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Die demografische Herausforderung bleibt

Michael Harig feierte im Sommer mit Freunden und Unterstützern seine Wiederwahl auf dem heimischen Grundstück in Crostau.
Michael Harig feierte im Sommer mit Freunden und Unterstützern seine Wiederwahl auf dem heimischen Grundstück in Crostau. FOTO: ume1
Mit dem RUNDSCHAU-Fragenkatalog haben Amtsinhaber der Region die Möglichkeit das Jahr 2015 Revue passieren zu lassen und einen Vorausblick auf das kommende Jahr zu wagen. Heute stellt sich der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) den Fragen.

Tops des Jahres: Nennen Sie bitte die drei größten Erfolge im Jahr 2015. Warum zählen Sie diese dazu?
Da wären zum einen der Durchbruch in der Diskussion um den Schulstandort Kamenz und das schnelle Wachsen des BSZ Wirtschaft und Technik in Bautzen, einer 22 Millionen Euro Investition, zu nennen. Natürlich auch die erfolgreiche Wiederwahl zum Landrat. Bei der Landratswahl haben sich die politischen Mitbewerber hinter einem Gegenkandidaten versammelt. Vor diesem Hintergrund bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Schulen sind eine Art "Inkubator" für eine weitere gute Entwicklung. Die Entscheidung des Freistaates zur Konzentration der IT-Kompetenz in Kamenz führte zum heutigen Ergebnis. Die Bedeutung der genannten Schulprojekte geht weit über die Grenzen der Städte Kamenz und Bautzen hinaus.

Flop des Jahres: Nennen Sie bitte die größte Niederlage im Jahr 2015? Warum zählt Sie aus Ihrer Sicht dazu beziehungsweise was ist schief gelaufen?
Eine politische Niederlage blieb mir erspart. Ich kann mich auf jeden Fall an keine erinnern. Ärgerlich war und ist, dass die Fahrgastschifffahrt im Lausitzer Seenland nicht aufgenommen werden konnte. Auch die Genehmigungsprozesse in Sachen Schiffbarkeit einschließlich der Freigabe der gesperrten Flächen lassen Luft nach oben erkennen. Auf der Liste des Unerledigten steht auch noch das Tarifproblem zwischen den Verkehrsverbänden ZVON und ZVOE. Das ist ärgerlich, da die Tarifgrenze quer durch den Landkreis verläuft. Was läuft schief? Beim Fahrgastschiff die Technik. Im Seenland werden die ursprünglichen Visionen leider zu sehr "verrechtlicht". Und bei den Tarifen ist es mir (noch) nicht gelungen, alle Beteiligten zu überzeugen.

Einmal in den Wünsche-Sack gegriffen: Was würden Sie sich für Ihren Landkreis wünschen, wenn Sie einen Wunsch frei hätten?
Weiterhin Frieden, Freiheit und ein größeres Demokratieverständnis. Die aktuelle Situation zeigt doch, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Wir brauchen einen guten Geist im Kreis, damit Entwicklungen möglich werden. Wirtschaft und Arbeit sind unsere Grundlagen. Grundlage für unser Sein als Menschen und unsere Gesellschaft. Ich wünsche mir eine größere Offenheit, auch gegenüber Fremden, und auch, dass Bürgermeister in Deutschland und Europa unterwegs sind. Unterwegs sind, um zu schauen, wie andere es machen. Unterwegs sind, um Kontakte zu knüpfen. Ich pflege zu sagen: Ohne Kontakte keine Kontrakte. Ich wünsche mir, dass wir es zunehmend besser verstehen, die Vorzüge des ländlichen Raumes stärker herauszustellen, damit Menschen bleiben und kommen.

Rückwärtsgang: Gibt es Entscheidungen, die Sie im Rückblick auf das Jahr 2015 anders machen würden? Falls ja, wie würde heute Ihre Entscheidung aussehen?
Durch Erfahrungen in der Flüchtlingskrise mussten wir viel lernen. Mit der Erfahrung von heute hätte ich das Ausländeramt viel eher gegründet, wäre auch eher auf alle Städte und Gemeinden direkter zugegangen.

To-Do-Liste: Welche Maßnahmen gehören aus Ihrer Sicht zu den größten Herausforderungen im Jahr 2016 und warum?
Dazu gehören die demografischen Veränderungen. Wir haben nicht zu viele alte, sondern zu wenig junge Menschen. Eine weitere gute Entwicklung wird nicht von der Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen, sondern von gut ausgebildeten Arbeitskräften abhängen. Auch das Thema Flüchtlinge und Integration der Hierbleibenden wird weiterhin viel Kraft und Verständnis abverlangen. Ebenso die Aufstellung des neuen Doppelhaushaltes wird ein anspruchsvolles Unterfangen.

Flüchtlingssituation: Alle Städte haben derzeit ein großes Problem, Flüchtlinge unterzubringen. Wie sehen Sie die aktuelle Situation im Landkreis Bautzen? Auf was müssen sich die Bürger 2016 einstellen?
Die Situation ist bei allen Problemen beherrschbar. Zurzeit konzentriert sich die Unterbringung in 15 von 59 Städten und Gemeinden. Die großen Städte wie Hoyerswerda leisten mit der Unterstützung vieler Ehrenamtlicher Großartiges. Das betrifft natürlich ebenso alle der genannten 15, auch wenn sie wie Neukirch, Sohland, Bernsdorf oder Haselbachtal nicht zu den Großen gehören.

Blick in die Glaskugel: Was denken Sie, wie die Region 2030 aussehen wird?
Meine Großmutter pflegte immer zu sagen: "Es bleiben so viele, wie die Scholle trägt." Unsere Aufgabe ist es die Scholle tragfähig zu halten beziehungsweise zu machen. Zurzeit ziehen viele junge Menschen ganz bewusst in die ländlichen Räume, zu denen auch unsere Mittelzentren, also die Städte gehören. Auch wenn der Veränderungsdruck anhält, ist mir um unsere Region nicht bange. Ein physikalisches Gesetz sagt, dass die Kräfte, die ein Ungleichgewicht auslösen, zum Gleichgewicht hinstreben. Miet- und Grundstückspreisentwicklungen, Anonymität und der verstärkte Wunsch, gesund und sinnstiftend zu leben, wird die Bewegung in die Ballungszentren verkehren. Wir müssen nur für Arbeit, Lebensqualität und Mobilität sorgen.