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"Die Hundehalter sollten wachsam sein"

In den Hauseingängen der Neustadt finden Maria Hartig (l.) und Nadine Steiner bei ihren Spaziergängen mit Gismo und Emma regelmäßig ausgelegtes Futter. Ob mit oder ohne Gift, die Hundefreundinnen sind skeptisch und räumen es weg.
In den Hauseingängen der Neustadt finden Maria Hartig (l.) und Nadine Steiner bei ihren Spaziergängen mit Gismo und Emma regelmäßig ausgelegtes Futter. Ob mit oder ohne Gift, die Hundefreundinnen sind skeptisch und räumen es weg. FOTO: Mandy Decker/mdr1
Hoyerswerda. Knapp 200 Mitglieder zählt der Facebook-Account "Giftköder in und um Hoyerswerda" bereits. Dabei ist die Gründung der Gruppe erst zwei Wochen her. Am 25. März um 19.56 Uhr eröffneten Nadine Steiner und Maria Hartig den Run auf ein ambivalent diskutiertes Thema. Mandy Decker

Sie heißen Pinsel, Milow und Spike. Und ihre Frauchen und Herrchen sorgen sich in diesen Tagen sehr. Denn in Deutschland und auch in Hoyerswerda geht unter Hundebesitzern die Angst vor Giftködern um. "Lucy" hieß die Beagle-Hündin, auf deren plötzlichen Tod Nadine Steiner und Maria Hartig mit der Gründung der Gruppe im sozialen Netzwerk Facebook regierten. Ziel ist die gegenseitige und schnellstmögliche Information über verdächtige Futterauslagen. So wie es Familie Wasilevski mit einem warnenden Post an dem Tag vor drei Wochen tat, als ihre Lucy starb.

Petra Wasilevski erinnert sich gut an den Morgen, als ihre zehnjährige Hündin erste Vergiftungssymptome zeigte. Das zuvor völlig gesunde Tier habe plötzlich nicht mehr richtig laufen können, sich in den kommenden Tagen trotz mehrfacher Behandlung mit Infusionen in einer Tierklinik 50- bis 60-mal übergeben. Die behandelnde Ärztin habe mit großer Sicherheit die Aufnahme von Gift als Ursache benannt. Drei Tage dauerte Lucys Kampf bis Petra Wasilevski ihre geliebte Hündin vom Tiermediziner erlösen ließ.

Vor zwei Jahren sei schon einmal ein Hund aus der direkten Nachbarschaft vergiftet worden, erzählt die Hoyerswerdaerin. Manchmal wöchentlich, manchmal in vierzehntägigem Abstand würden die Futterköder in den Hauseingänge ausliegen. Die Täter streuen ihre "Waffe" zielgenau dort, wo auch Hunde wohnen, glaubt Maria Hartig beobachtet zu haben. Mal sei es Hunde-Trockenfutter, mal Katzennahrung. Erziehung und Glück seien die wichtigsten Faktoren, um ihrem einjährige Gismo den Zugriff zu verwehren.

"Ich kann über keinen Fall berichten, der in meiner Praxis mit letzter Sicherheit nachgewiesen worden wäre", sagt der Hoyerswerdaer Tierarzt Holger Metting. In einzelnen Fällen aus der jüngsten Vergangenheit aber hege er doch den dringenden Verdacht, dass die Patienten Symptome einer Vergiftung gezeigt hätten beziehungsweise diesen erlegen seien. "Es kann, aber es muss nicht", kommentiert Metting einen Tatbestand, den in der Regel nur gründliche Diagnoseverfahren ans Licht bringen können. Diese seien kostenintensiv, und sie erfordern eine Untersuchung des toten Tieres. Beides sei den vom plötzlichen Tod völlig überforderten Haltern kaum beizubringen. Eine umfassende toxikologische Untersuchung könne mehrere hundert Euro kosten, weiß Metting. Die Untersuchung verdächtiger Köder müsse aufgrund der Vielfalt von bis zu 1000 infrage kommenden Giftstoffe in einem Labor erfolgen. Seine Praxis sei zwar grundsätzlich Ansprechpartner für auffällige Futterfunde und übernehme die Kosten für den Versand und das Umverpacken des Materials, so Metting. Die Laborkosten aber müssten die Finder tragen. Dem schmerzlichen Verlust im Falle des Falles folge oft die resignative Feststellung, das mache das Tier auch nicht mehr lebendig, berichtet Metting aus 25-jähriger Erfahrung.

Die Symptome einer Vergiftung reichen von Störungen des Verdauungstraktes mit Durchfall und Erbrechen über das Nervensystem, das mit Zittern und Krämpfen reagieren kann, bis hin zu Blutgerinnungsstörungen. "Nur die private Initiative mit der Bereitschaft zur genauen Aufklärung kann helfen, wirkliche Beweise zu sammeln und behördlich reagieren zu können", betont Metting. Der Schutz sei ein verfassungsrechtlich im Tierschutzgesetz festgeschriebenes Gut mit öffentlichem Interesse, das von den Gesetzeshütern entsprechend zu behandeln sei.

In der Polizeidirektion Görlitz sieht man die aktuellen Entwicklungen eher kritisch. Das Thema "vergiftete Hundeköder" verbreite sich in sozialen Netzwerken nahezu unkontrolliert und in teils abenteuerlichen Versionen, informiert Pressesprecher Thomas Knaup. Die daraus resultierende Sensibilität von Hundehaltern sei zum einen verständlich, jedoch aus polizeilicher Sicht unbegründet. Die Kriminalstatistik kennt das Phänomen "vergiftete Hundeköder" nicht. Eine Aussage zu Fallzahlen sei deshalb nicht möglich. Grundsätzlich aber ginge die Polizei allen bekannt gewordenen Hinweisen nach. Ein bestätigter Verdacht könne als Verstoß gegen das Tierschutzgesetz wie auch als Sachbeschädigung erfasst werden. Strafanzeige zu erstatten stünde jedem Bürger frei, so Knaup. In jedem Fall seien die Tierhalter als Erste in der Pflicht, für das Wohl ihrer Schützlinge zu sorgen.

Tierarzt Holger Metting hält die zunehmende Angst jedoch keinesfalls für unbegründet. "Die Hundehalter sollten wachsam sein", rät er. Das Beste sei natürlich, wenn die Hunde die Köder meiden würden. Das liege jedoch im Gegensatz zur Katze, die einen ominös duftenden Köder eher nicht aufnehmen würde, leider nicht in der Natur des Hundes.