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| 18:15 Uhr

Die Fußball-WM und die Lausitz
Deutscher mit russischer Seele in Sorge um Frieden

Hoyerswerda. Torsten Ruban-Zeh aus Hoyerswerda sagt: „Mit unserem westlichen Demokratieverständnis ist Russland nicht zu begreifen.“ Von Kathleen Weser

Die Vorfreude auf die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist getrübt von Kritik: verletzte Menschenrechte, ausgebeutete Arbeiter beim Stadionbau, die annektierte Krim, der militärische Rückhalt aus Moskau für das syrische Assad-Regime. Torsten Ruban-Zeh (54), der Geschäftsführer des Kreisverbandes Lausitz der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Hoyerswerda, sieht die innen- und außenpolitischen Turbulenzen sehr wohl – hat aber trotzdem einen anderen Blick auf Russland. „Ich bin Deutscher mit russischer Seele“, sagt er. Und die werde hierzulande oft falsch interpretiert.

„Ich sehe den Frieden in Europa derzeit stärker in Gefahr als in den Zeiten des Kalten Krieges und Ende der 80er-Jahre, als die Mauer zu unserem größten Glück friedlich gefallen ist“, sagt Ruban-Zeh. Dieses Wunder sei nur möglich gewesen, weil die Linien der gegnerischen Militärbündnisse – des Nordatlantikpaktes (Nato) und der Staaten des Warschauer Vertrages – absolut geschlossen waren. „Die aktuelle diffuse Lage in Europa und der Welt macht mir deshalb große Sorge“, sagt Ruban-Zeh. An der deutschen Bundeskanzlerin beeindruckt den Sozialdemokraten eine Eigenschaft: Angela Merkel (CDU) spricht die Dinge schonungslos offen an. Aber den „hartnäckigen Versuch, anderen Nationen wie den Russen unsere westliche Demokratie verordnen zu wollen“, sieht Ruban-Zeh mit Sicherheit scheitern.

Der Wahl-Lausitzer ist in Russland aufgewachsen. Als Sohn eines Generalmajors hat er die Schule der Botschaft der DDR in Moskau besucht. Nach dem Abitur hat er das Studium an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) in Löbau aufgenommen. Seine Ausbildung zum Militärattaché ist von der politischen Wende in Ostdeutschland durchkreuzt worden. Und Torsten Ruban-Zeh hat den Entschluss gefasst, dem Militär – ganz undiplomatisch – den Rücken zu kehren. „Ich war Kommandeur einer Einheit in Halle. Meinen Leuten plötzlich in einer anderen Uniform gegenüberzutreten, lag mir nicht“, sagt er.

Nachdem er in Halle und Hoyerswerda zwei Globus-Märkte aufgebaut und geführt hat, kam der Tag der Rückkehr nach Russland: 2007 ist der Regionalleiter nach Moskau gegangen, um fünf weitere Verbrauchermärkte zum Laufen zu bringen. Hier hat Torsten Ruban-Zeh auch persönlich sein neues Glück gefunden. Seine zweite Ehefrau. Mit ihr und zwei gemeinsamen Kindern ist er nach Hoyerswerda zurückgekehrt - und als Geschäftsführer des Kreisverbandes Lausitz der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Hoyerswerda nun im sozialen Bereich tätig.

Die Russen seien gastfreundlich und offen für andere Kulturen, aber auch von großem Nationalstolz geprägt. Das Viel-Völker-Leben schweiße zusammen. Aber tiefe Konflikte wie der zwischen Russen und Tschetschenen haben Bestand. Und ein Phänomen zeichne Russland völlig unabhängig von den Machtverhältnissen aus: Richte sich Zorn gegen das Land, hielten die Russen vereint gegen. Auch leidensfähig. Die westlichen Sanktionen infolge der Annexion der Krim hält Ruban-Zeh für richtig – aber sie seien wenig wirksam. Wirklich spürbar sei nur, dass es in Moskau keinen guten Käse mehr gebe. „Die Russen werden zwar besser, aber sie können nicht wirklich guten Käse machen“, erklärt der regelmäßige Gast. Auf Milchprodukte brauche aber niemand zu verzichten. Die Markenhersteller von Joghurt und der Teigschnitte, der prächtige Schwimmeigenschaften in Milch nachgesagt werden, produzierten schließlich weiter in Russland. „Lebensmittel sind teurer geworden“, sagt Ruban-Zeh. Aber die Russen nähmen die wirtschaftlichen Nachteile bereitwillig in Kauf, wenn der außenpolitische Kurs Putins beibehalten werde.