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| 02:41 Uhr

Die Erinnerung an Brigitte Reimann bleibt lebendig

Christel Lapko in der Reimann-Begegnungsstätte in Hoyerswerda.
Christel Lapko in der Reimann-Begegnungsstätte in Hoyerswerda. FOTO: Demczenko/dcz1
Hoyerswerda. Brigitte Reimann bleibt in Hoyerswerda lebendig. Das bestätigten zum 84. Geburtstag der 1973 mit 39 Jahren verstorbenen Autorin gut 30 Zeitzeugen und Literaturfreunde in der Begegnungsstätte im Wohnkomplex 1. dcz1

Die langjährige Freundin der Schriftstellerin, Irmgard Weinhofen, fehlt leider. Wegen eines Verkehrsunfalls ist ihr Bus aus Berlin nicht gefahren, erklärt Martin Schmidt, der Vorsitzende des Hoyerswerdaer Kunstvereins.

Eine anwesende Zeitzeugin ist Friseurin Christel Lapko, die Brigitte Reimann während ihrer Hoyerswerdaer Zeit von 1960 bis 1968 das lange schwarze Haar gepflegt hat. Eine Stunde Arbeit sei das immer gewesen. Und unter der Trockenhaube im Salon habe die Reimann viele Bücher gelesen und jede Menge Karo-Zigaretten geraucht. "Manchmal zeigte sie mir auch neu geschriebene Manuskriptseiten und fragte mich, wie es mir gefalle", erzählte Christel Lapko. Vieles davon habe Brigitte Reimann hinterher zerrissen, denn nur die besten Texte waren ihr selbst gut genug für eine Veröffentlichung. Sie gratulierte ihrer Friseurin zur Geburt der Tochter und berichtete von Begegnungen mit DDR-Staatschef Walter Ulbricht. Brigitte Reimann hat diese Momente immer genutzt, um auf die mangelnden kulturellen Möglichkeiten im Leben der Bewohner Hoyerswerdas hinzuweisen, sagt Christel Lapko.

Helene Schmidt vom Kunstverein, der die Begegnungsstätte betreibt, liest Ausschnitte aus den gesammelten Texten, Tagebüchern und Briefen von Brigitte Reimann. Die Autorin reflektiert darin ehrlich die Entwicklung von Hoyerswerda und die für die Bewohner der gleichförmig aussehenden Plattenbauten aktuellen Probleme. Im Ergebnis ihres Engagements begann 1963 in der Lausitzer Rundschau die Leserdiskussion "Kann man in Hoyerswerda küssen?", erzählt Martin Schmidt. 1964 ist dann das Jugendclubhaus "Ossi" eröffnet worden, dessen Bau Walter Ulbricht persönlich angewiesen hatte. Und 1968 entstand das Warenhaus. Das von Brigitte Reimann eingeforderte Theater wurde erst 1984 eröffnet: die Lausitzhalle. Noch zehn Jahre dauerte es, bis das Stadtzentrum der Neustadt mit dem Bau des Lausitz-Centers das heutige Gesicht bekam.

Das Kunstvereinsmitglied Christine Neudeck verweist auf Brigitte Reimanns Frühwerk "Wenn die Stunde ist, zu sprechen". Diese Geschichte um die Denunziation eines Lehrers durch seine Oberschülerin wurde nie vollendet, weil der Stoff aus politischen Gründen in den 1950er Jahren nicht druckbar war. Als jedoch der Bautzener Schauspieler Rainer Gruß, der erstmals die Begegnungsstätte besucht hatte, spontan die ersten Seiten der Erzählung vorlas, schimmerte schon die literarische Begabung der späteren "Franziska Linkerhand"-Autorin durch. Rainer Gruß fand es spannend, in der mit Hellerau-Möbeln aus den 1960er Jahren und dem Originalschreibtisch des Schriftstellers Siegfried Pitsch mann, dem Ehemann der Reimann, ausgestatteten Begegnungsstätte in die Aufbauzeit von Hoyerswerda einzutauchen.