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Die Oster-Botschafter aus der Lausitz

Der 82-jährige Peter Bresan mit dem prachtvollen Zaumzeug. Der Grandseigneur der Osterreiter ist zum 70. Mal dabei.
Der 82-jährige Peter Bresan mit dem prachtvollen Zaumzeug. Der Grandseigneur der Osterreiter ist zum 70. Mal dabei. FOTO: Herzger/uhz
Dörgenhausen/Sollschwitz. Der Kontrast könnte wohl nicht größer sein: Während der Sollschwitzer Tierarzt Peter Bresan am Sonntag zum 70. Mal aufs Pferd steigt, fiebert der 14-jährige Alex Schmidt aus Dörgenhausen seinem ersten Kreuzritt entgegen. Ulrike Herzger und Luise Binder / uhz/dpa

Alex Schmidt wird den grünen Myrtenkranz tragen. Das Zeichen der neun Osterreiter, die zum ersten Mal dabei sind. Für 25 Jahre gibt es einen silbernen und für 50 Jahre einen goldenen Schmuck. Für Peter Bresan gibt es keine vorgeschriebene Farbe. Er nimmt das 70. Mal teil - "was ein beispielloses Jubiläum ist", wie der 82-Jährige mit ein bisschen Stolz bemerkt. Er hat für dieses "Gnadenjubiläum" - wie auch für die 60 und 65 Jahre - sein Kränzchen selbst kreiert. Vor ihm gab es niemanden, der so oft aufs Pferd stieg, um die Botschaft der Auferstehung Jesu zu verkünden.

Erstmals wird auch Alex Schmidt in Frack, Zylinder und in weißen Handschuhen aufs Pferd steigen. Er ist ein wenig aufgeregt und fiebert dem Osterreiten entgegen. "Es ist eine Ehre, dabei zu sein." Vor einem Jahr fragte ihn seine Familie, ob er beim nächsten Osterfest mitreiten wolle. Alex zögerte keine Sekunde. Er sitzt seither regelmäßig im Sattel. Trainieren darf er auf dem schwarzen, stämmigen Hengst Erik, der Bekannten gehört. Bisher ritt Alex höchstens eine halbe Stunde am Stück. "Da tut einem schon das Hinterteil weh." Am Ostersonntag muss er den ganzen Tag im Sattel verbringen. Von Dörgenhausen bis nach Ralbitz sind es etwa 14 Kilometer. Der 14-Jährige hofft auf Tipps von seinem Onkel, einem erfahrenen Osterreiter, der neben ihm reiten wird. "Er kann sagen, wie ich richtig sitze, damit es etwas bequemer ist." Die Prozessionen kennt er von Kindesbeinen an. Jedes Jahr stand er mit seiner Familie an der Straße und hat zugeschaut. Nun ist er alt genug - und selbst an der Reihe. Für ihn etwas ganz Besonderes. "Ich habe schon eine ganze Weile so ein Kribbeln im Bauch", gesteht Alex.

An dieses Gefühl kann sich auch Bernd Graf erinnern. Der 44-Jährige aus Dörgenhausen ritt vor 30 Jahren zum ersten Mal mit. "Aber aufgeregt ist man jetzt noch, weil man oft das Pferd nicht kennt, auf dem man sitzt." Als erfahrener Reiter weiß er, worauf Neulinge achten sollten. Reiter, die nicht mitsingen und mitbeten, seien nicht gern gesehen, so Graf. "Man sollte sich nicht als Showreiter verstehen, sondern die Auferstehung des Herrn verkünden wollen."

Das möchte auch Alex. Weil er zu Hause kaum Sorbisch spricht, übt er die Lieder und Gebete für Ostersonntag mit seiner Oma. Seine gesamte Familie unterstützt die Vorbereitungen. Der Vater besorgt den grünen Myrtenkranz, seine Schwester will die Mähne von Hengst Erik kunstvoll einflechten. Vieles ist noch vorzubereiten. "Es ist Aufregung, es ist Stress, aber wir machen es gern", sagt Alex' Mutter, Annett Schmidt.

Im 475. Jahr wird die Tradition fortgeführt. Und Tradition ist auch: 14 ist das Mindestalter für einen Osterreiter "Dass ich schon als Zwölfjähriger an der Osterreiterprozession teilnehmen konnte (das war 1946), hatte ich mehr dem Zufall zu verdanken, denn ich durfte für den erkrankten Jurij Mros aus Sollschwitz mitreiten", schmunzelt Peter Bresan. Seither war er immer dabei - "egal bei welchem Wetter". Auch nicht beim schweren Sturm 1957 und dem Starkregen 1963, der den ganzen Tag über anhielt. Dass er so widerstandsfähig ist und ihn so leicht nichts aus der Bahn werfe, schreibt er seinen beiden Vornamen "Peter" für Petrus, der Fels, und "Jacob" für Jakobus - Patron der Pilger, zu. "Diese Vornamen wurden mir zum prägenden Lebensprogramm - auch weil ich in einer tiefgläubigen, arbeitsamen Familie aufgewachsen und erzogen worden bin", unterstreicht er und freut sich, dass er dieses Sinnbild auch an seine Familie weiterreichen konnte. "Wir sind fünf Osterreiter: mein Sohn Ambrosius (54), die Enkel Benno Bresan (32) und Florian Bresan (25) aus Bautzen sowie mein Schwiegersohn Tilo Sauer (46) aus Rosenthal." Und solange er aufs Pferd steigen kann, will er weiter mitmachen. "Ähnlich ist es mit dem Pilgern. Seit 15 Jahren laufe ich mit vielen Tausend Pilgern von Warschau nach Tschenstochau zur Schwarzen Madonna. Seit fünf Jahren geht‘s auch zum zweifach gekrönten Prager Jesuskind im Kloster der siegreichen Jungfrau Maria des Ordens der unbeschuhten Karmeliter. Für mich ist das der Dank an Gott für meinen geistigen Lebensweg. Solange mich die Beine tragen, werde ich auch weiterhin pilgern!"