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| 02:42 Uhr

Diebesgut Kuh - vom Stall in den Laster

Wie wertvolle Tierbestände vor dreisten Dieben schützen? Eine Antwort auf die Frage suchen Landwirte in der ganzen Lausitz.
Wie wertvolle Tierbestände vor dreisten Dieben schützen? Eine Antwort auf die Frage suchen Landwirte in der ganzen Lausitz. FOTO: Fotolia/Montage: Schubert/lr
Spreewitz. Könnten die vier Spreewitzer Zuchtbullen sprechen, sie hätten wertvolle Informationen. Die stattlichen Tiere sind die einzigen "Übriggebliebenen" im Stall an der kleinen Spree. Anja Hummel

Ihre 44 Artgenossen wurden vor fünf Tagen von dreisten Dieben gestohlen. Damit hält der Viehdiebstahl nun auch in Sachsen Einzug.

Rückblick: Am vergangenen Freitagmorgen um halb sieben fährt Tierwirt Jens Kretzschmar, der im selben Ort wohnt, vor das Tor der Spreewitzer Stallanlage. Schnell wird ihm klar, nichts ist wie sonst. "Das Schloss war aufgebrochen, die Türen standen offen", erzählt der 44- Jährige. Schon von der Einfahrt aus erkennt er, dass auch die Türen des gegenüberliegenden Stalles offen stehen. "Die hatten wir wegen der Witterung am Abend zuvor extra geschlossen", so Kretzschmar.

Außerdem unübersehbar: Lkw-Reifenspuren auf dem Sandboden. Fassungslos muss er beim Blick in den Stall feststellen, dass alle 44 selbst gezüchteten Mutterkühe verschwunden sind.

Kurze Zeit später trifft auch Chefin Kerstin Wolf ein. "Das waren Leute vom Fach. Die wussten, was zu tun ist", ist sich die Geschäftsführerin der Spreewitzer Rinderzucht und Landschaftspflege GmbH sicher. Einfach grauenhaft ist für sie die Vorstellung, dass die Diebe die Stallanlage "vorher schon mehrfach ausspioniert haben müssen". Teilweise mit hofeigenem Material haben die Täter die gesamte Nachzucht der vergangenen zwei Jahre auf die Lkw-Ladefläche verfrachtet. "Die schönsten weiblichen Tiere behalten wir als Mutterkühe für unsere eigene Zucht, der Rest geht in Rindermastbetriebe", erklärt die Sprembergerin. Etwa 35 000 Euro Verlust hat der Diebstahl dem Unternehmen eingebracht. Zwar waren die Kühe versichert. Doch was ihnen das bringe, wird sich erst noch zeigen. "Der finanzielle Wert ist das eine", sagt Jens Kretzschmar. "Aber die Arbeit, die man in die Tiere gesteckt hat, ist mit Geld nicht zu bezahlen." Mit großen Sorgen blickt er in die Zukunft: "Bisher hatten wir es mit Maschinen- und Dieselklau zu tun, jetzt geht es ans Vieh. Was kommt als Nächstes?", fragt er. Für Chefin Kerstin Wolf steht fest, dass "wir uns irgendetwas einfallen lassen müssen". Doch wie gegen die Kriminellen aufrüsten? Die Aufmerksamkeit der Bürger ist wahrscheinlich die gescheiteste Maßnahme gegen die Verbrecher, sind sich die Landwirte sicher. Denn was nutze die beste Kamera, wenn gewiefte Diebe sie ausschalten können. Und so appellieren sie an die Anwohner: "Lieber einmal mehr zum Telefon greifen, wenn man etwas Ungewöhnliches bemerkt", hofft Kerstin Wolf auf Mithilfe. Ihre Kühe rundum absichern könne sie sowieso nicht. Nach Auskunft der Polizei dauern die Ermittlungen zum Viehdiebstahl an. Kerstin Wolf ist jedoch wenig optimistisch, ihre Nachzucht wiederzusehen. Neben den vier Zuchtbullen im Stall sind der 47-Jährigen nun noch gut 100 derzeit tragende Kühe geblieben. Die befinden sich auf der Weide und werden im Frühjahr kalben. "Wenn alles gut geht, stehen ab Herbst wieder eigene Mutterkühe im Stall", macht sie kein Geheimnis daraus. "Wer das wissen will, der weiß es leider sowieso", sagt sie mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.

Zum Thema:
In der Lausitz vergeht kaum eine Woche ohne Viehdiebstahl. Zuletzt wurden in einer Agrargenossenschaft in Jänschwalde (Spree-Neiße) 30 Rinder gestohlen. In Brandenburg sind 2016 insgesamt 24 Fälle gemeldet worden. In diesem Jahr gab es bisher fünf Viehdiebstähle mit jeweiligen Schäden in Höhe von Zehntausenden Euro. Die Diebe konzentrieren sich meistens auf Zuchtbullen, Kälber oder Muttertiere. Die Ermittler gehen davon aus, dass organisierte Banden die Tiere gezielt aussuchen und nach Osteuropa bringen.