünften Gang einlegt.

Die neue Wagenausstattung hat aber auch ihren Preis. Fast 10 000 Euro kostet die komplette Umrüstung. Eine Summe, die für die junge Familie alleine nicht zu stemmen ist. Nur dank unzähliger Spenden von Familie, Freunden, aber auch völlig unbekannten Personen ist die Autofahrt für Diego nun kein Erschwernis mehr. „Wir möchten uns von Herzen bei allen Leuten bedanken, die uns dabei unterstützt haben“, sagt Christina Soor. „Wir wünschen allen schöne Weihnachten im Kreise der Familie.“

Auch die Soors werden im Großformat mit vielen Besuchern feiern. Für Diego bedeutet Weihnachten: Tannenbaum, Bratwurst und Kartoffelsalat. Der Borussia-Dortmund-Fan freut sich schon auf den Besuch von Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Die dürften es beim Geschenkekauf für den 14-Jährigen allerdings etwas schwieriger haben. „Bei Diego muss man richtig bohren, bis er mal einen ordentlichen Wunsch verrät“, erzählt Mama Christina. Eine Musik-DVD möchte er gerne haben. Und ein Nirvana-Pullover wäre auch toll, sagt er bescheiden. Und wie steht es um die Dinge, die es für kein Geld der Welt zu kaufen gibt? „Ich hoffe, dass es irgendwann eine Heilung für meine Krankheit gibt und mit der Operation im nächsten Jahr alles glatt geht“, sagt Diego ganz unaufgeregt. Im Frühjahr wird seine Wirbelsäule verstärkt und gerade gerückt. „Das ist so, als wenn man einen krummen Baum wieder aufrichtet“, beschreibt es Diego.

Unterkriegen lassen will er sich davon auf keinen Fall. Viel mehr Herzrasen bekommt der 14-Jährige, wenn er an seine bevorstehende Jugendweihe im Mai denkt: „Bis dahin will ich wieder fit sein. Sonst musst du für mich auf die Bühne“, blickt Diego verschmitzt zu Mama Christina hinüber. Dass Diego nicht selber auf der Bühne dabei sein kann – daran zweifelt im Hause Soor niemand. „Er hat so viel Freude am Leben, das geht alles klar“, zwinkert Papa Silvio seinem Sohn zu, auf dessen Shirt ein ganz besonderes Logo prangt: das rot-gelbe „Superman“-Emblem. Dass Diego „Superkräfte“ hat – keine Frage. Seine „Freude am Leben“ will er nie verlieren und keinesfalls möchte er „alles so verbissen sehen“. Wo seine Superkräfte noch ausbaufähig wären? In Mathe und Physik. „Das ist nicht so meins“, freut sich der aufgeweckte Gymnasiast schon auf die Weihnachtsferien. Da bleibt wieder jede Menge Zeit für Blödeleien mit Mama, Papa und Schwesterchen Piper. Und für schöne Autofahrten. Ganz unkompliziert und hürdenfrei.

Dortmund-Fan durch und durch: Diego liebt das schwarz-gelbe Kinderzimmer. Seine Familie steht auch bei seiner Fußball-Leidenschaft voll hinter ihm.
Dortmund-Fan durch und durch: Diego liebt das schwarz-gelbe Kinderzimmer. Seine Familie steht auch bei seiner Fußball-Leidenschaft voll hinter ihm. FOTO: Anja Hummel