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| 02:53 Uhr

Die Schnauze ist nicht zugefroren

Hoyerswerda. Zum dritten Mal ist Andreas Petersen Gast des Hoyerswerdaer Kunstvereins bei dessen Gesprächen am Kamin im Schloss gewesen. Seinen vorigen Themen fügte der Historiker aus der Schweiz einen Rückblick auf das vergangene Jahrhundert hinzu. Martin Schmidt

Zeitzeuge war Erwin Jöris, der in der vorigen Woche seinen 100. Geburtstag in Köln beging. Dieser unbeugsame Mann, "ein Zeuge, der keiner sein durfte", wie ihn die Zeitung "der Freitag" zu seinem Jubiläum nannte, hatte alle Höllen durchlebt, die Machthaber des 20. Jahrhunderts für Mitmenschen schufen: Gestapo-Gefängnis, KZ Sonnenburg, Kriegseinsatz, Verwundung, Gefangenschaft, NKWD-Verhöre, sieben Jahre in Stalins Gulag, Arbeit im 900 Meter tiefen Steinkohleschacht im Dauer-Eisboden von Workuta.

Dort und auch später begegnete Erwin Jöris in Ost und West Menschen, die er als bewusst oder willkürlich handelnde Mittäter des Nazi-Regimes erlebt hatte. Er litt darunter, dass er über seine Erlebnisse auf einer Seite nicht erzählen durfte, auf der anderen nur widerwillig angehört oder gar abgelehnt wurde. An diesem Abend berichtete Erwin Jöris per Film- und Tonaufnahmen ungehindert von den Gefährdungen seines Lebens. Petersen bewahrte sie in seinem Buch "Deine Schnauze wird dir in Sibirien zufrieren" für die Öffentlichkeit. Diese Texte beeindruckten, weil der schuldlos Verfolgte nicht klagte, sondern bewegt von seinem Leben, seinen Hoffnungen und seinem unbeugsamen Willen erzählte, seine Ideale, zu denen er sich bereits als junger Arbeitsloser bekannte und für die er litt, nicht aufzugeben. Er sprach vom Unrecht, das die Diktaturen des 20. Jahrhunderts begingen, von Menschen, die beliebig von einer zur anderen politischen Haltung, zwischen völlig gegensätzlichen Positionen um eigener Macht willen wechselten. Er blieb sich treu.

Im Gespräch einigten sich Referent und Zuhörer, dass jungen Menschen diese Zeiten und ihre Fehler vor allem durch Zeitzeugen nah gebracht werden können. Nicht Darbieten theoretischer Thesen, sondern eigenes Erarbeiten von Biografien und Haltungen präge Wissen und Charakter. Der Kunstverein, die Sächsische Landeszentrale für politische Bildung und das Bildungswerk für Kommunalpolitik werden diesem Anliegen weiterhin folgen, um den jungen Leuten ein eigenes Urteilen zu ermöglichen.

Als Nächstes sind in Hoyerswerda Vorträge und Diskussionen zu direkter Demokratie, wie sie in der Schweiz praktiziert wird, geplant.