Einfach den nördlichsten mit dem südlichsten und den östlichsten mit dem westlichsten Punkt verbinden und dann schauen, wo sich die beiden Linien schneiden?
Weit gefehlt. „So einfach geht das nicht“, erklärt Rainer Exner. „Schließlich ist der Landkreis nicht wirklich ein Kreis, sondern ein höchst unregelmäßig geformtes Gebilde.“ Polygone nennen Fachleute solch hochkomplexe Flächen, und ein Fachmann ist Rainer Exner als Geschäftsführer der in Bautzen ansässigen Ingenieurbüro Exner & Schramm GmbH zweifellos. Doch wie bestimmt man nun den Mittelpunkt eines Polygons, und ist das überhaupt exakt möglich? Letztere Frage beantwortet Rainer Exner mit einem klaren „Ja“. „Allerdings sprechen wir dabei nicht vom Mittel-, sondern vom Schwerpunkt des Polygons“, fügt er hinzu. Der Schwerpunkt stellt in der Physik jenen Punkt eines Körpers dar, von dem aus in alle Richtungen ein Schwere-Gleichgewicht herrscht. In diesem Fall nun ersetzt man das Gewicht durch die Fläche.
Was so einfach klingt, ist allerdings schwierig auszuführen. „Dazu sind komplizierte Berechnungen erforderlich, die wir am Computer vornehmen müssen“, erklärt Rainer Exner. Vor einigen Jahren berechneten seine Mitarbeiter schon einmal den Mittel-, pardon, Schwerpunkt des Altkreises Bautzen und fanden ihn – Zufall oder nicht? – quasi vor der eigenen Haustür, im Bautzener Stadtteil Stiebitz. Nun wurde dieselbe Berechnung (allerdings mit mittlerweile verfeinerten Methoden) auch für den neuen Landkreis Bautzen ausgeführt – und siehe da: Der Schwerpunkt befindet sich in Neudörfel (Gemeinde Räckelwitz). Nun könnte man dies Achsel zuckend zur Kenntnis nehmen, wäre nicht ausgerechnet dieses kleine 174-Seelen-Dorf Geburtsort des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich, wovon durch die stolzen Bürger angebrachte Hinweisschilder kurz hinter den Ortseingängen künden. Ansonsten besticht Neudörfel durch ein überaus gepflegtes Ortsbild und Kruzifixe vor fast jedem Grundstück - schließlich befinden wir uns hier mitten im sorbisch-katholischen Kernland.
Am Mittelpunkt des alten Landkreises Bautzen stellte die Ingenieurbüro Exner & Schramm GmbH gemeinsam mit dem damaligen Landkreis eine Stele auf, die von der Besonderheit des Punktes kündet. „Ich fände es schön, wenn so etwas auch am neuen Mittelpunkt möglich wäre“, bekennt Rainer Exner. Allerdings müsste man dann etwas vom exakten Schwerpunkt abweichen, denn dieser befindet sich unter dem Dach einer landwirtschaftlich genutzten Halle. Eine Möglichkeit wäre vielleicht das Areal der nahe gelegenen Wallfahrtskirche Rosenthal, noch näher liegt das (derzeit allerdings ungenutzte) Schloss Räckelwitz.
Übrigens ist Neudörfel nur einer von mehreren möglichen Schwerpunkten, für den man die Fläche als Grundlage genommen hat. Denkbar wäre es zum Beispiel auch, den „Bevölkerungsschwerpunkt“ zu ermitteln - dieser müsste dann aufgrund der dichteren Besiedlung deutlich weiter im Süden liegen.