In absoluten Zahlen bedeutet dies: Gab es im Jahre 2000 sachsenweit 94 Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen pro 100 Arbeitnehmer, so waren es 2012 bereits 208. Für den Landkreis Bautzen gibt es keine gesonderten Zahlen, allerdings verläuft hier der Trend genauso. "Dies ist eine beispiellose Entwicklung im Bereich der Arbeitsunfähigkeit, die auch auf Bundesebene zu beobachten ist", erklärt Jens-Eric Allinger, Bezirksleiter der DAK Gesundheit.

Für das "Unternehmen Leben", wie sich die Krankenkasse selbst bezeichnet, gilt es nun natürlich, Ursachen dafür herauszufinden. Dafür konsultiert sie sich auch mit Fachleuten, beispielsweise mit der Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer, Andrea Mrazek. "Immer mehr Menschen trauen sich, mit den Symptomen einer psychischen Erkrankung zum Arzt zu gehen", meint sie. Was früher undenkbar war, hat heute eine gewisse "Gesellschaftsfähigkeit" erlangt. Dennoch haben laut einer Erhebung der DAK noch immer 48 Prozent aller Versicherten Bedenken, sich als psychisch krank zu "outen". Doch auch vonseiten der Ärzte werden heutzutage eher psychische Erkrankungen diagnostiziert, wo man den Patienten früher wegen "Magenbeschwerden" oder "chronischen Rückenschmerzen" krankgeschrieben hätte.

Doch diese "Verlagerungseffekte" bilden natürlich nur einen Teil der Erklärung: "Die Anforderungen der modernen Arbeitswelt bilden für viele Menschen eine große Belastung", erklärt Hanna Kramer, Hausärztin aus Großpostwitz. Das Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort, Schichtarbeit mit immer schnelleren und abrupteren Wechseln sowie extremer Zeitdruck sorgen demnach für hohe psychische Belastung. Besonders davon betroffen sind laut Jens-Eric Allinger Beschäftigte in Callcentern und im Pflegebereich.

Dr. Ilona Walter, Leiterin des Gesundheitsamtes im Landkreis Bautzen, sieht noch weitere Faktoren, die besonders in die Zukunft wirken: "Das Zerbrechen von Familienstrukturen führt immer häufiger zu Verhaltensstörungen bei Kindern, die später anfälliger für psychische Probleme sind. Auch die Droge Crystal wird uns hier noch verstärkt vor Probleme stellen." In den meisten Fällen werden Depressionen sowie sogenannte Anpassungsstörungen (die bei bevorstehenden gravierenden Veränderungen, beispielsweise einer Versetzung, auftreten) diagnostiziert. Eine weit geringere Rolle als in der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung spielt hingegen in der therapeutischen Praxis das sogenannte Burnout-Syndrom.

Was jedoch kann getan werden, um der verhängnisvollen Entwicklung der letzten Jahre entgegen zu wirken? Da ein Großteil der Probleme in der Arbeitswelt begründet ist, sollte hier auch der Schlüssel für die Lösung liegen. Der DAK-Bezirksleiter sieht dabei durchaus hoffnungsvolle Ansätze: "Immer mehr Unternehmen erkennen, dass eine gesunde Belegschaft die Voraussetzung für anhaltenden Erfolg bildet." Entsprechend würden Angebote zum betrieblichen Gesundheitsmanagement, beispielsweise durch Gesundheitsberater oder Gesundheitstage, verstärkt nachgefragt.

Ob dies jedoch in den nächsten Jahren für eine Trendumkehr sorgt, bleibt abzuwarten: "Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist in Sachsen hinsichtlich der psychischen Erkrankungen noch Luft nach oben", meint Andrea Mrazek.