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| 16:09 Uhr

Hoyerswerda
Das „große Tor zur Welt“ bleibt zu

Früher war das kein Problem: klingeln und der Stellwerker ließ Reisende über den Überweg hinter den Gleisen passieren. Inzwischen ist das am Bahnhof Hoyerswerda allerdings verboten. Der Zugang ist nur noch für Rettungskräfte und Rollstuhlfahrer.
Früher war das kein Problem: klingeln und der Stellwerker ließ Reisende über den Überweg hinter den Gleisen passieren. Inzwischen ist das am Bahnhof Hoyerswerda allerdings verboten. Der Zugang ist nur noch für Rettungskräfte und Rollstuhlfahrer. FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda. Am Bahnhof Hoyerswerda müssen Radler und Eltern mit Kinderwagen die Treppe benutzen. Von Sascha Klein

Am Hoyerswerdaer Bahnhof gibt es ein kleines Tor zu großen Welt. Dieses kleine Tor kennt längst nicht jeder. Wer am Bahnhofsgebäude links vorbei geht – auf einen kleinen Weg zwischen Hauptgebäude und Stellwerk – läuft direkt auf dieses kleine Tor zu. Vor dem Tor ist eine gelbe Säule. Auf der Säule sind mehrere Knöpfe. Wer den unteren Knopf drückt, löst ein Klingel-Sig­nal beim Stellwerker aus, der einige Meter daneben an seinem Arbeitsplatz sitzt.

Wer sollte dort klingeln, wenn er doch eigentlich Zug fahren will? Dort klingeln immer wieder Bahnreisende, die entweder ihr Fahrrad dabei haben oder Eltern mit Kinderwagen oder ältere Menschen, die sich nur noch mit dem Rollstuhl oder mithilfe eines Rollators fortbewegen können. Für sie ist das tatsächlich das Tor zur großen Welt. Auf anderem Wege kommen sie nämlich nicht zu den vier Gleisen, die der Hoyerswerdaer Bahnhof für Personenzüge zu bieten hat. Nur noch über diesen einen speziellen Weg lassen sich innerhalb weniger Sekunden die Gleise erreichen, ohne die Treppen dafür benutzen zu müssen. Einen Aufzug gibt es am Hoyerswerdaer Bahnhof nicht.

Einer derjenigen, die dieses Tor zur großen Welt bislang regelmäßig genutzt hat, ist Christian Völker-Kieschnick. Der Familienvater aus Hoyerswerda ist öfter mit der Bahn unterwegs. Seit Tochter Ida auf der Welt und die Familie deshalb sehr oft mit dem Kinderwagen unterwegs ist, braucht sie diesen Übergang. Als sie letztens in den Kurzurlaub gefahren sind, haben sie den Überweg noch problemlos benutzt. Als sie jedoch zurückgekommen sind – wenige Tage später – stehen sie vor verschlossener Tür. Sie sprechen den Stellwerker an. Dort heißt es: Es gebe eine Dienstanweisung, dass außer Menschen mit Rollstuhl niemand mehr durchgelassen werden darf. Punkt. Christian Völker-Kieschnick traut seinen Ohren nicht. Etwas, das wenige Tage vorher noch Alltag gewesen ist, ist jetzt verboten. Der Lokführer eines Zuges nimmt Kontakt zum Fahrdienstleiter auf, erzählt Völker-Kiesch­nick. Auch dort die gleiche Ansage: Nein. Selbst Rückfragen bei der 3S-Zentrale der Bahn (Service, Sicherheit, Sauberkeit) bringt nichts Neues. Von dort heißt es: Die Familie solle die Treppe benutzen.

Christian Völker-Kieschnick will den Vorfall nicht auf sich sitzen lassen. Er schreibt an Gerald Hörster, den Präsidenten des Eisenbahnbundesamts und fragt: „Herr Hörster, vielleicht können Sie als Präsident des EBA mir und allen anderen Reisenden erklären, wie eine Seniorin mit ihrem Rollator, eine schwangere Frau, die vielleicht schon ein Kind im Kinderwagen hat, Menschen mit Fahrrädern und vielleicht Kinderanhänger in Hoyerswerda zum Zug kommen sollen, ohne ihre Gesundheit zu gefährden?“

Nach RUNDSCHAU-Informationen gibt es eine Dienstanweisung an die Stellwerker. Sie sagt: Soweit es möglich ist, dürfen Rollstuhlfahrer den Durchgang passieren. Daneben ist das auch Rettungskräften wie Notarzt, Feuerwehr und Polizei gestattet. Sonst darf niemand durchgelassen werden. Ein Hintergrund: Personen, die von den Bahngleisen 1 bis 4 zu dieser Tür kommen, achten oftmals nicht auf die Schilder und bringen sich womöglich in Lebensgefahr. Denn: Durch den Bahnhof Hoyerswerda fahren Güterzüge manchmal auch mit Tempo 120. Durch stehende Personenwagen sind etwa durchfahrende Loks erst im letzten Moment zu sehen.

Die RUNDSCHAU hat auch die Bahn um eine Stellungnahme gebeten. Die DB Pressestelle in Leipzig betont, der Bahnhof in Hoyerswerda sei „leider nicht barrierefrei gestaltet. Dies bedeutet, dass – mit Ausnahme der Fahrgäste, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind – die Bahnsteige für unsere Kunden nur über die Treppen zu erreichen sind.“ Früher hätten Reisende mit Rädern, Kinderwagen und Gehhilfen dieses Tor nutzen können, um zu den Gleisen zu gelangen. „Aus Gründen der betrieblichen Sicherheit hat die Leitung der DB Netz AG entschieden, dass dieser Zugang über das Tor nicht mehr ermöglicht wird.“ Stellwerker könnten den Reisenden im Zweifelsfall nicht helfen. Sie seien mit „betrieblichen und sicherheitsrelevanten Abläufen betraut“.